Gefahr auf dem Gehweg

Glätte in Berlin – was sich die Stadt leistet, ist ein schlechter Scherz

Berlin kriegt das Eis auf den Gehwegen nicht in den Griff. Warme Worte helfen einfach nicht gegen hartnäckiges Eis. Ein Kommentar.

Author - Florian Thalmann
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Ein Bild, das man derzeit überall sieht: Vor allem älteren Menschen macht die massive Glätte auf den Gehwegen zu schaffen – und nicht nur ihnen.
Ein Bild, das man derzeit überall sieht: Vor allem älteren Menschen macht die massive Glätte auf den Gehwegen zu schaffen – und nicht nur ihnen.Fabian Sommer/dpa

Montag ist bei mir jede Woche Kinotag. Mit Freunden geht es zur Überraschungspremiere – doch die eigentliche Überraschung wartet aktuell aber nicht im Kino, sondern auf dem Weg nach Hause. Plätze, Wege, Straßen: Überall spiegelglatte Flächen, auf denen man kaum laufen kann. Der Weg nach Hause wird zur Belastungsprobe. Was sich Berlin in Sachen Glätte in diesem Jahr leistet, kotzt mich nur noch an.

Wege und Plätze werden zu reinsten Rutschpisten

Es beginnt schon auf dem Uber-Platz vor unserem Filmpalast, man kann hier in manchen Abschnitten kaum laufen – und es ist ein Wunder, dass sich beim Anstehen vor dem Konzert von Apache 207 in der Uber-Arena nicht etliche Menschen verletzt haben. Nicht die einzige Eis-Wüste, durch die wir auf dem Heimweg müssen. Auch in Karlshorst wird der Weg vom Bahnhof zur Wohnung auf vielen Abschnitten zur Schlitterpartie. Das Eis ist inzwischen so fest und spiegelglatt, dass auch das beste Schuhwerk nicht mehr zu helfen scheint.

Jeden Tag sind wir auf den Straßen der Stadt unterwegs – und in vielen Gegenden scheint sich noch immer nichts getan zu haben. Geschichten von Betroffenen hört man am laufenden Band, wenn man danach fragt. Gerade erzählt mir eine Kollegin, dass sie eine Behindertenwerkstatt kennt, vor der sich gerade eine komplette Eisfläche befindet, ohne auch nur einen Krümel Splitt. Ist das noch normal? Das Einzige, was Berlin in Sachen Glatteis offenbar schafft, sind nutzlose Debatten.

Spiegelglatt passt hier besonders gut: Die Glätte auf den Fußwegen Berlins ist inzwischen scheinbar nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen.
Spiegelglatt passt hier besonders gut: Die Glätte auf den Fußwegen Berlins ist inzwischen scheinbar nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen.Britta Pedersen/dpa

Erst wird über das Streusalz verhandelt, dann wird die Nutzung freigegeben. Alle jubeln. Jetzt kann es ja nur noch besser werden. Doch ernüchternd bleibt die Lage: KURIER fand schon heraus, dass Streusalz in vielen Baumärkten ausverkauft ist. Und das offenbar nicht nur für Privatpersonen.

Streusalz ist erlaubt, es gibt nur leider keins in Berlin

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Tausalz nicht bzw. kaum verfügbar ist“, sagte ein Sprecher des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg der B.Z. Um ganz zynisch zu werden: Die Zeit, die Kai Wegner damit verbracht hat, für den Salz-Einsatz zu werben, hätte er eigentlich auch auf dem Tennisplatz verbringen können.

Wer in Berlin lebt, muss in diesem Winter mit der Sturzgefahr leben. Ein Risiko, mit dem man sich einfach nicht abfinden sollte.
Wer in Berlin lebt, muss in diesem Winter mit der Sturzgefahr leben. Ein Risiko, mit dem man sich einfach nicht abfinden sollte.Thomas Trutschel/imago

Noch dazu kommen die Bezirke mit dem Kontrollieren der Räumpflicht nicht hinterher. Klar geregelt ist, um welche Gehwegbereiche sich Anlieger zu kümmern haben. Doch wir berichteten schon am Montag, dass die Ämter teilweise kapitulieren – weil sie überhaupt nicht das Personal haben, das nötig wäre, um Kontrollen durchzuführen.

Berlin kapituliert in diesem Jahr vor dem Winter

Man schaffe es nicht einmal, die gemeldeten Straßen schnell und konsequent zu prüfen, hieß es aus dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Es beschleicht einen das Gefühl, dass ganz Berlin vor dem Winter kapituliert.

Ganz Berlin? Nein, natürlich nicht. Deutschland bleibt eben ein Auto-Land – das eigentliche Problem mit dem Eis bleibt an den Fußgängern hängen. Während sich die Blechlawine jeden Tag zumindest in meinem Kiez über nahezu schnee- und eisfreie Straßen schiebt, muss Oma Ilse beim Gang zum Supermarkt um ihren Schenkelhals zittern. Das ist nichts Neues, doch so schlimm wie in diesem Jahr habe ich es in den vergangenen Jahren nicht empfunden.

Stürze gehören in Berlin einfach zum Leben dazu

Stürze gehören in diesem Winter leider einfach zum Risiko, wenn man in dieser eigentlich schönen Stadt leben möchte. Dass man diesen Eindruck wirklich bekommt und sich selbst als Winter-Fan auf den Frühling freut, weil die Gefahr von Verletzungen dann sinkt, ist ein echtes Armutszeugnis für Berlin.

Was halten Sie vom Umgang Berlins mit der Glätte? Und wo ist die Lage besonders schlimm? Schicken Sie uns Ihre Meinung an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!