Keine Hoffnung mehr

Wie lange muss Wal Timmy noch leiden?

Der Zustand des gestrandeten Buckelwals vor der Ostseeinsel Poel hat sich weiter verschlechtert. Timmy wird sterben. Wie lange wird sein Todeskampf dauern? Kann der Wal nicht erlöst werden?

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Einsatzkräfte nähern sich dem gestrandeten Buckelwal vor der Ostseeinsel Poel.
Einsatzkräfte nähern sich dem gestrandeten Buckelwal vor der Ostseeinsel Poel.Philip Dulian/dpa

Am Schicksal des Buckelwals Timmy in der Ostsee nimmt das ganze Land Anteil. Hoffnung auf Rettung, auf ein Überleben des gestrandeten Tieres haben die Experten jedoch inzwischen nicht mehr. Der junge Wal wird sterben. Wie groß ist sein Schmerz? Wie lange wird er noch leiden müssen?

Wie lange wird Wal Timmy noch leben?

„Schwerstkrank“ sei der Patient, sagte Till Backhaus, Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, am Dienstagabend über den Zustand des Buckelwals. Bei der Pressekonferenz machten Wissenschaftler klar, dass der Meeressäuger nicht lebend geborgen werden würde, er sich aber auch nicht aus eigener Kraft befreien werde. 

„Das ist eine der schwersten Entscheidungen, die ich in meinen 28 Jahren als Minister treffen musste“, betonte Backhaus. Aber Verantwortung bedeute, auch solche Entscheidungen zu treffen, „unabhängig davon, ob sie einem persönlich schwerfallen“. 

Die Tragödie um Timmy wird mit seinem Tod enden, so viel scheint klar. „Wir wissen nur nicht, wie lange er noch braucht für diesen Prozess“, sagt Backhaus. „Das wissen wir alle nicht. In der Wissenschaft sagt man: Wenn er an Land liegt, um die fünf Tage, wenn er im Wasser ist, kann es auch länger dauern.“

Till Backhaus (SPD), Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, bei einem Gespräch mit der Presse am 4. April.
Till Backhaus (SPD), Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, bei einem Gespräch mit der Presse am 4. April.Marcus Golejewski/dpa

Welche Verletzungen und Schmerzen hat der Wal?

Der 12,35 Meter lange, 3,20 Meter breite und 1,60 Meter hohe Buckelwal liegt seit fast einer Woche an derselben Stelle vor der Insel Poel. Nach Stand von Dienstagabend „in einer Mulde im sehr weichen Sediment von etwa 30 Zentimetern“, informierte der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Burkard Baschek.

Bei einem Wasserstand von 1,40 Metern. Der Rücken des Wals rage rund 40 Zentimeter aus dem Wasser. „Wenn das Tier sich aus eigener Kraft freischwimmen wollte, bräuchte es einen Wasserstand, der um etwa 60 Zentimeter höher ist als heute.“ Doch das Wasser wird wohl eher sinken – und damit auch jegliche Hoffnung.

Dem jungen Buckelwal geht es zunehmend schlechter. Auf Annäherung per Boot habe er nicht mehr reagiert, berichtet Stephanie Groß vom Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW). Durch den niedrigen Wasserstand und den geringen Salzgehalt in der Ostsee hat der Wal Hautprobleme.

Die Haut fange an, „auf der Oberfläche deutlich einzureißen“, sagt die Expertin. Seit dem Wochenende ist bekannt, dass Timmy auch verletzt ist, mutmaßlich durch Schiffsschrauben. Zudem gebe es Abdrücke, wahrscheinlich von einem Netz.

Wie und woran wird der Wal sterben?

Dass der Wal im Sand gestrandet ist und nicht mehr vom Fleck kommt, ist fatal. „Hauptgründe für das Sterben eines Wals am Strand sind Lageschäden, Überhitzung und Vorschädigungen“, erklärt Tom Bär vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. „Größere Wale erleiden dabei Schäden durch die Kompression, insbesondere in der Lunge, da sie normalerweise ihr Körpergewicht nicht tragen müssen, sondern durch das Wasser und Luft in der Lunge Auftrieb haben.“ 

Der Tod des Tieres scheint damit besiegelt. Wie sein Leben enden wird, können Wal-Experten sagen. „Bei einem Großwal kann der Sterbeprozess mehrere Tage dauern, während denen der Druck des eigenen Körpergewichts zunehmend die Organe schädigt“, erläutert die Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt von der Organisation Whale and Dolphin Conservation. Das führe irgendwann zu einem Kreislaufkollaps und Organversagen.

Der junge Buckelwal, wie er auf einer Sandbank in der Wismarbucht festlag.
Der junge Buckelwal, wie er auf einer Sandbank in der Wismarbucht festlag.Daniel Müller/Greenpeace

Wenn der Wal gestorben ist, fehle die Atmung über einen längeren Zeitraum von etwa einer Stunde, sagt die Expertin. Wenige Tage nach dem Tod würden Gase den Kadaver aufblähen und für Verwesungsgerüche sorgen. Auf hoher See sinken Wale nach dem Tod laut Bär auf den Boden und stellen dort eine wichtige Nahrungsressource für viele Arten dar.

Warum wird Wal Timmy nicht erlöst?

Kann man Timmy nicht erlösen? Das wurde nach Prüfung vom zuständigen Ministerium verworfen. Minister Backhaus schloss jegliche Form von „Sterbehilfe“ für den Wal aus. Bei den grundsätzlich anwendbaren Methoden – wie dem Einsatz einer Harpune, der Verabreichung von Giftstoffen oder einer Sprengung – gebe es ein erhebliches Restrisiko, dass sie nicht unmittelbar wirken und das Tier dadurch zusätzlich leiden würde. „Das wird hier nicht stattfinden“, sagte Backhaus bereits am Sonntag. „Wir können den Wal nicht einfach erlösen durch was auch immer.“

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com