Letzte Wagen hat die Ukraine

BVG im Eis-Chaos: Die Tatra-Trams der DDR hätten uns gerettet

Die BVG verkaufte und verschenkte die Kult-Straßenbahnen – die ideale Waffe gegen Eisregen.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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 Das waren noch Zeiten, als die BVG im Betriebshof Köpenick noch die Tatra-Straßenbahnen aus DDR-Zeiten hatte (2009).
Das waren noch Zeiten, als die BVG im Betriebshof Köpenick noch die Tatra-Straßenbahnen aus DDR-Zeiten hatte (2009).Jürgen Heinrich/imago

Sie sind eine Legende und die ideale Waffe bei Eisregen! Die Tatra-Straßenbahnen aus der tschechischen Hauptstadt Prag, die in fast allen Großstädten der DDR und des Ostblocks fuhren. Wer sie hat, sollte sie nie werggeben!

BVG spendete Tatra-Bahnen der Ukraine

 Tatra-Bahnen sind Arbeitstiere. In einigen Städten sorgten sie in diesen Tagen dafür, dass dort Straßenbahnen trotz vereister Oberleitungen weiter fuhren. Nur in Berlin fiel der Tram-Verkehr total aus, ist bis heute noch nicht so richtig flott. Denn die BVG hat keine Tatra-Bahnen mehr! Die letzten bekamen die Ukraine als Spende.

Der Eisregen in der Nacht zum Montag: So manche Verkehrsbetriebe im Osten des Landes fahren froh, dass sie noch alte Tatra-Bahnen im Depot hatten. So auch in Frankfurt/Oder.

Dort meldeten am 26. Januar um 4.35 Uhr die Verkehrsbetriebe über Facebook: „Durch Blitzeis kommt es aktuell zu unregelmäßigem Betrieb bei den Straßenbahnen. Es sind nur hochflurige Tatrafahrzeuge im Einsatz.“

Was da dramatisch klingt, war ein Glücksfall für Frankfurt/Oder. Die Tatra-Bahnen fuhren und frästen mit ihren Stromabnehmern die Eisschicht von den Oberleitungen. Danach konnten offenbar auch die modernen Niederflurbahnen wieder fahren.

Die supermodernen Trams der BVG kommen schwer durch den Winter.
Die supermodernen Trams der BVG kommen schwer durch den Winter.Henk Hogerzeil/Berliner KURIER

Nicht so in Berlin. Auch dort hatte stundenlanger Dauerregen und Minusgrade für eine dicke Eisschicht auf den Tram-Oberleitungen gesorgt.

Doch die Niederflur-Straßenbahnen von Bombardier beziehungswiese Allstrom, die unterwegs waren, froren mit ihren Stromabnehmerbügeln fest. 40 Bahnen lagen auf Eis. Die BVG musste ihr Straßenbahnnetz abschalten, eines der größten weltweit.

Häme für die BVG, weil sie keine Tatra-Bahnen hat

Die Häme in den Fachforen der Straßenbahnfahrer blieb nicht aus: „Die fahrbaren Computer sind zum Freifahren nicht zu gebrauchen“, schrieb ein Straßenbahnfahrer. „Brandenburg hat es auch so erwischt wie Berlin, da wird aber der größte Teil der Strecken befahren. Das Netz ist zwar kleiner, man hat aber robuste Fahrzeuge, der Elektronikschrott bleibt im Stall.“

Eine Tatra-Straßenbahn an der Haltestelle Hackescher Markt in der rot-weioßen Lackierung der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe BVB.
Eine Tatra-Straßenbahn an der Haltestelle Hackescher Markt in der rot-weioßen Lackierung der Ost-Berliner Verkehrsbetriebe BVB.Seeliger/imago

Die robusten Fahrzeuge: die gute, alte Tatra-Bahn. Auch wenn Städte wie Dresden und Leipzig die Bahnen aus Ostzeiten aus den Verkehr ziehen oder es schon getan haben – sie halten sich noch Tatra-Bahnen für den Notfall zurück. In Halle wurde die Tram-Legende in diesem Winter sogar als Schneefräse benutzt.

Die Geschichte der Tatra-Straßenbahn

1968 fing alles an. Die ersten Tatra-Straßenbahnen wurden in die DDR geliefert. Das war noch das „dicke“ Modell vom Typ T3. Sie gingen nach Dresden, Halle, Magdeburg, Leipzig und Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz).

Tatra-Trams der „dicken „Baureihe T3 in Dresden. Die Elbe-Metropole gehörte zu den ersten DDR-Städten, die diese Straßensbahnen bekamen.
Tatra-Trams der „dicken „Baureihe T3 in Dresden. Die Elbe-Metropole gehörte zu den ersten DDR-Städten, die diese Straßensbahnen bekamen.Ulrich Hässler/imago

Danach folgte die schmalere Baureihe KT4D, die auch in Ost-Berlin fuhr und nach Mauerfall von der BVG übernommen wurde. Insgesamt wurden 14.000 Straßenbahnen in dem Prager Werk ČKD Praha für den Ostblock und für die DDR hergestellt.

Eine Tatra-Straßenbahn auf der Kastanienallee im Ostteil Berlins
Eine Tatra-Straßenbahn auf der Kastanienallee im Ostteil BerlinsIMAGO/Rolf Zöllner

Im Frühjahr 1976 kamen die ersten drei Tatra-Bahnen in Ost-Berlin an, gingen in den Probebetrieb. 65 Stundenkilometer schnell, gute Kurvenlage und robust. Ab dem 11. September 1976 rollten sie dann regulär durch die DDR-Hauptstadt. Um die 700 Wagen  waren es irgendwann.

Darum sind Tatra-Bahnen so gut gegen Eisregen

Ihr Vorteil: Ihre Technik war robust. Anfahrtsbeschleunigung und kurze Bremswege: Vor allem die Stromabnehmer konnten einiges ab. Bei den Tatra-Bahnen waren sie schwerer als bei den heutigen Trams.

„Sie bestehen  aus einer stabilen Stahlkonstruktion mit Federmechanismus, die auch bei hohen Geschwindigkeiten oder unebener Fahrleitung den Kontakt sicher hält“, sagen Experten. Und auch dicke Eisschichten abfräst, ohne einzuknicken.

Der Stromabnehmer der Tatra-Straßenbahn ist eine Allzweckwaffe im Winterdienst.
Der Stromabnehmer der Tatra-Straßenbahn ist eine Allzweckwaffe im Winterdienst.Dean Pictures/imago

Die Tatra-Bahn gut für den Einsatz im rauen ÖPNV-Alltag: 450 Wagen landen im Zuge Wiedervereinigung in den Besitz der BVG. Doch 2006 will die BVG die Tatra-Bahnen abschaffen

Darum schaffte BVG die Trams aus DDR-Zeiten ab

Der Grund: Ihr größter Nachteil ist der hohe Einstieg. Drei Stufen: fast einen Meter müssen Fahrgäste von der Straße bis ins Tram-Abteil überwinden. Für Muttis mit Kinderwagen war der Ein- und Ausstieg ein Horror. Rollstuhlfahrer hatten keine Chance, mit der Tram zu fahren.

So entschloss sich die BVG, moderne Niederflurbahnen anzuschaffen, in deren Wagen nun jeder problemlos einsteigen kann. Zwar sind diese mit um die 50 Tonnen mehr als doppelt so schwer wie die der Tatra-Tram, aber sie sind auch doppelt so anfälliger wie man in diesen Tagen auch sehen konnte.

Einer der letzten Tatra-Straßenbahnwagen der BVG wird als Spende in die Ukraine transportiert.
Einer der letzten Tatra-Straßenbahnwagen der BVG wird als Spende in die Ukraine transportiert.Jurek Hubert/BVG

Im Februar 2021 rollte die letzte Tatra-Tram durch Berlin. Den Großteil der Flotte hatte die BVG verscherbelt – nach Stettin (Polen), nach Rumänien, der Ukraine, Russland. Angeblich stehen noch 70 Tatra-Wagen in Ägypten. Ein Großhändler aus Alexandria soll sie erworben haben und wurde sie nicht los.

Auf die Idee, dass man die Tatra-Bahnen doch noch irgendwie brauchen könne, etwa im Winter-Einsatz, darauf kam man in Berlin nicht. Daher entscheid sich die BVG für eine gute Tat: 2024 spendete sie die letzten zwölf Berliner Tatra-Bahnen der Ukraine.

„Wir hoffen, dass wir mit unserer Spende ein Stück weit dazu beitragen können, die Mobilität in der westukrainischen Stadt Lwiw zu sichern und damit den Alltag der Menschen in dieser schweren Zeit zu erleichtern“, sagte damals BVG-Chef Henrik Falk.

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