Todeskampf

Lasst Buckelwal „Timmy“ in Frieden – Schluss mit dem Spektakel

Der junge Buckelwal liegt und leidet vor der Ostseeinsel Poel. Ein Künstler nimmt seine letzten Laute auf. Ein Kommentar!

Author - Stefan Doerr
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Einsatzkräfte der Feuerwehr benetzen den Rücken des Wals, der aus dem Wasser ragt.
Einsatzkräfte der Feuerwehr benetzen den Rücken des Wals, der aus dem Wasser ragt.Marcus Golejewski/dpa

Es gibt Geschichten, bei denen man sich wünscht, sie würden leiser erzählt. Ohne Live-Ticker, ohne Nahaufnahme, ohne den Drang, noch das letzte Zittern in ein verwertbares Bild zu verwandeln. Der junge Buckelwal „Timmy“ in der Ostsee ist so eine Geschichte. Und doch passiert gerade das Gegenteil.

Mitgefühl hat eine Grenze

Ein Tier, das sich verirrt hat, geschwächt ist, von einer Schiffsschraube verletzt vermutlich dem Tod geweiht ist, ringt seit Tagen um sein Leben.  Und drum herum ein medialer Jahrmarkt. Kameras, Boote, Handys, Experten waren vor Ort und jetzt auch noch ein Künstler, der „das Weinen des Wals“ aufgenommen hat. Hier läuft etwas mächtig schief.

Der junge Buckelwal liegt fest auf einer Sandbank in der Wismarbucht.
Der junge Buckelwal liegt fest auf einer Sandbank in der Wismarbucht.Daniel Müller/Greenpeace

Aus Anteilnahme wurde ein Spektakel

Natürlich berührt das Schicksal. Natürlich ist da echtes Mitgefühl. Ein junger Buckelwal gehört nicht in die Ostsee, schon gar nicht in diesen Zustand. Aber Mitgefühl hat eine Grenze. Und die ist spätestens dann erreicht, wenn aus Anteilnahme ein Spektakel wird.

„Das Weinen des Wals“! Das klingt nach Poesie, nach Tiefe, nach einem besonderen Zugang zur Natur. In Wahrheit ist es vor allem eines: eine Inszenierung. Wale geben Laute von sich, ja. Sie kommunizieren, sie orientieren sich, sie reagieren auf Stress. Aber daraus ein „Weinen“ zu machen, ist menschliche Projektion. Und diese Projektion wird hier vermarktet.

Währenddessen liegt das Tier im Wasser und stirbt. Man fragt sich: Würde man das auch tun, wenn ein Reh am Waldrand im Todeskampf liegt? Würde man sich danebenstellen, das Röcheln aufnehmen und daraus ein Kunstprojekt machen?

Ein Boot der Umweltschützer von Greenpeace nähert sich dem Buckelwal.
Ein Boot der Umweltschützer von Greenpeace nähert sich dem Buckelwal.Marcus Golejewski/dpa

Wahrscheinlich nicht. Es geht auch um Respekt. Ein sterbendes Tier braucht Ruhe. Abstand. Keine Boote, keine neugierigen Blicke, keine kreative Verwertung seines Leidens. Jeder zusätzliche Stress kann den Zustand verschlimmern. Jeder Annäherungsversuch ist einer zu viel.

Und doch scheint genau das viele nicht zu interessieren. Hauptsache, man war dabei. Hauptsache, man hat etwas eingefangen, das andere noch nicht haben. Selbst das Sterben.

Der Buckelwal ist kein Symbol, kein Kunstobjekt und kein viraler Moment. Er ist ein Tier, das leidet. Und das wahrscheinlich sterben wird. Vielleicht wäre es an der Zeit, genau das auszuhalten und „Timmy“ die Chance zu geben, seinen letzten Weg würdevoll ohne menschliche Neugier, ohne Hysterie und Spektakel zu gehen.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com