Der traurige Bettler von Berlin: Viele Reaktionen gab es zum KURIER-Report über Robert M. (55), der sogar bei Eiseskälte am Bahnhof Alexanderplatz hockt, um ein paar Cents zu bekommen. Sein Schicksal lässt die Menschen offenbar nicht eiskalt. „Ich bin erschüttert. Warum hilft die Stadt nicht?“, schreibt eine Leserin. Denn laut Berliner Politik sollen bis 2030 keine Menschen mehr in der Berlin auf der Straße leben müssen. Experten befürchten dagegen: 2030 wird es in Berlin eine Großstadt mit obdachlosen Menschen geben.
Wie überleben Obdachlose in Berlin die Eiseskälte?
Berlins legendärster Sozialarbeiter Dieter Puhl (68) befürchtet es in einem Gespräch mit dem KURIER. Über 35 Jahre war er bei den Ärmsten der Armen im Einsatz, leitete zuletzt zehn Jahre lang die Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo. Auch Puhl hat die Geschichte vom Bettler am Alex gelesen, einem offenbar gestrandeten Arbeitsemigranten aus Ungarn.
Ob die Geschichte des Mannes stimmt? „Jeder Mensch erzählt irgendwann eine Lebensgeschichte, die er für wahr hält“, sagt Puhl. Fakt dagegen ist, dass Menschen wie Robert auch bei dieser Eiseskälte auf der Straße leben.
Doch wie überlebt man das vor allem nachts? „Aus meiner Tätigkeit weiß ich, dass diese Menschen in bis zu zehn Schlafsäcken liegen, um sich vor der Kälte zu schützen“, sagt Puhl.
Unter Brücken oder in Parks liegen ihre Sachen versteckt, während sie tagsüber auf Betteltour gehen. „Wenn sie Pech haben, sind die Schlafsäcke weg, weil sie geklaut oder die Schlafstätten geräumt wurden.“

Eigentlich sollten Menschen wie Robert bald gar nicht mehr auf der Straße leben und betteln. 2022 hatte der damalige rot-rot-grüne Senat den Plan gefasst, die Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen. Ein ehrgeiziges Ziel.
60.000 Obdachlose in Berlin – es werden immer mehr
Etwa 60.000 Menschen sind in Berlin obdachlos. Etwa 50.000 sind immerhin mehr recht als schlecht in Wohnunterkünften untergebracht. Bis zu 8.000 Menschen leben auf der Straße. Genaue Zahlen gibt es nicht. Fakt ist, dass die sichtbare Obdachlosigkeit in der Stadt zunimmt.
Immer mehr Behausungen oder kleine Zeltdörfer mit obdachlosen Menschen sieht man in Berlin. Sie schießen wie Pilze aus dem Hauptstadtboden – beispielsweise unter S-Bahnbrücken in Charlottenburg, in Mitte oder in Lichtenberg. So wie es aussieht, werden wir die Obdachlosigkeit bis 2030 in Berlin nicht besiegt haben, so Puhl.

Im Gegenteil: „2030 werden wir um die 100.000 obdachlose Menschen haben, die auf der Straße leben oder in Unterkünften sind, weil sie keine eigene Wohnung haben. Diese Zahl entspricht der Einwohnerzahl einer kleineren Großstadt.“ Laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sind Orte ab 100.000 Einwohnern schon eine Großstadt.
Warum es in Berlin immer mehr Obdachlose gibt
Warum immer mehr Menschen auf die Straße rutschen? Etwa, weil sie nicht arbeiten wollen? „Nein, es sind oft persönliche Schicksalsschläge, der Verlust des Arbeitsplatzes etwa oder familiäre Notlagen“, sagt Puhl.
Er sagt: „Die einen können damit umgehen, andere rutschen in Depressionen oder in die Sucht, bis sie dann auf der Straße leben.“ Nicht zu vergessen die Berliner, die ihre Wohnungen auf Grund von Räumungsklagen verlieren (über 3000 waren es 2025) und keine neue Bleibe finden.

Da wären auch die Arbeitsemigranten aus Osteuropa, die mit Versprechungen in die Hauptstadtregion gelockt werden. Menschen, wie Robert aus Ungarn, der am Alex bettelt. Spargel ernten oder auf dem Bau arbeiten: Es geht nicht nur um ordentliche Bezahlung, mit ihrem Lohn könnten sie sich oft die Unterkünfte nicht leisten, die in Berlin immer teurer werden.
Kampf gegen Obdachlosigkeit kostet eine Milliarde Euro
Der Senat versucht gegenzusteuern. 2024 gab Berlin 364 Millionen Euro allein für Unterkünfte aus, zehn Millionen Euro mehr als 2023. Entweder stellen Verbände Wohnungen zur Verfügung oder es werden Hotels angemietet. Auch private Vermieter lassen es sich gut bezahlen, in dem sie Wohnraum zur Verfügung stellen.




