Dieter Bichler, ein ehemaliger Obdachloser, führt Touristen und Berliner durch seinen Kiez am Bahnhof Zoo. Er öffnet auf seinen Touren den Blick für die Ausgestoßenen der Gesellschaft.
Für die, die in der Kälte am Bahnhof knien. Die, die auf dem dreckigen Matratzenlager unter der Brücke campieren. Die, die die im Supermarkt den Klaren für vier Euro kaufen, weil er das einzige ist, das sie noch am Leben hält. Und sie doch langsam tötet. Dieter weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, ganz unten zu sein.
Im Winter 2012/13 lebte er ein knappes halbes Jahr am Bahnhof Zoo. Nur zögerlich und in Bruchstücken berichtet Dieter von seinem Leben. Jeder, der auf der Straße landet, hat seine eigene Geschichte zu erzählen.
Hass und Hilfe auf der Straße
Doch alle haben gemeinsam, dass ihnen immer wieder Hass und Verachtung entgegenschlägt. Aber auch Hilfe und Verständnis auf Augenhöhe. Von diesem Gegensätzen erzählt Dieter, als wir vom Bahnhof Zoo in Richtung Savignyplatz gehen.
Als er einmal eine Gruppe Jugendlicher entlang der Kantstraße führte, sagt er ihnen: „Leere Flaschen könnt ihr ruhig den Obdachlosen geben.“ Einer der Jungen erwiderte: „Da pisse ich vorher rein, dann kann er sie haben.“ „Woher kommt diese Verachtung?“, fragt sich Dieter.
Die Verachtung zieht sich durch alle Schichten: Dieter erinnert sich: Unter einem orangefarbenen Mülleimer sitzt ein Bettler. Er wartet still, ob etwas für ihn abfällt. Zwei gut gekleidete Männer gehen vorbei und sprechen abfällig über den Mülleimer oben und den Mülleimer unten, sie meinen den Menschen in Not.

Angriff ohne Grund
Am Savignyplatz erfährt Dieter in einer Winternacht 2012 selber, dass verbale Gewalt schnell auch zu körperlichen Angriffen führen kann. Schlafend auf einer Bank spürt er plötzlich, wie er zu Boden gerissen wird. Dann folgen nichts als Tritte gegen seinen Kopf, gegen den Körper, eine Viertelstunde lang.
„Damals haben mir die Unbekannten sieben Zähne herausgetreten, den Kiefer zertrümmert.“ Bis heute sind in Folge der Verletzungen des Kopfs Erinnerungslücken geblieben. Dieter hat Glück, dass ihn, den Bewusstlosen, den Blutenden ein Hund auf dem Boden liegend findet. Seine Besitzer rufen den Krankenwagen und lassen ihn ins Bundeswehrkrankenhaus bringen, wo man ihn wieder zusammenflickt. „Auch ohne Krankenversicherung.“ Man habe ihn dort wie einen Menschen behandelt, sagt er fast staunend.
Einmal habe ein Politiker ihm auf einer Führung gesagt, Leute wie er seien eben unwichtig, eine Last für die Gesellschaft, Abschaum. „Irgendwann glaubt man es selber“, sagt Dieter. „Dass man nichts wert ist“
Irgendwann glaubt man selber, dass man nichts wert ist
Aus der Bahn geworfen

Doch wie landet einer wie Dieter auf der Straße? Dieter Bichler wurde in Prenzlau geboren. Er sei schon immer ein Rebell gewesen, sagt er über sich. Ein Lehrer gibt ihn in der Schule den Spitznamen Meru – eine Abkürzung für „meine Ruhe“. „Es konnte sein, dass ich zehn Minuten für eine Antwort brauchte, so lange habe ich nachgedacht.“ Meru hat nicht vergessen, dass der Lehrer sich die Zeit genommen hat, auf seine Antwort zu warten.
Kein braver Bürger sei er gewesen. Mit 14 Jahren landet er wegen ein paar dummen Sprüche zwei Wochen in einer Dunkelzelle im Stasiknast, erzählt er. Deswegen trägt er auch heute stets eine dunkle Sonnenbrille, gegen das grelle Licht. Nach der Schule studiert er Geografie und Geschichte, arbeitet als Mosaikfliesenleger. Erst viel zu spät bemerkt er, dass sein Chef ihn nicht versichert hat. „Später bekomme ich mal 75 Euro Rente“, sagt Dieter.
Als die Mauer fällt, kommt er nach Berlin. In seiner Jugend in der DDR war Dieter Ringer. Er heuert mit seiner Statur in einem Edelbordell, der Erotikinsel in Charlottenburg, als Einlasser an. Keiner kommt zu den Frauen, bevor er nicht bei Dieter bezahlt hat.
Ganze Familie totgefahren
1997 dann kommt es zu einem Ereignis, das Dieters Leben verändert. Ein „besoffener LKW-Fahrer fuhr meine Familie tot“, erzählt Dieter. Lieber will er gar nicht über den Tag sprechen, an dem er auf einen Schlag Frau, Kind und Mutter verlor. „Ich versuche, nicht so viel aus der Vergangenheit zu erzählen“, sagt er, die Augen hinter der Brille verborgen.
Und doch geht es von da an drunter und drüber in seinem Leben. Er zieht nach Thüringen, beginnt eine neue Beziehung, die scheitert. Es folgt eine Zwangsräumung und Dieter rennt weg. Nach Frankreich will er laufen, so sein Plan. Als ein Trucker ihn mit nach Berlin nimmt, strandet er in der Stadt.

Gestrandet am Bahnhof Zoo
Am Bahnhof Zoo findet er Anschluss an eine Gruppe von Obdachlosen, gemeinsam schlagen sie sich die nächsten Monate durch. Heute ist nur noch einer aus der Truppe am Leben. „Boris ist schwerer Alkoholiker, er erkennt mich nicht mehr, wenn ich ihm ab und zu etwas mitbringe.
Er, der damals mit seinen zwei Metern Größe alle beschützte, altert auf der Straße schnell. „Er ist 45 und sieht aus wie 80. Schuld ist seine Sucht nach klarem Schnaps, den er im Supermarkt für 3,99 bekommt.“ Lena ist an einer Überdosis Crystal Meth gestorben. Auch Billie und all die anderen hat das Leben auf der Straße umgebracht.
Dabei haben sie immer versucht, es zusammen zu schaffen. Sie haben gelernt, dass die Studenten an der UdK hilfsbereit sind. „Diejenigen, die wenig haben, geben oft mehr als die Reichen“, sagt Dieter, der selber jeden Monat bis zu 100 Euro an die Ärmsten gibt, obwohl er kaum genug hat. Sie haben in den heute gerodeten Hecken des Steinplatzes Schutz gesucht, die Gitter über den U-Bahnschächten zum Aufwärmen besetzt.
Was damals auf der Straße gut getan hat, ist auch heute einfach zu bewerkstelligen. Es sind freundliche Blicke, ein Lächeln, eine Begegnung auf Augenhöhe. „Wenn dich jemand fragt, was du brauchst, dich ansieht, dann fühlst du dich wahrgenommen und nicht als Müll.“
Bücher statt Schnaps zum Schlafen
Dass Dieter es am Ende geschafft hat, wieder in einer eigenen Wohnung zu leben, verdankt er seiner Liebe zu Büchern. Sie haben ihm beim Einschlafen, der größten Angst auf der Straße, geholfen. Anders als viele, griff er nie zur Flasche, um die Angst zu betäuben. Ein Polizist am Zoo sieht den Lesenden auf seinem Lager und vermittelt ihn in ein betreutes Einzelwohnen. Von da an nimmt Dieter sein Leben wieder in die eigenen Hände.
Die erste Woche in der sicheren Unterkunft ist so ungewohnt, dass Dieter nachts mit dem Schlafsack in den Park schleicht, um dort zu schlafen. „Die Stille in einem geschlossenen Raum habe ich nicht ausgehalten, sie wurde zu laut.“





