Er ist zu einer traurigen Berühmtheit in unserer Stadt geworden. Ein Mann, der vor dem Eingang zum U- und S-Bahnhof Alexanderplatz hockt, wo ihn bis zu 150.000 Menschen täglich sehen. Schweigend kniet er da, die rechte Hand nach vorne gestreckt, in der er einen Stofffetzen hält, der einmal ein Basecap war. Auch jetzt, wo es so unerbittlich kalt ist, ist er am Alex: Robert, der berühmteste Bettler von Berlin.
Der Bettler vom Alex: Er könnte unser Nachbar sein
Immer morgens und vormittags trifft man ihn. Er wirkt gepflegt, sauber, das Gesicht ist rasiert. Kein Lallen, kein Geruch nach Alkohol. Dem Aussehen nach könnte der Mann ein netter Arbeitskollege, ein freundlicher Nachbar, sogar jemand aus der Familie sein.
Würde dieser Mann ganz normal an uns vorbeilaufen, würden wir ihn möglicherweise nicht für einen Bettler oder Obdachlosen halten.
Dunkelblaue Jacke, dunkelbraune Hose, schwarze Mütze, der Blick ist schamhaft nach unten gerichtet. Von den Menschen, die massenhaft aus dem Bahnhofsgebäude kommen, um zur U-Bahn, zur Kreuzung, oder zu ihren Büros zu hetzten, nimmt er aus seiner Hockposition nur meist die Schuhe und die Beine wahr.
Selten sieht er ihre Gesichter. Nur wenige Menschen bücken sich zu dem Mann herunter, der zwischen Bahnhof und der Wolkenkratzer-Baustelle am Galeria-Kaufhaus schon in einer fast demutsvollen Position sitzt.
Er spricht niemanden an. Die Menschen, die zu ihm Kontakt suchen, geben ihm ein Sandwich, Croissants oder einen Kaffee, den sie in einem der Imbisse am Alex für den bettelnden Mann gekauft haben.

Auch der KURIER-Reporter reicht ihm eines Morgens einen Becher mit heißem Kaffee. Es ist kurz nach 8 Uhr, Minusgrade herrschen in der Stadt. Es ist die Woche, in der ein Eis-Chaos Berlin lahmlegt. Straßenbahnen fahren nicht, viele Straßen und Plätze sind spiegelglatt. Der Bettler hat andere Sorgen.
Berlin schimpft über Eis-Chaos, der Bettler hat andere Sorgen
„Ich heiße Robert“, sagt er, als der KURIER-Reporter sich neben ihn hockt. Der Mann verrät auch seinen Nachnamen und sein Alter. „Bin 55 Jahre“, sagt Robert M., spricht leise im gebrochenen Deutsch weiter, während die Menschen am Bahnhof Alexanderplatz an uns vorbeihasten. „Komme aus Ungarn, lebte in der Nähe von Budapest.“
Robert M. sagt es, hebt seinen Kopf, schaut einen an und senkt ganz schnell wieder die Augen, als würde er sich schämen. In dieser Lage von fremden Menschen vorgefunden zu werden, verletzt seine Würde, seinen Stolz.

Die schönen Tage in seinem Leben sind offenbar schon lange vorbei. „In Ungarn ist es nicht mehr so gut“, sagt Robert M. Die Gründe, er nennt sie nicht oder kann sie wegen der Sprachbarriere nicht erklären.
Er spricht auch nicht über seine Familie. Nur so viel: Vor Jahren habe Robert seine Heimat verlassen und ging nach Berlin.
Robert aus Ungarn: Einst Bauarbeiter, jetzt Bettler
Warum? Er hebt den Kopf, deutet auf die Wolkenkratzer-Baustelle. „Auf so etwas gab es in Berlin immer viel Arbeit.“
Damit ist klar: Robert M. gehört offenbar zu den Tausenden EU-Osteuropäern, die als sogenannte Arbeitsemigranten in Deutschland ihr Glück suchten – und es nicht fanden.

Wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben, weiß man beim Senat nicht. Es gibt keine genauen Statistiken. Von etwa 6000 Obdachlosen war 2022 offiziell die Rede.
Jetzt heißt es inoffiziell, dass schon so viele Osteuropäer in der Stadt ohne Unterkunft leben. „Viele werden als Billigarbeitskräfte mit falschen Versprechungen nach Berlin gelockt“, sagt Heiko Linke, Sprecher der Berliner Stadtmission.
Wenig Gehalt, hohe Mieten – am Ende landen die Arbeiter auf der Straße. Ob es auch so bei Robert M. war? Er sagt eine Weile nichts. Dann sagt er: „Ich war Bauarbeiter und Maler, ich kann vieles. Jetzt will man mich nicht.“

Warum? „Zu alt.“ Roberts Blick wirkt traurig. Seit einem Jahr wäre er auf der Straße, seit einem Jahr würde er hier nun am Alex betteln. „Sechs bis acht Stunden, immer ab morgens“, sagt Robert M. „Ab sechs Uhr etwa.“ Nun ist es mehr als zwei Stunden später. In seiner Mütze liegen 50 Cent. Das ist die ganze Ausbeute? Nicht mehr? Robert M. krempelt die Hosen- und Jackentaschen um – leer!
Am Ende käme Geld für eine kleine Mahlzeit zusammen. „Betteln macht nicht reich“, sagt er. Sein Gesicht zeigt ein kleines Lächeln.
Seit einem Jahr bettelt Robert am Alex
Als EU-Bürger könnten Behörden ihm in Deutschland helfen. Doch Robert will nicht dorthin. Warum, sagt er nicht. Aber er begründet, warum er auch eine Notunterkunft ablehnt.
„Viele trinken, da gibt es nur Ärger“, meint er. Und er habe Angst, sich dort Ungeziefer zu holen. Robert kratzt sich dabei an den Armen, damit man versteht, was er meint. „Nur zum Waschen gehe ich dorthin.“



