Eine Premiere in mehrerer Hinsicht. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschließt für die Winterspiele 1980 in Lake Placid, im Biathlon den 10-Kilometer-Sprint der Männer aufzunehmen. Nach dem Einzelwettkampf gibt es mit dem Sprint nun eine zweite Einzelentscheidung.
Nachdem bis dahin die Skandinavier und UdSSR-Athleten die Olympiamedaillen unter sich ausgemacht haben, taucht plötzlich ein Sportler aus der DDR auf, der alle in den Schatten stellt.
DDR-Sportler Frank Ullrich wird erster deutscher Biathlon-Olympiasieger
Der erst 22 Jahre alte Frank Ullrich gewinnt die Premiere des Sprints. Er wird damit erster deutscher Olympiasieger im Biathlon – und das als DDR-Sportler.
Mehr noch: Er gewinnt auch Silber im Einzel und mit der DDR-Staffel. Die hoch gehandelten Rivalen aus der BRD müssen sich mit Platz drei zufriedengeben. Das Märchen ist perfekt. Ullrich ist der Star der Spiele. Bei der Abschlussfeier darf er stolz die DDR-Fahne tragen.
Ullrich schießt schwach, läuft aber stark
Bei seinem Husarenritt zeigt Ullrich, der für ASK Vorwärts Oberhof startet, die stärkste Laufleistung und ist trotz zweier Schießfehler nicht zu stoppen. Die Konkurrenz aus der UdSSR schießt zwar besser, kommt an die läuferische Klasse eines Ullrich an diesem 19. Februar 1980 aber nicht heran.
Ähnlich sieht es im Einzelwettkampf über 20 Kilometer aus. Wegen heftiger Winde verfehlt Ullrich drei Scheiben, die Konkurrenz schießt besser. Doch dank seiner Laufleistung wird es am Ende noch einmal knapp. Diesmal aber verpasst Ullrich die Sensation. Um winzige elf Sekunden muss er sich geschlagen geben, gewinnt Silber.
Nach dem Rennen legt die Mannschaftsleitung Protest für Ullrich ein. Begründung: Er habe nicht drei, sondern nur zwei Schießfehler begangen. Die Jury lehnt den Protest ab – Ullrich bleibt Silbermedaillengewinner.

Ullrich gewinnt danach keine Olympiamedaille mehr
Zum Abschluss gibt es für die DDR-Staffel um Ullrich Silber. Wieder einmal ist die Schießleistung des Teams und ihres Stars nicht berauschend, die Laufleistung dafür umso mehr. Am Ende stehen für Ullrich eine Gold- und zwei Silbermedaillen zu Buche – eine beeindruckende Ausbeute bei seinen ersten Olympischen Spielen.
Danach kann Ullrich an die großen Erfolge bei Olympia nicht mehr anknüpfen. Bei den Spielen 1984 in Sarajevo ist er zwar einer der großen Stars im DDR-Team und Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier, eine weitere Medaille bleibt ihm aber verwehrt. Danach beendet er seine Karriere.
Ullrich verliert den Glauben an den Sport
Die Entscheidung hat eine tragische Vorgeschichte. „1982 starb meine Frau, das war damals der härteste Schlag“, sagt Ullrich in einem Welt-Interview.
„Und was das Allerschlimmste war – und da habe ich den Glauben an das sportliche System ein bisschen verloren: Unser Sportchef Manfred Ewald, den ich damals gefragt hatte, ob ich vom Trainingslager fernbleiben dürfte, weil meine Frau im Sterbebett liegt, sagte mir, dass seine Frau ja auch mal krank sei und dass das nicht ginge. Dann starb sie, und ich bin zusammengebrochen. Ich konnte ihr nicht mehr helfen und habe mir wahnsinnige Vorwürfe gemacht. Danach habe ich mir gesagt: Ich mache nicht mehr weiter, ich höre auf.“

Nur mäßige Erfolge als Politiker
In der Karriere danach schlägt Ullrich viele Wege ein. Er trainiert die DDR-Auswahl (1987 bis 1990), wird Herren-Bundestrainer (1998 bis 2010), Cheftrainer Nachwuchs (2010 bis 2012) und Bundestrainer der Skilangläufer (2012 bis 2015).
Der aufsehenerregendste Schritt ist aber sein Wechsel in die Politik – allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Profilieren konnte er sich nicht. Bei der Kommunalwahl 2019 wurde er in den Stadtrat von Suhl gewählt, kandidierte aber erfolglos für die Thüringer Landtagswahl 2019. Im Februar 2021 trat er in die SPD ein.


