Wie schnell die Berliner Straßenbahnen bei Schnee und Eis einknicken, hat man in den vergangenen Tagen deutlich gesehen. Zeitweise ging nichts mehr. Der Verkehr kam zum Erliegen.
Nicht wenige Menschen sind der Meinung: Mit den guten alten Tatra-Bahnen wäre das nicht passiert. Die aber fahren auf Berlins Straßen nicht mehr – sondern jetzt moderne Züge mit allerlei Schnickschnack an Bord.
In Prag fährt noch die erste Generation der Tatra T3
In Prag ist das anders. Dort fährt noch immer die erste Generation der Tatra-T3-Wagen, die eigentlich bereits vor zehn Jahren aus dem regulären Linienverkehr ausgemustert worden war. Von modernem Antlitz ist wenig zu sehen. Stattdessen alt, rustikal, ikonische Bakelit-Sitze, Blechschilder statt Fahrplan-Display.
Für die Stadt kein Nachteil. Im Gegenteil. Touristen bewundern das stylische Sechzigerjahre-Ambiente – und einen Hauch Vergangenheit auf dem Weg durch die historische Stadt. Die T3 ist in Prag auch nach sechs Jahrzehnten immer noch Alltag. Und kein Fall fürs Museum.

Tatra-Züge kosten bei weniger Gewicht weniger Strom
Warum setzt Prag weiter auf Technik, die eigentlich schon seit Jahren überholt ist? Ein entscheidender Grund: das Gewicht. Nach der Modernisierung bringt ein T3-Doppelzug etwa 32 Tonnen auf die Waage. Zum Vergleich: Moderne Niederflurstraßenbahnen kommen schnell auf 45 Tonnen.
Weniger Masse bedeutet weniger Energieverbrauch. Zwar bringen moderne Züge allerlei Assistenzsysteme und Komfort mit. Aber mehr Technik bedeutet auch mehr Gewicht – und das kostet Strom. Hinzukommt eine hohe Alltagstauglichkeit. Sie ist wartungsfreundlich, und kostengünstig.
Wagenkästen können immer wieder erneuter werden
„Paradoxerweise gehören die modernisierten T3 heute zu den energiesparendsten Fahrzeugen im gesamten Prager Straßenbahnnetz“, erklärt Robert Mara, Leiter des Archivs der Prager Verkehrsbetriebe, dem MDR. Die Tatra T3 gilt als eine der meistgebauten Straßenbahnen der Welt. Mehr als 14.000 Wagen haben praktisch den gesamten Ostblock bewegt.
Hinzu kommen lange Wartungsintervalle. Zwischen zwei großen Überholungen können die Wagen bis zu 1,5 Millionen Kilometer zurücklegen. Und selbst danach ist noch lange nicht Schluss: Die Wagenkästen seien so robust gebaut, dass sie immer wieder erneuert werden können.

Tatra T3 hat noch lange nicht ausgesorgt
Mara unterstreicht seine These mit weiteren Zahlen. Seit 1962 fährt die Tatra T3 ununterbrochen durch Prag. Heute sind die modernisierten Varianten am häufigsten anzutreffen – dank eines langfristigen Erneuerungsprogramms ab 2001. Alte Wagen wurden ausgemustert, andere überholt, neue Technik dort eingebaut, wo sie sinnvoll ist.
Das zahlt sich aus. Auch 2026 stellt die T3 rund ein Drittel der Prager Straßenbahnflotte: 300 Hochflurwagen, 80 modernisierte, teilniederflurige Varianten. Mit den klassischen Hochflur-T3 rechnet der Betreiber noch weitere zehn bis 15 Jahre, die teilniederflurigen Versionen sollen sogar noch bis zu einem Vierteljahrhundert fahren.
Hoher Wiedererkennungswert lockt Touristen an
Kein Vergleich zu modernen Fahrzeugen, bei denen ständig die Klimaanlage oder Heizung ausfällt. Oder die bei ein bisschen Eis und Schnee gar nicht mehr fahren können.
Prag wählte einen anderen Weg. Während viele Städte nach und nach die alten Tatra-Züge ausmusterten, hielt die tschechische Hauptstadt an ihnen fest. Die Vorteile überwiegen. Auch weil sie einen hohen Wiedererkennungswert haben und Jahr für Jahr Millionen Touristen in Staunen versetzen.


