Zurück in Suhl

Die DDR-Kultmopeds von Simson feiern ein lautes Comeback

S 50, S 51 und die Schwalbe werden jetzt zu Theaterstars. In Suhl wird an einem großen Projekt gearbeitet, das in dem alten Werk uraufgeführt wird.

Author - Stefan Henseke
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Die  drei erfolgreichsten Reiohen von Simson: die S 51, die Schwalbe und die S 50.
Die drei erfolgreichsten Reiohen von Simson: die S 51, die Schwalbe und die S 50.IMAGO/Wolfram Weber Tel. 039005-315

Mehrere Hunderttausend der unkaputtbaren Mopeds der Marke Simson sind bis heute im Osten unterwegs. Immer noch geliebt – und liebevoll gepflegt. Doch nach der Wende wurde das so erfolgreiche Werk von der Treuhand plattgemacht. Jetzt aber kommt das Theater um die Kultmarke wirklich ins Theater. Es soll noch in diesem Jahr im früheren Simson-Werk in Suhl uraufgeführt werden.

In der DDR wollte jeder Jugendliche eine Simson haben

Die DDR war ein Moped-Land. Während im Osten 123 dieser Fahrzeuge auf 1000 Einwohner kamen, waren es im Westen Deutschlands nur gut 31. Auch Theaterregisseur Janek Liebetruth (45), geboren in Wernigerode, hatte natürlich in seiner Jugend eine Simson. Eine S 51. In Gelb, von seinen Schwestern übernommen.

„Ich habe meine Fahrschule extra so gemacht, dass ich zum 16. Geburtstag den Führerschein hatte“, erzählt er in der Berliner Zeitung. „Und ich bin dann jeden Tag, Sommer wie Winter, zum Gymnasium nach Elbingerode gefahren.“

Das Herz von Liebetruth hängt bis heute an der Simson. Sein Theaterstück soll jetzt die Geschichte der Kultmarke – und ihre Rolle für die ostdeutsche Identität auf die Bühne bringen. Und das Theaterstück entsteht natürlich da, wo alles begann. In Suhl.

Simson-Theater im alten Simson-Werk

In der thüringischen Stadt hat die Arbeit an dem Theaterprojekt begonnen. Der Name: „Freiheit: Simson“. Und das Projekt wird kein abgehobenes Theatergequatsche. Liebetruth schaut dem Volk, den Simsonfans aufs Maul. Er spricht mit ehemaligen Simson-Mitarbeitern, mit Zeitzeugen der Wendejahre und jungen Menschen, die heute noch auf die Mopeds auf Suhl schwören.

Teilnehmer einer Ausfahrt mit DDR-Mopeds: Der Kult um Simson (hier zwei Schwalben) ist ungebrochen.
Teilnehmer einer Ausfahrt mit DDR-Mopeds: Der Kult um Simson (hier zwei Schwalben) ist ungebrochen.Future Image/Imago

Er will sich für das Theaterstück nichts ausdenken, sagt der Regisseur im MDR. Er wolle mit ganz vielen Menschen in Suhl persönlich reden und deren Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen auffangen und in einen Theatertext verwandeln.

Und Bühne heißt nicht Theater! Premiere soll „Freiheit: Simson“ auf dem alten Werksgelände feiern. „Wir stellen uns ja vor, das in einer Werkshalle stattfinden zu lassen – dort, wo die Simson-Mopeds zusammengeschraubt wurden“, sagt Theaterregisseur Janek Liebetruth dem MDR.

Und die, die heute noch Simson fahren, sollen Teil der Aufführung werden. Er spreche nicht nur mit den Menschen vor Ort, sagt Liebetruth. Nein, er will die echten Simsonfans auch gemeinsam mit den Schauspielern auf die Bühne holen.

Björn Höcke macht mit einer Simson Wahlkampf

Verstörend findet Liebetruth, dass auch die AfD das Kult-Moped für sich entdeckt hat, Björn Höcke mit einer Simson Wahlkampf macht. Und das vor allem vor dem Hintergrund der Geschichte von Simson. „Das sind zwei jüdische Brüder gewesen, die Waffenfabrikanten waren, bis die Nazis sie enteignet haben und dann diese Mopeds hergestellt haben“, der Theatermann. Aber der AfD gehe es ja oft um Abgrenzung, um Vereinzelung und Vereinnahmung.

Janek Liebetruth ist der Mann hinter dem Theaterstück „Freiheit: Simson“.
Janek Liebetruth ist der Mann hinter dem Theaterstück „Freiheit: Simson“.Zydre Venckus

„Die Simson steht für mich, der selber auf einer Simson gefahren ist als ostdeutsches Kind mit 16 Jahren, tatsächlich für Freiheit, für Jugend, für Mobilität“, sagt Janek Liebetruth. „Und das finde ich, ist mit den Werten, die die AfD vertritt, wenig zu vereinbaren.“

Die S fuffzig war in der DDR der Renner

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Sowjetische Militäradministration hier zuerst das Motorrad AWO 425 bauen, 1952 nahm der VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl den Betrieb auf.

Schon am 13. September 1962 rollte das einmillionste Kleinkraftrad aus den Werkshallen bei Simson. Die Schwalbe wurde ab 1964 gebaut, die Simson S 50 ab 1975. Die „S fuffzig“, wie sie liebevoll geannt wurde, und ihre Nachfolgemodelle wurden der Renner. 50 Kubik, 3 Gänge, 3,6 PS, 60 km/h schnell – oft getunt.

Ein Foto von 1967: Die Simson SR 1 ist eines der frühen Modelle aus Suhl.
Ein Foto von 1967: Die Simson SR 1 ist eines der frühen Modelle aus Suhl.Frank Sorge/imago

Und dann kam die Wende. Im März 1991 wurde die Liquidierung des Unternehmens durch die Treuhandanstalt eingeleitet, die Produktion kam zum 31. Dezember 1991 zum Stillstand.

Fast gleichzeitig schlossen sich einige der ehemaligen Mitarbeiter zur Suhler Fahrzeugwerk GmbH zusammen und versuchten einen Neustart. Bis 2002 wurden noch 47.000 Mofas, Kleinkraft- und Leichtkrafträder - dann war Schluss mit Neufahrzeugen ... Heute werden unter dem Markennamen Simson noch Ersatzteile und neue Motoren hergestellt.

Schreiben Sie Ihre Simson-Geschichten auf

Simson-Fans sind aufgerufen, sich an dem Theater-Projekt zu beteiligen. Unter simson@kuenstlerische-intelligenz.de kann sich jeder mit seinen Geschichten melden. Die Uraufführung ist für den Herbst diesen Jahres geplant.

Erzählen Sie uns doch auch ihre Simson-Geschichten. Berichten Sie uns über Ihre Erlebnisse mit den Kultmopeds, Ihre erste Schwalbe, Ihre erste S51, Ihre erste Ausfahrt und schicken uns Fotos von damals. Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com