Wieder muss die BVG gegen Eisregen kämpfen. Dabei ist noch immer nicht das alte Chaos vergessen, als es Tage dauerte, bis in Berlin wieder Straßenbahnen fuhren. Viele meinen, die BVG hätte die guten, alten Tatra-Bahnen aus DDR-Zeiten nicht abschaffen dürfen, die hätten die Eis-Krise gemeistert. Die BVG schiebt alles aufs Wetter. Doch stimmt das? Im Streit greift nun der Stettiner Straßenbahnverkehrsbetrieb ein und holt mit seinen Tatra-Zügen die BVG aus dem Eis-Schlamassel.
Tatra-Straßenbahnen im Kampf gegen Eisregen
Dauerregen, der in der Nacht zum 26. Januar zu Eisregen wurde und am Morgen den kompletten Straßenbahnverkehr lahmlegte. 40 Bahnen, die versuchten, die Strecken vom Eis frei zu halten froren fest. Per Handarbeit mussten BVG-Teams die vereisten Oberleitungen frei bekommen. Tage dauerte es, bis in Berlin die Straßenbahnen wieder komplett fuhren.
Die BVG sprach von einer noch nie dagewesenen Wetterlage. In anderen Städten, wo es auch Eisregen gab, brach das Tram-Netz nicht zusammen. Weil die modernen Trams versagten, holte man etwa in Frankfurt/Oder die legendären Tatra-Straßenbahnen aus dem Depot, die morgens die eingefrorenen Oberleitungen wieder frei fuhren und noch am selben Tag für einen kompletten Tram-Verkehr sorgten.
Hätte auch die BVG machen können, meinten die Berliner. Doch die BVG hat ihre 450 Tatra-Wagen, die einst in der tschechischen Hauptstadt Prag hergestellt wurde, seit einigen Jahren nicht mehr. Ein Teil davon ging nach Stettin (Polen). Ausgerechnet diese Trams brachte die BVG jüngst zu ihrer Verteidigung ins Spiel.
BVG: Auch Tatra-Bahnen fahren bei Eisregen nicht
Auch die Stettiner Verkehrsbetriebe hatte am 26. Januar mit dem Eisregen zu kämpfen. Eine BVG-Sprecherin erklärte mit Verweis auf einem polnischen Medienbericht dem KURIER: „Dort sind nur alte Tatra-Bahnen im Einsatz und trotzdem kam es in den vergangenen Tagen zu weitreichenden Einschränkungen im Straßenbahnverkehr, weil Oberleitungen durch vereisten Regen und Feuchtigkeit blockiert wurden.“
Und weiter: Die Tatra-Trams seien „nicht automatisch eine Lösung, wenn die Oberleitungen durch den starken Eisaufbau blockiert werden“, so die BVG-Sprecherin. „Die Probleme sind wetterbedingt und keinesfalls auf die Fahrzeugflotte zurückzuführen.“

Ist das tatsächlich so? KURIER-Leser glaubten dies jedenfalls nicht. „Es ist absoluter Quatsch, dass in Stettin nur die alten Tatra-Bahnen aus Berlin im Einsatz sind. Stettin hat auch sehr viele moderne Niederflurbahnen im Einsatz. Die alten Tatra-Bahnen sind viel robuster als die modernen Bahnen, aber die BVG erfindet immer irgendwelche Ausreden“, schrieb Andreas Bayer.
Eisregen-Chaos: Berliner glauben, BVG lügt
Leser Marc Heller glaubt, dass die BVG hier nicht die Wahrheit erzählt. „Man lügt, offensichtlich, um die Situation schön zu reden. In Stettin gibt es einen deutlichen Anteil an modernen Fahrzeugen.
Genau dort machten auch die neuen Fahrzeuge Probleme, wie in Berlin. Erst als die neuen Fahrzeuge an diesem Tag aus dem Verkehr gezogen worden und verstärkt Tatra-Bahnen eingesetzt wurden, funktionierte der Verkehr dann in Stettin wieder weitgehend reibungslos.“

Was stimmt denn nun? Der KURIER fragte beim Stettiner Straßebahnverkehrsbetrieb (Tramwaje Szczecińskie, TS) nach. Sprecher Wojciech Jachim erklärt zunächst: „Es stimmt nicht, dass es in Stettin nur alte Straßenbahnen des Typs Tatra gibt. 25 Prozent des Fuhrparks sind jünger.“ Und die bestehen aus modernen Niederflurbahnen vom Typ „Swing“, die ein polnisches Unternehmen herstellt.
Polnischer Tram-Betrieb steht BVG bei
Jachim sagt weiter: „Wahr ist hingegen, dass die moderneren Straßenbahnen des Typs Swing bei vereister Oberleitung schlechter zurechtkommen als die Tatra-Bahnen. Das hängt mit der fortgeschritteneren Automatik der Stromabnehmer zusammen.“
Das sagen ja auch die Kritiker der BVG: Die Tatra-Bahnen seien viel robuster als moderne Bahnen. Mag sein, aber die Tatra-Bahnen hätten den Berlinern bei der Eisregen-Situation am 26. Januar auch nicht viel geholfen. Denn auch in Stettin hatte man an diesem Tag extreme Bedingungen – und dort versagten tatsächlich auch die legendären Tatra-Bahnen.

Sprecher Jachim steht der BVG bei und rettet sie vor dem Verdacht, uns eine Lüge aufgetischt zu haben. Er sagt: „Wir hatten am Morgen des 26. Januar infolge von Regenfällen und Minusgraden eine abrupte Vereisung der Oberleitung. Zwischen 6 und 7 Uhr blieben ALLE Straßenbahnen an verschiedenen Punkten der Stadt stehen – unabhängig vom Baujahr.“ Die Situation war ähnlich wie in Berlin, so der Sprecher.
„Eine solche Situation hat es in der Nachkriegsgeschichte Stettins noch nie gegeben. Die Eisschicht auf der Oberleitung erreichte eine Dicke von bis zu 15 Millimetern. In den vergangenen Jahren kam es zwar zu lokalen Vereisungen, doch die Eisschicht überschritt nie 5 Millimeter, womit wir problemlos fertig wurden“, sagt Jachim.
Auch in Stettin kam es zum Eis-Drama: „Am 26. Januar gegen Mittag wurde entschieden, alle Straßenbahnen (77 Fahrzeuge) mit Hilfe von Einsatzfahrzeugen in die Depots abzuschleppen. Diese Aktion wurde am folgenden Tag am späten Nachmittag abgeschlossen. In dieser Zeit haben technische Teams das Eis Stück für Stück von der Oberleitung abgeschlagen“, sagt der Sprecher.

Doch damit war das Eisregen-Drama noch nicht vorbei. „Am Abend des 27. Januar schien die Situation unter Kontrolle zu sein. Doch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch kam es zu einer erneuten Vereisung der Oberleitung. Dieses Mal war die Ursache eine Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent – als Folge des stundenlangen Regens am Vortag.“





