95. Geburtstag

DDR-Legende Täve Schur rechnet mit dem Profi-Radsport ab

Der Sportheld der einstigen DDR feiert seinen Ehrentag doppelt und lässt seinen Sohn als Absage-Grund  Radfahren durchgehen.

Author - Matthias Fritzsche
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Gustav-Adolf Täve Schur bekam 2025 den Verdienstorden des Landes Sachsen-Anhalt.
Gustav-Adolf Täve Schur bekam 2025 den Verdienstorden des Landes Sachsen-Anhalt.Christian Schroedter/imago

Sympathie kann man nicht verordnen. Der einstige Radrennfahrer Gustav-Adolf „Täve“ Schur ist im Osten Deutschlands gerade deshalb die Beliebtheit schlechthin. Obwohl er seit 63 Jahren keine Rennen bestreit, scharen sich die Menschen um ihn, wo immer er auftaucht. Zehn Bücher und zwei Broschüren sind über „Täve“ erschienen.

Täve Schur feiert Geburtstag im Familienkreis

Täve war einst in der Magdeburger Börde ein gängiger Spitzname für Gustav. Der zweimalige Ex-Weltmeister, vierfache Vater, zweifache Friedensfahrtsieger und neunmalige „DDR-Sportler des Jahres“ begeht am 23. Februar seinen 95. Geburtstag. Täve feiert zunächst im engsten Familienkreis in Heyrothsberge, dort, wo er geboren wurde, wo Täve Schur bei Grün-Rot Magdeburg mit dem Radsport begann und wo er mit seiner Frau Renate bis zu deren Tode 2020 wohnte und jetzt, allein, immer noch dort lebt.

 Gustav-Adolf Täve Schur bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom.
Gustav-Adolf Täve Schur bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom.imago

Allein, nicht ganz. „Mit einer langjährigen Nachbarin kochen wir jetzt im Wechsel gemeinsam unser Mittagessen“, verrät der Jubilar. Natürlich sitzen die Kinder Gusti, Susanna und Gus-Erik mit Freunden und Familien mit am Geburtstagstisch. „Nur der Olympiasieger Jan (63) fehlt. „Jan ist mit seiner Leipziger Trainingsgruppe auf Mallorca.“

Das ist für Täve allemal eine Entschuldigung. Die große Geburtstagsfete steigt ohnehin erst am 27. Februar im Festsaal von Kleinmühligen - gleich neben dem Friedensfahrt-Museum. Zahlreiche Radsportler aus ganz Deutschland, viele Fans und Freunde werden kommen. Seit Tagen hat „Täve“ sein Handy abgestellt. „Die Leute denken nicht daran. Ich werde 95 und nicht 20“, entschuldigt sich Gustav-Adolf Schur.

Bei Wind und Wetter strampelte Täve zur Arbeit

Ein Stückchen von der Hauptstraße entfernt, schmiegt sich in Heyrothsberge ein kleines Einfamilienhaus in die Landschaft. Der Jubilar hat das Grundstück von seinen Eltern geerbt. Hier ist er aufgewachsen und hier fand er die Liebe zum Radsport. Als Mechanikerlehrling strampelte er bei Wind und Wetter zur Arbeit nach Magdeburg. „Diese tägliche Bekanntschaft mit dem Fahrrad, brachten mich mit 16 Jahren dazu, Rennfahrer zu werden“, erinnert sich Täve.

Radsportlegende Gustav-Adolf-Täve-Schur mit Ehefrau Renate bei einer Festveranstaltung zu Ehren seines 85. Geburtstages.
Radsportlegende Gustav-Adolf-Täve-Schur mit Ehefrau Renate bei einer Festveranstaltung zu Ehren seines 85. Geburtstages.imago/CHROMORANGE

1951 gewann er sein erstes Rennen, nicht irgendeins. Es war „Rund um Berlin“, das älteste deutsche Straßenradrennen. Schur war in der ehemaligen DDR ungefähr das, was die Fußball-Weltmeisterelf von 1954 für die Bundesrepublik bedeutete. Millionen Menschen säumten im deutschen Osten die Straßen als Täve zum ersten Mal die Friedensfahrt gewann.

Täve Schur 1958: „Wahnsinn, er ist Weltmeister!“

Das war 1955. Millionen lauschten der Stimme des einstigen, leider schon verstorbenen, DDR-Star-Reporters Heinz-Florian Oertels als er 1958 jubelnd im französischen Reims ins Mikrofon schrie: „Täve Schur, unglaublich, Wahnsinn, er ist Weltmeister!“ Zwölf Monate später, im holländischen Zandvoort wiederholte Täve dieses Kunststück. Er ist der einzige Amateur-Weltmeister, dem es glückte, zweimal hintereinander das Regenbogen-Trikot zu erkämpfen.

Täve ließ Bernhard Eckstein ziehen

Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Fairness zeichneten den Rennfahrer aus. Der Name Täve Schur erhielt im August 1960 einen weiteren Popularitätsschub. Bei der Weltmeisterschaft auf dem Sachsenring lagen Schur, die inzwischen verstorbenen Bernhard Eckstein (Leipzig) und Willy Vandenberghen (Belgien) allein an der Spitze. Der Belgier konzentrierte sich auf Schur, doch der deutete einen Spurt nur an und ließ dann Eckstein ziehen.

Ein Trick, der dem Belgier zum Verhängnis wurde. Schur verzichtete auf seinen dritten Titel. „Aber wir haben das Regenbogentrikot für unser Land gewonnen“, strahlt der Magdeburger noch heute.

Handschlag zwischen Gustav Adolf Täve Schur (r.) und  Berlins Ex-Radprofi Jens Voigt. bei einer Veranstaltung zum 70-jährigen Jubiläum der Friedensfahrt am 23. Mai 2018 im Radsportmuseum Course de la Paix in Kleinmühlingen.
Handschlag zwischen Gustav Adolf Täve Schur (r.) und Berlins Ex-Radprofi Jens Voigt. bei einer Veranstaltung zum 70-jährigen Jubiläum der Friedensfahrt am 23. Mai 2018 im Radsportmuseum Course de la Paix in Kleinmühlingen.imago images/opokupix

Einige Wochen später schob Schur unter der Hitzeglocke von Rom den inzwischen ebenfalls verstorbenen damals völlig entkräfteten Erich Hagen ins Ziel und rettete damit für die gemeinsame deutsche Mannschaft die olympische Silbermedaille im 100-km-Mannschaftsfahren. Bei der Friedensfahrt 1963 trug Klaus Ampler das Gelbe Trikot.

In Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) schlug die Defekthexe bei Ampler zu. Panne! Schur zögerte keine Sekunde, überließ Ampler das Rad, wartete auf den Materialwagen und kam mit einer späteren Gruppe 1:15 Minuten zurück ins Ziel. Klaus Ampler, leider verstorben, wurde Etappen-Zweiter und gewann 1963 die 16. Friedensfahrt. Täve aber lag eine ganze Generation zu Füßen.

Kein Freund des Profiradsports

Täve war nie ein besonderer Freund des Profiradsports, deshalb gibt er zu: „Es geht mir bei der Tour de France oder bei den Radklassikern zu sehr ums Geld. Natürlich ist bei dem Einzelnen auch Ehre und der Wille zum Sieg dabei.“ Der Faszination der Großen Schleife konnte sich auch der Magdeburger nicht entziehen.

Der Ex-Weltmeister gesteht ehrlich: „Seit der Wiedervereinigung war ich viele Jahre bei der Tour de France. Ich hielt mich gern unter den Radsportfans aus ganz Europa auf. Mich begeistert die sportliche Leistung der Rennfahrer, wenn sie dünn wie die Katzen in einem geradezu unglaublichen Tempo den Col de Madeleine oder den Tourmalet emporklettern.“

Profis können Schluss machen, wenn das Geld stimmt

Die Profis verfügen auch über einen Vorteil: „Wenn sie genug Piepen verdient haben, können sie Schluss machen. Wenn ich nach meinem zweiten WM-Sieg Schluss gemacht hätte, würde sich heute kein Mensch für meine Bücher oder unser Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen interessieren.“ Tourgewinner und Olympiasieger Jan Ullrich, 14 Jahre nach Schurs letztem WM-Gewinn geboren, bekennt: „Täve ist nicht meine Zeit. Aber er steht für mich wie ein Turm.“

Jan Schur (r.) setzte die Familien-Tradition auf dem Rad fort, bekommt hier vom Papa Täve bei einem Rennen 1990 eine Trinkflasche.
Jan Schur (r.) setzte die Familien-Tradition auf dem Rad fort, bekommt hier vom Papa Täve bei einem Rennen 1990 eine Trinkflasche.Camera 4/imago

Täve Schur stürzte vom Dach, brach sich die Rippen

Trotz seines hohen Alters schwang sich Schur immer noch aufs Rad und spulte mit seinem Freund Wolfgang Lichtenberg bis zu 60 Kilometer an schönen Wochenendtagen in Sachsen-Anhalt oder mit Hobbyradlern in Italien herunter. „Doch damit ist nach meinem Unfall leider Schluss. Ich bin bei Arbeiten vom Dach gestürzt und habe mir die Rippen gebrochen.“

Gustav-Adolf Schur, von 1974 bis 1990 stellvertretender DTSB-Bezirksvorsitzender in Magdeburg, saß 32 Jahre in der DDR-Volkskammer. 1998 kandidierte er als PDS-Mitglied für den Bundestag und rückte über die Landesliste von 1998 bis 2002 ins deutsche Parlament. Auch das ist Schur als ein Phänomen der deutschen Sportgeschichte.

Erinnern Sie sich an die großen Erfolge von Täve Schur? Schicken Sie uns Ihre Meinung zum Thema an leser-bk@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!