Prozess

Moskau verurteilt deutschen Bildhauer Tilly zu langer Haftstrafe

Russland reagiert jeck auf unerwünschte Karnevalswagen. Der Künstler antwortet mit Spott auf das Urteil eines russischen Gerichts.

Author - Stefan Doerr
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Bildhauer Jacques Tilly wurde zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.
Bildhauer Jacques Tilly wurde zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.Oliver Berg/dpa

Düsseldorfer Karnevalswagen sorgen in Moskau für ein politisches Nachspiel. Und für ein Urteil, das international für Kopfschütteln sorgt. Ein Gericht in der russischen Hauptstadt hat den deutschen Bildhauer Jacques Tilly in Abwesenheit zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Satirische Karnevalswagen sind Moskau ein Dorn im Auge

Der Vorwurf: Verletzung religiöser Gefühle und die Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte. Außerdem soll Tilly rund 2000 Euro zahlen und erhält ein vierjähriges Arbeitsverbot.

Richter Konstantin Otschirow verkündete das Urteil in einem Verfahren, das von Beginn an umstritten war. Hintergrund sind Tillys satirische Karnevalswagen, die seit Jahren Kremlchef Wladimir Putin und den Krieg gegen die Ukraine scharf kritisieren. Seine Motive schaffen es regelmäßig auf internationale Titelseiten. Und genau das scheint Moskau ein Dorn im Auge zu sein.

Ein Karnevalswagen von Tilly zeigt Putin, der sich an der Ukraine verschluckt.
Ein Karnevalswagen von Tilly zeigt Putin, der sich an der Ukraine verschluckt.Michael Gstettenbauer/Imago

Ein Karnevalswagen sorgte besonders für Ärger

Die Staatsanwaltschaft hatte sogar neun Jahre Haft gefordert. Die Pflichtverteidigerin plädierte hingegen auf Freispruch: Es fehle an Beweisen, sagte sie. „Aufgrund dessen war es nicht möglich, die Ziele und Motive zu beurteilen.“ Die deutsche Botschaft konnte keinen Kontakt zu Tilly herstellen, was die Verteidigung zusätzlich erschwerte.

Im Prozess war immer wieder von einer Beleidigung Putins die Rede, auch wenn dieser Punkt im Urteil nicht mehr explizit auftauchte. Der Straftatbestand, nach dem Tilly verurteilt wurde, umfasst jedoch die Verunglimpfung russischer Staatsorgane. Und dazu zählt auch der Präsident.

Besonders ein Wagen aus dem Jahr 2024 stand im Fokus: eine drastische Darstellung Putins und Patriarch Kirills in einer sexuellen Szene. Tilly hatte mehrfach betont, dass er von dem Verfahren nicht offiziell informiert worden sei. Diplomaten der deutschen Botschaft verfolgten den Prozess dennoch.

Wagenbauer Jaques Tilly vor dem Mottowagen zu seiner Anklage aus Russland: Putin sticht in die Satire.
Wagenbauer Jaques Tilly vor dem Mottowagen zu seiner Anklage aus Russland: Putin sticht in die Satire.Uwe Kraft/Imago

Der Künstler ist für seine bissigen, oft schonungslosen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Eine seiner bekanntesten Arbeiten zeigt Putin in einer ukrainischen Wanne – in Blut badend. In diesem Jahr präsentierte Tilly einen Wagen, auf dem Putin die Düsseldorfer Karnevalsfigur Hoppeditz aufspießt.

„Es ist jetzt für jeden zu sehen, dass das russische Regime Angst vor Pappfiguren hat“, sagte der Düsseldorfer Bildhauer der Deutschen Presse-Agentur zum Urteil. „Die machen sich selbst zum Narren mit diesem Urteil und sehen gar nicht, wie peinlich das eigentlich ist – wie viel Angst sie vor satirischer Kritik haben.“

In Russland wurden bereits zahlreiche Kriegsgegner wegen angeblicher Verunglimpfung der Armee verurteilt. Internationale Beobachter kritisieren diese Urteile als politisch motiviert.

Für Tilly selbst hat das Urteil vorerst keine direkten Folgen. Eine Auslieferung aus Deutschland droht nicht. Doch Reisen könnten künftig riskant werden. Russland könnte ihn über Interpol zur Fahndung ausschreiben.

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