Hertha-Kolumne

Hertha BSC fehlt die Joker‑Power für den Aufstieg

Kownacki & Co. bleiben zu blass. Hertha braucht dringend einen Joker – und kämpft mit fragwürdigen DFB‑Entscheidungen.

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Luca Schuler geht, David Kownacki und Fabian Reese kommen. Hertha BSC hat in der Zweiten Liga bisher kein Jokerglück.
Luca Schuler geht, David Kownacki und Fabian Reese kommen. Hertha BSC hat in der Zweiten Liga bisher kein Jokerglück.imago/nordphoto GmbH/Engler

Vor einigen Tagen stieß ich bei YouTube auf ein Video, das den Kult-Stürmer Nils Petersen bei seinem letzten Bundesligaspiel für den SC Freiburg zeigt. Das war im Mai 2023. Der drahtige Angreifer, der in der Bundesliga für Energie Cottbus, Bayern München, Werder Bremen und acht Jahre für Freiburg auf Torejagd ging, hat seinen festen Platz in der Liga-Geschichte gefunden. Mit 34 Treffern nach über 140 Einwechslungen erzielt, war und ist er Rekord-Joker in der höchsten deutschen Spielklasse. Petersen nahm die eigentlich undankbare Aufgabe, häufig erst in der zweiten Halbzeit oder noch viel später ins Spiel gekommen zu sein, als perfekte Rolle an. „Früher habe ich 80 Minuten zugeguckt, heute 90“, sagte er locker-flockig nach seinem Karriereende. Prompt wurde diese Aussage zum „Fußballspruch des Jahres 2025“ gekürt.

Rekord‑Joker Petersen als Vorbild für Hertha

Petersens Vita hat mich animiert, einmal die Rolle der Joker bei Hertha BSC zu beleuchten. Aktuell sind das die beiden Mittelstürmer Dawid Kownacki und Luca Schuler, die bislang in der Liga je zwei Tore schafften, nachdem sie von Trainer Stefan Leitl eingewechselt worden waren. Diese Quote qualifiziert sie aber noch längst nicht als „Top-Joker“.

Werder-Leihgabe Dawid Kownacki hat bei Hertha BSC noch nicht so einschlagen wie erhofft.
Werder-Leihgabe Dawid Kownacki hat bei Hertha BSC noch nicht so einschlagen wie erhofft.imago/Michael Taeger

Überhaupt kam Hertha in dieser Saison bislang insgesamt in der Liga erst zu sieben Joker-Toren (bei insgesamt 30 Treffern), aber immerhin zu drei Joker-Toren im DFB-Pokal. Beim 3:0 gegen die SV Elversberg traf der Isländer Jon Dagur Thorsteinsson in der fünften Minute der Nachspielzeit (90+5) und stand gerade neun Minuten auf dem Platz. Auch sehr schnell erfolgreich waren beim 6:1-Triumph gegen Kaiserslautern Kownacki und Maurice Krattenmacher, die beide nach 71 Minuten eingewechselt wurden und nach 75 bzw. 80 Minuten trafen.

Warum Kownacki und Schuler noch keine Top‑Joker sind

Noch schneller reagierte nur Luca Schuler bei einer 2:3-Niederlage in Bochum, als er gerade zwei Minuten im Spiel, den Ball im VfL-Tor versenkte. Interessant: Nach den sieben Joker-Toren ging die Mannschaft viermal als Sieger vom Rasen.

Es geht doch: Luca Schuler traf für Herrtha in Bochum nur wenige Minuten nach seiner Einwechselung.
Es geht doch: Luca Schuler traf für Herrtha in Bochum nur wenige Minuten nach seiner Einwechselung.imago/Revierfoto

Bei der jüngsten 2:3-Heimpleite gegen Hannover 96, die den Aufstieg wieder in weite Ferne rücken lässt, wechselte Andre Mijatovic, der den gelbgesperrten Leitl vertrat, fünf Spieler ein. Getroffen hat keiner von ihnen.

DFB‑Sperre und fehlendes Glück bremsen Hertha aus

Fakt ist, Hertha fehlt in dieser Saison vor allem die Kontinuität, ab und an auch das Spielglück, dazu ein zuverlässiger Torjäger, der zweistellige Quoten garantiert, und eben auch ein Top-Joker, der Duelle drehen kann. Hinzu kommt die offensichtlich fehlende Lobby beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und bei den Schiedsrichtern. Das Knallhart-Urteil, eigentlich ein Witz, mit drei Spielen Sperre für Kownacki nach dessen Roter Karte gegen Darmstadt 98, war dafür das jüngste Beispiel.

Viele Profis, die bedeutende Joker waren, hat die Hertha in den zurückliegenden Jahren nicht aufzubieten. An zwei wichtige Joker-Tore erinnere ich mich dennoch. Der teure polnische Angreifer Krzysztof Piatek – er kam für 23 Millionen Euro Ablöse von der AC Mailand – traf 2020 im Derby gegen den 1. FC Union nach 0:1-Rückstand nach seiner Einwechslung zum 2:1 (74.) und 3:1 (77.) und drehte das Spiel.

Leitl rotiert viel – aber die Joker zünden nicht

Es gab bei Hertha schon Trainer, die nur zögerlich wechselten und auf Joker weitgehend verzichteten. So sagte einst Friedhelm Funkel, nachdem er im Abstiegskampf 2010 oft nur wenige Wechsel vollzog und nach den Gründen gefragt wurde, etwas despektierlich: „Ist es etwa ein Gesetz in Berlin, dass man auswechseln muss?“ Stefan Leitl versucht dagegen immer, mit neuen Profis auch frische Impulse zu setzen, und nahm bislang 101 Einwechslungen in 22 Spielen vor.

Noch einmal zurück zu Nils Petersen. In seinem letzten Bundesligaspiel, beim 2:0-Sieg des SC Freiburg gegen den VfL Wolfsburg im Mai 2023, wechselte ihn Trainer-Legende Christian Streich nach 70 Minuten ein. Petersen traf fünf Minuten später zum 2:0. Ein Joker für die Ewigkeit.