Ein Moment für die Ewigkeit. Weite Flanke von rechts in den Strafraum. Die Verteidiger wirken unsortiert, können den gegnerischen Angreifer nicht stoppen. Der täuscht eine Finte an, verzögert, hebt den Ball über den Torwart hinweg ins Tor. Jürgen Sparwasser trifft zum Sieg für die DDR gegen die Bundesrepublik. Sparwasser wird zur Legende.
Hamann bereitet eines der legendärsten WM-Tore vor
Während sein Name für alle Zeiten unvergessen bleibt, ist der eines anderen Spielers bis heute weitgehend unbekannt: Erich Hamann. Er ist es, der am 22. Juni 1974 bei der Fußball-WM die Flanke auf Sparwasser schlägt und damit im deutsch-deutschen Duell eines der legendärsten Tore der WM-Geschichte vorbereitet.
Die Westdeutschen kennen Erich Hamann gar nicht
Sein Name spielt in den Erzählungen danach dennoch kaum eine Rolle. Während Sparwasser im In- und Ausland zum Star wird, kennt Erich Hamann kaum jemand. Bis heute ist das so.

„Man sieht das oft im Fernsehen, dass ich den Pass geschlagen habe. Mein Name wurde auch laufend falsch erwähnt oder gar nicht erwähnt“, sagt Erich Hamann. Das seien meist die Westdeutschen gewesen, „die unsere Namen gar nicht kannten“.
Hamann wird kurz vor dem DDR-Siegtor eingewechselt
Das WM-Spiel gegen den Nachbarn und Klassenfeind ist für Hamann eines von nur drei Länderspielen. Er wird kurz vor dem Führungstreffer von Sparwasser eingewechselt. In der 77. Minute hat er seinen großen Auftritt.
Ich spielte 1974 den Todes-Pass.
Der Moment beginnt mit einem Dribbling von Hamann, der von keinem DFB-Spieler angegriffen wird. „Der Auswechselspieler von Vorwärts Ost-Berlin hat die Mittellinie überdribbelt“, kommentiert Heribert Faßbender damals für das Radio der ARD. „Sieht sich jetzt Beckenbauer gegenüber. Zieht es vor, steil zu spielen auf Sparwasser. Schöne Aktion! Schussmöglichkeit! Und Tor!“
Kurios: Faßbender spricht in seinem Kommentar von Vorwärts Ost-Berlin. Dabei heißt der Verein zu der Zeit bereits FC Vorwärts Frankfurt (Oder), weil er nach einem Beschluss des Verteidigungsministeriums nach Frankfurt (Oder) delegiert wurde.
Hamann gilt eher als Kämpfer und Läufer
Sparwasser wird zum Helden, Hamann zur Randnotiz – so zumindest die öffentliche Wahrnehmung. Anders bei den Spielern? „50 Prozent des wichtigsten DDR-Treffers gehörten Erich Hamann“, sagt Sparwasser. Und Hamann selbst kommentiert seine Vorlage mit einem Augenzwinkern: „Ich spielte 1974 den Todes-Pass.“
Dass der heute 81-Jährige aus Pasewalk diesen Pass überhaupt gespielt hat, ist eine Überraschung. Schließlich ist er kein Techniker, eher Kämpfer und Läufer. „Das war ein Erlebnis, dass ich noch diesen Pass schlagen durfte auf Sparwasser. Ich wollte ihn ja nicht umsonst laufen lassen, deswegen habe ich ja den Pass rübergeschlagen“, sagt der Vorlagengeber.
Hamann wartet fünf Jahre auf sein zweites Länderspiel
„Ich kann es heute nicht erklären, warum ich überhaupt gelaufen bin“, sagt Sparwasser zu seinem Drang in den Strafraum. „Ich habe mich verrechnet, der Ball springt auf, ich wollte ihn mit der Brust nehmen, da habe ich ihn auf meine kleine Stupsnase bekommen. Da hat sich der Laufweg verändert, die drei, die mich verfolgt haben, haben gestoppt, da war ich vorbei. Es war auch Glück dabei.“
Während Hamann an diesem Tag viel Glück hat, bleibt ihm das an anderer Stelle verwehrt. Bereits am 22. Juni 1969 debütiert er gegen Chile in der Nationalmannschaft. Dann lange Länderspielpause. Bis zum 22. Juni 1974. „Ete“ kommt zu seinem zweiten Einsatz. Nach fünf Jahren! „Ein tolles Gefühl damals. Klar stand immer der Jürgen im Mittelpunkt. Aber jeder wusste, dass ich daran meinen Anteil hatte“, sagt er. Sein drittes Spiel bestreitet er in der Zwischenrunde der WM gegen Brasilien (0:1). Nach dem Ausscheiden der DDR kommt er bei Länderspielen nicht mehr zum Einsatz.
Erich Hamann lebt zurückgezogen in Frankfurt (Oder)
Die Karriere von Erich Hamann endet im Sommer 1977 bei Traktor Groß Lindow, wo er die letzten beiden Jahre verbracht hat. Danach arbeitet er als Trainer der Reservemannschaft des FC Vorwärts und führt diese aus der Bezirksliga in die DDR-Liga. Zeitweise ist er bei den Frankfurtern auch Interimstrainer der ersten Mannschaft. Sein letztes Engagement ist im Juli 2009 das Männerteam des Angermünder FC.

Heute lebt Erich Hamann zurückgezogen in Frankfurt (Oder). Öffentlich tritt er seit Jahren nicht mehr in Erscheinung. Er bleibt bis heute der Schatten von Jürgen Sparwasser.




