Es gibt Momente im Fußball, die über das sportliche und finanzielle Wohl und Wehe eines Vereins entscheiden, über Auf- und Abstiege, über das Schicksal eines Trainers und über den Karriereverlauf vieler Profis. Solche Momente können sehr, sehr bitter sein, aber im positiven Fall auch ungeahnte Kräfte freisetzen. Ein solcher Moment, so glaube ich, war im äußerst emotionalen Spiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC in der 77. Minute gekommen.
Handelfmeter, Platzverweis, Wahnsinn: Hertha am Abgrund
Beim Stand von 0:0 war zehn Minuten zuvor Herthas spielstarker Kroate Josip Brekalo mit Rot vom Platz geflogen. Hertha kämpfte in Unterzahl um die wohl letzte klitzekleine Chance, mit einem Sieg doch noch ins Aufstiegsrennen eingreifen zu können. Doch in Minute 77 gab es einen Handelfmeter für Dresden. Alles, wirklich alles, schien gegen Hertha zu laufen. In diesem Augenblick blieb nur noch „hopp oder top“.
Wäre Dynamo mit 1:0 in Führung und am Ende als Sieger vom Platz gegangen, hätte es wohl das zuletzt schon oft beschriebene Szenario bei Hertha gegeben: Nichtaufstieg im dritten Anlauf besiegelt, eine Trainerdiskussion mit möglicher Trennung von Stefan Leitl, der Abgang zahlreicher starker Profis.
Tjark Ernst wird zum Helden – Elfmeter‑Parade in Dresden
Hertha stand gerade zwischen Himmel und Hölle. Doch der erneut bärenstarke Tjark Ernst hielt den Strafstoß von Vincent Vermeij, wurde zum Helden und nur drei Minuten danach schaffte Hertha den Siegtreffer durch Marten Winklers Kopfball! Ich bin mir sicher, dass diese Momente, die äußerst dramatische, kurze Abfolge der aufregenden Ereignisse, Hertha mental gestärkt in die letzten sechs Saisonspiele gehen lässt.

In der Historie der Hertha gab es immer mal wieder ähnlich aufwühlende Momente, die den Verlauf einer Saison entscheidend beeinflussten. Das 2:0 im April 1997 gegen den 1. FC Kaiserslautern – das Olympiastadion war nach 18 Jahren zum ersten Mal wieder bei einem Hertha-Spiel mit 75.000 Zuschauern ausverkauft – hatte solche Wow-Effekte, löste zuvor ewig nicht erlebte gewaltige Emotionen aus. Obwohl das am 24. Spieltag passierte, waren sich alle sicher, dass der Aufstieg in die Erste Liga nun greifbar war. Sieben Duelle später war der tatsächlich perfekt.
Winklers Treffer entfacht Aufstiegstraum bei Hertha
„Hopp oder top“ hieß es Ende Oktober 1997 auch für den damaligen Hertha-Cheftrainer Jürgen Röber. Im Heimspiel gegen den Karlsruher SC musste das Team siegen, sonst würde der Coach sofort fliegen! Das wunderschöne Tor des Holländers Bryan Roy nach 0:1-Rückstand zum Ausgleich war solch ein Moment, der Röber rettete, denn es folgten noch die Treffer zum 2:1 und 3:1. Der Trainer, der unmittelbar vor dem Rauswurf stand, aber blieb noch bis Februar 2002 im Amt und prägte eine erfolgreiche Ära…

Zurück zur Gegenwart und Trainer Stefan Leitl. Als der Münchner Ende Februar 2025 die sogar in Richtung Dritte Liga abdriftende Mannschaft von Cristian Fiel übernommen hatte, lag das Team mit vier Niederlagen in Folge am Boden. Auch Leitl tat sich schwer, holte ein Remis und kassierte zwei Pleiten. Doch er behielt klaren Kopf. Was folgte, war Mitte März der „Tag der Befreiung“ bei einem 5:1-Sieg bei Eintracht Braunschweig. Fabian Reese und Teamkameraden schossen sich den Frust von der Seele und gaben in einem ganz wichtigen Moment der bis dato miserablen Saison eine Wende. Ein Abstieg damals in Liga drei hätte dramatische Folgen für den Verein über Jahre gehabt.



