Seine Kinder sollen auswandern

Dieser Späti-Besitzer hat die Schnauze voll von Berlin und seiner Bürokratie

Hasan Özmen betreibt einen Späti in Berlin-Wedding. Sein Traum von Deutschland ging nicht in Erfüllung. Er erzählt vom täglichen Kampf und wenig Hoffnung.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Hasan Özmen freut sich, wenn die Straße vor seinem Laden endlich  wieder frei ist. Mit seinem kleinen Laden kommt er kaum über die Runden.
Hasan Özmen freut sich, wenn die Straße vor seinem Laden endlich wieder frei ist. Mit seinem kleinen Laden kommt er kaum über die Runden.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Hasan Özmen hat einen Traum für seine drei Kinder. Sie sollen am besten in einem anderen Land als Deutschland glücklich werden. In Kanada vielleicht, wo er selber einmal hin wollte. In Deutschland sei es schwer geworden, es mit harter Arbeit auch zu etwas zu bringen, sagt er.

15 Stunden Arbeit am Tag reicht kaum zum Leben

Hasan Özmen steht in seinem „Tele Café“ in der Weddinger Burgsdorfstraße hinter dem Tresen. Jeden Tag fünfzehn Stunden lang, in der Woche arbeitet er 70 Stunden. Aber viel mehr, als wenn er zu Hause sitzen und Stütze kassieren würde, verdient er mit seinem Laden, den er seit 13 Jahren betreibt, nicht, sagt er.

Seine einzige Mitarbeiterin habe er entlassen müssen. „In Amerika oder in Kanada kann man mit viel Arbeit auch viel verdienen“, sagt Hasan. Hier in Deutschland zahle man aber nur immer mehr und mehr Steuern.

„Die Menschen hier in der Gegend haben kein Geld mehr. Hier im Wedding sind sind die meisten arm“, sagt Hasan Özmen. 80 Prozent der seiner Kunden, die hier Snacks, Tabak, Kaffee und Backwaren kaufen, sind Stammkunden. An ihrem Kaufverhalten könne Hasan in den letzten Jahren ziemlich genau  ablesen, wie es den unteren Schichten der Gesellschaft geht.

Armut im Kiez: Kein Geld für eine Brezel unterwegs

Es gibt Kunden, die wollen am Ende des Monats Zigaretten anschreiben lassen, erzählt Hasan. Eine Mutter wollte ihrem Kind keine Brezel kaufen, wir haben zu Hause noch Brot, sagte sie. Eine ältere Deutsche habe ihm weinend erzählt, sie esse nur noch zwei Mal am Tag statt drei Mahlzeiten.

Für manche sind selbst die 35 Cent für ein Brötchen zu viel. Früher haben die Jugendlichen nicht darüber nachgedacht, ob sie ihre Dose Red Bull bei Hasan kaufen oder im Discounter. Heute schon.

Dabei kalkuliert Hasan schon so gut er kann, aber ein kleiner Laden wie seiner kann niemals mit den großen Ketten mithalten. Eine Laugenbrezel kostet Özmen im Einkauf 50 Cent, in der Theke  liegt sie für einen Euro. Bei Lidl kostet sie 39 Cent, rechnet er vor und hebt  resignierend die Hände.

Der harte Kampf für eine Zukunft

„Wir kämpfen einfach weiter“ sagt er. Er und seine Frau, die eine Fortbildung zur Erzieherin macht. In Berlin haben sie sich kennengelernt, wer weiß, vielleicht wäre er sonst doch noch in Kanada, seinem Traumland, gelandet.

Vor allem für die drei Kinder heißt es jetzt aber: weitermachen. Einer der Söhne besucht die vierte Klasse, ein anderer die zehnte Kasse am Gymnasium, die Tochter hat gerade ihr Abitur gemacht und will Sozialarbeit studieren.

Dass sie in Deutschland ihr Glück finden, das wünscht er ihnen zwar, doch vielleicht liegt ihre Zukunft doch anderswo?

Hasan Özmen hat Angst vor der Kriminalität im Kiez

„Die Kriminalität hat in den letzten Jahren zugenommen. Das macht mir Angst“, sagt Hasan Özmen. Seit Corona sei es im Viertel bergab gegangen. In der Straße haben immer mehr Geschäfte dicht gemacht. Ihnen fehlten die Kunden, seit die Straße für den Autoverkehr gesperrt wurde.

Eine Bauruine, die einzustürzten drohte, machte die Straßensperrung notwendig. Es dauerte acht lange Jahre, bis sie nun endlich abgerissen wird. „Ein Jahr gebe ich mir und dem Laden noch“, sagt Hasan. „Wenn sich die Lage dann nicht bessert, muss auch ich zumachen.“

Dass hierzulande alles so lange dauert, hätte er von einem reichen Land wie Deutschland nicht gedacht. Das Gefühl von Lähmung ist greifbar, wenn Hasan über seinen Alltag spricht. Jetzt, wo die Ruine gegenüber abgerissen wird, schöpft er wieder etwas Hoffnung. „Mir ist egal, was da neu gebaut wird“, sagt Hasan, „Hauptsache die Leute kommen wieder hier entlang.“

Der ganze Kiez leidet seit Jahren unter einer Sperrung wegen einer einsturzgefährdeten Ruine.
Der ganze Kiez leidet seit Jahren unter einer Sperrung wegen einer einsturzgefährdeten Ruine.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Berlin-Wedding: Der harte Kampf um Kunden

In den vergangenen acht Jahren haben die Menschen sich während der Sperrung an andere Wege gewöhnt. Werden sie in Zukunft wieder bei Hasan Özmen vorbei kommen? Immerhin muss er bald seine Waren nicht mehr von weit her schleppen, Lieferfahrzeuge sollen ab März die Straße wieder passieren können.

Während rings um seinen Laden Fahrradstraßen entstehen und die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen, kämpft Hasan leise um sein Glück in Deutschland. Nicht für sich, aber für seine  Kinder, die es einmal besser haben sollen. In Deutschland?

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