Wahrscheinlich ist es für die Partnerin eines Fußballprofis die unangenehmste Art der Charakterisierung, sie Spielerfrau zu nennen. Nett gemeint ist so etwas nie. Je nach Gusto kann man in derlei Worte Boshaftigkeit deuten. Gegebenenfalls auch Neid.
Warum Rani Khedira den „Bruder von“-Stempel abgeschüttelt hat
Ähnlich ist es bei Spielern, wenn sie als Bruder von Weltmeister Soundso bezeichnet werden. Irgendwie klingt das nach zweiter Wahl. Das war selbst bei Dieter Hoeneß einst so, weil der Jüngere dieser Familie, Uli, 1974 Weltmeister geworden war, Dieter zwölf Jahre später aber „nur“ Vize. Danach traf das auf Tobias Schweinsteiger, Felix Götze und Felix Kroos zu, die Brüder der 2014er-Weltmeister Bastian, Mario und Toni. Ein nicht gerade schmeichelhaftes Etikett.
Die goldenen Union-Tore, die alles verändert haben
Allein Erwin Kremers kam 1974 aus diesem Schatten heraus. Das wohl aus mehreren teils kuriosen Gründen. Erstens waren er und sein Bruder Helmut die ersten Zwillinge in der Bundesliga. Zweitens hatte Erwin zwei Jahre vor dem WM-Triumph in jenem Team gestanden, das 1972 Europameister geworden war. Drittens wurde Helmut damals ohne Einsatz Weltmeister, was seinen Triumph ein wenig schmälert.
Zudem hatte Erwin viele Sympathisanten, als er kurz vor Turnierbeginn aus dem Kader flog. Denn der Grund dafür war spektakulär. Im letzten Ligaspiel, einem 0:4 seiner Schalker in Kaiserslautern, war er fünf Minuten vor dem Ende auf schier einmalige Weise vom Platz geflogen. Nach einem Foul an ihm wollte er einen Freistoß, den Schiedsrichter Max Klausner aber nicht gab.
Als Klausner das auf ihn gemünzte „blöde Sau“ gleich zweimal überhörte, holte Erwin zum ultimativen Schlag aus: „Noch einmal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!“ Ein drittes Mal konnte Klausner nicht auf Durchzug schalten.

Vor einigen Jahren brachte mancher auch Rani Khedira damit in Verbindung, nicht viel mehr als nur Weltmeister-Bruder zu sein. Zumal Sami fünf Jahre bei Real Madrid, sechs bei Juventus Turin spielte und in drei Ländern (mit dem VfB Stuttgart, danach in Spanien und Italien) Meister wurde, die Champions League und die Klub-Weltmeisterschaft gewann, während Rani in Leipzig, Augsburg und nun im fünften Spieljahr beim 1. FC Union Berlin um Anerkennung kämpft, aber als langjähriger Vizekapitän längst eigene Spuren hinterlässt.
Was Enthaltsamkeit, Mentalität und Ost-Härte gemeinsam haben
Vielleicht ist Rani auch nur so gut geworden, weil er sich schnell abzunabeln vermochte. Schon in seiner Stuttgarter Zeit legte er viel Wert darauf, nicht als Anhängsel betrachtet zu werden. Süffisant meinte er dazu nur: „Meine Eltern haben mir den Namen Rani gegeben und nicht Bruder von Sami.“ Schon damals sah er die Sache absolut klar und trennte für einen 20-Jährigen unheimlich scharf: „Ich habe nie Druck wahrgenommen, so gut zu werden wie mein Bruder. Schon immer wollte ich mein persönliches Maximum erreichen. Darauf werde ich irgendwann zurückschauen und mich daran messen.“

In Köpenick sind sie glücklich, einen wie ihn zu haben. Wegen seiner Tore, die nie so wichtig waren wie in dieser Spielzeit mit den goldenen Treffern bei den Siegen zuletzt gegen Leverkusen und im November beim FC St. Pauli. Ebenso wegen seiner Art, den Stil der Rot-Weißen zu prägen und das Eisern-Gefühl zu leben. Kaum jemand hat sich von einem Weltmeister-Bruder derart emanzipiert wie er. Nicht jeder bringt so viel mentale Stärke mit.



