Hasan Özmen hat einen Traum für seine drei Kinder. Sie sollen am besten in einem anderen Land als Deutschland glücklich werden. In Kanada vielleicht, wo er selber einmal hin wollte. In Deutschland sei es schwer geworden, es mit harter Arbeit auch zu etwas zu bringen, sagt er.
15 Stunden Arbeit am Tag reicht kaum zum Leben
Hasan Özmen steht in seinem „Tele Café“ in der Weddinger Burgsdorfstraße hinter dem Tresen. Jeden Tag fünfzehn Stunden lang, in der Woche arbeitet er 70 Stunden. Aber viel mehr, als wenn er zu Hause sitzen und Stütze kassieren würde, verdient er mit seinem Laden, den er seit 13 Jahren betreibt, nicht, sagt er.
Seine einzige Mitarbeiterin habe er entlassen müssen. „In Amerika oder in Kanada kann man mit viel Arbeit auch viel verdienen“, sagt Hasan. Hier in Deutschland zahle man aber nur immer mehr und mehr Steuern.
„Die Menschen hier in der Gegend haben kein Geld mehr. Hier im Wedding sind sind die meisten arm“, sagt Hasan Özmen. 80 Prozent der seiner Kunden, die hier Snacks, Tabak, Kaffee und Backwaren kaufen, sind Stammkunden. An ihrem Kaufverhalten könne Hasan in den letzten Jahren ziemlich genau ablesen, wie es den unteren Schichten der Gesellschaft geht.
Armut im Kiez: Kein Geld für eine Brezel unterwegs
Es gibt Kunden, die wollen am Ende des Monats Zigaretten anschreiben lassen, erzählt Hasan. Eine Mutter wollte ihrem Kind keine Brezel kaufen, wir haben zu Hause noch Brot, sagte sie. Eine ältere Deutsche habe ihm weinend erzählt, sie esse nur noch zwei Mal am Tag statt drei Mahlzeiten.
Für manche sind selbst die 35 Cent für ein Brötchen zu viel. Früher haben die Jugendlichen nicht darüber nachgedacht, ob sie ihre Dose Red Bull bei Hasan kaufen oder im Discounter. Heute schon.
Dabei kalkuliert Hasan schon so gut er kann, aber ein kleiner Laden wie seiner kann niemals mit den großen Ketten mithalten. Eine Laugenbrezel kostet Özmen im Einkauf 50 Cent, in der Theke liegt sie für einen Euro. Bei Lidl kostet sie 39 Cent, rechnet er vor und hebt resignierend die Hände.
Der harte Kampf für eine Zukunft
„Wir kämpfen einfach weiter“ sagt er. Er und seine Frau, die eine Fortbildung zur Erzieherin macht. In Berlin haben sie sich kennengelernt, wer weiß, vielleicht wäre er sonst doch noch in Kanada, seinem Traumland, gelandet.
Vor allem für die drei Kinder heißt es jetzt aber: weitermachen. Einer der Söhne besucht die vierte Klasse, ein anderer die zehnte Kasse am Gymnasium, die Tochter hat gerade ihr Abitur gemacht und will Sozialarbeit studieren.
Dass sie in Deutschland ihr Glück finden, das wünscht er ihnen zwar, doch vielleicht liegt ihre Zukunft doch anderswo?
Hasan Özmen hat Angst vor der Kriminalität im Kiez
„Die Kriminalität hat in den letzten Jahren zugenommen. Das macht mir Angst“, sagt Hasan Özmen. Seit Corona sei es im Viertel bergab gegangen. In der Straße haben immer mehr Geschäfte dicht gemacht. Ihnen fehlten die Kunden, seit die Straße für den Autoverkehr gesperrt wurde.
Eine Bauruine, die einzustürzten drohte, machte die Straßensperrung notwendig. Es dauerte acht lange Jahre, bis sie nun endlich abgerissen wird. „Ein Jahr gebe ich mir und dem Laden noch“, sagt Hasan. „Wenn sich die Lage dann nicht bessert, muss auch ich zumachen.“
Dass hierzulande alles so lange dauert, hätte er von einem reichen Land wie Deutschland nicht gedacht. Das Gefühl von Lähmung ist greifbar, wenn Hasan über seinen Alltag spricht. Jetzt, wo die Ruine gegenüber abgerissen wird, schöpft er wieder etwas Hoffnung. „Mir ist egal, was da neu gebaut wird“, sagt Hasan, „Hauptsache die Leute kommen wieder hier entlang.“





