Es gibt Geschichten, bei denen man sich wünscht, sie würden leiser erzählt. Ohne Live-Ticker, ohne Nahaufnahme, ohne den Drang, noch das letzte Zittern in ein verwertbares Bild zu verwandeln. Der junge Buckelwal „Timmy“ in der Ostsee ist so eine Geschichte. Und doch passiert gerade das Gegenteil.
Mitgefühl hat eine Grenze
Ein Tier, das sich verirrt hat, geschwächt ist, von einer Schiffsschraube verletzt vermutlich dem Tod geweiht ist, ringt seit Tagen um sein Leben. Und drum herum ein medialer Jahrmarkt. Kameras, Boote, Handys, Experten waren vor Ort und jetzt auch noch ein Künstler, der „das Weinen des Wals“ aufgenommen hat. Hier läuft etwas mächtig schief.

Aus Anteilnahme wurde ein Spektakel
Natürlich berührt das Schicksal. Natürlich ist da echtes Mitgefühl. Ein junger Buckelwal gehört nicht in die Ostsee, schon gar nicht in diesen Zustand. Aber Mitgefühl hat eine Grenze. Und die ist spätestens dann erreicht, wenn aus Anteilnahme ein Spektakel wird.
„Das Weinen des Wals“! Das klingt nach Poesie, nach Tiefe, nach einem besonderen Zugang zur Natur. In Wahrheit ist es vor allem eines: eine Inszenierung. Wale geben Laute von sich, ja. Sie kommunizieren, sie orientieren sich, sie reagieren auf Stress. Aber daraus ein „Weinen“ zu machen, ist menschliche Projektion. Und diese Projektion wird hier vermarktet.
Währenddessen liegt das Tier im Wasser und stirbt. Man fragt sich: Würde man das auch tun, wenn ein Reh am Waldrand im Todeskampf liegt? Würde man sich danebenstellen, das Röcheln aufnehmen und daraus ein Kunstprojekt machen?

Wahrscheinlich nicht. Es geht auch um Respekt. Ein sterbendes Tier braucht Ruhe. Abstand. Keine Boote, keine neugierigen Blicke, keine kreative Verwertung seines Leidens. Jeder zusätzliche Stress kann den Zustand verschlimmern. Jeder Annäherungsversuch ist einer zu viel.
Und doch scheint genau das viele nicht zu interessieren. Hauptsache, man war dabei. Hauptsache, man hat etwas eingefangen, das andere noch nicht haben. Selbst das Sterben.


