Auf welchem Platz Hertha BSC die aktuelle Saison abschließen wird, ist sieben Spieltage vor Schluss noch völlig offen. Felsenfest aber steht für mich als Beobachter, dass Torhüter Tjark Ernst den größten Sprung aller Berliner Profis in seiner Entwicklung genommen hat. Als Feldspieler kommt nur der erst 16-Jährige Kennet Eichhorn als Shooting-Star in Betracht, was aber mit einem Keeper schwer zu vergleichen ist.
Tjark Ernst wächst bei Hertha BSC zur Nummer eins
Es heißt immer, ein sehr starker Torhüter sollte seiner Mannschaft pro Saison vielleicht mit Glanzparaden um die zehn Punkte zusätzlich sichern. Ernst, 23 Jahre jung, kommt dieser Anforderung nahe.

Die Benotung der Keeper im Fachmagazin Kicker soll mir dafür als ein Beweis dienen. Ernst erreichte bisher einen Notenschnitt von 2,67, hauchdünn hinter Liga-Spitzenreiter Loris Karius (Schalke/2,63) und Timo Horn (VfL Bochum/2,65). Herthas Torhüter wurde zudem dreimal als „Spieler des Spiels“ tituliert, als er die Siege in Hannover (3:0), gegen Düsseldorf (1:0) und auf dem gefürchteten Betzenberg in Kaiserslautern (1:0) mit reaktionsschnellen Glanztaten sicherte.
Glanzparaden sichern Hertha wichtige Punkte
In einem Interview sagte der längst von zahlreichen Klubs umworbene Ernst: „Ich weiß, dass ich noch Entwicklungspotenzial nach oben habe. Nichtdestotrotz finde ich, dass ich wahrscheinlich meine beste und konstanteste Saison spiele.“ Eine realistische Einschätzung. Ernst verriet auch ein großes Ziel, dass aber noch weit weg ist. „Bei der Nationalmannschaft irgendwann einmal im Tor zu stehen, ist ein Traum, auf den man hinarbeitet.“

Bei der U21-Europameisterschaft im Sommer vorigen Jahres hat Ernst erlebt, wie emotional es ist, für sein Land ein Turnier zu spielen. Ein Blick in die Historie zeigt, dass Hertha BSC seit Gründung der Bundesliga 1963 immerhin zwölf Torhüter beschäftigte, die auch für ihre Länder in der Nationalmannschaft standen. Von Volkmar Groß, über Norbert Nigbur, Jaroslav Drobny, Rune Jarstein bis Oliver Christensen. Mit großem Abstand auf Platz eins dieser exklusiven Liste thront der Ungar Gabor Kiraly, der auf überragende 108 Länderspieleinsätze kommt!
Tjark Ernst: Nationalmannschaft als großes Ziel
Ein Anruf bei Kiraly in Szombathely, wo der Keeper, der seine lange graue Schlabberhose zum Kultobjekt machte, seit vielen Jahren das „Kiraly Sportzentrum“ betreibt. Als Kiraly mit 21 Jahren 1997 nach Berlin kam, ahnte er nicht, dass er eine sehr erfolgreiche Zeit prägen würde. „Ich war zum ersten Mal aus Ungarn weg, musste eine neue Sprache lernen, eine neue Kultur“, sagt Kiraly, „ich habe bei Hertha sehr viel gelernt.“ 198 Mal stand er im Tor in der Ersten Bundesliga für die Berliner im Kasten – so oft wie kein anderer Keeper.
Am 1. April wird er 50 Jahre alt. Herthas Weg verfolgt er intensiv. „Wenn bei Hertha ein Tor fällt, ploppt sofort eine Nachricht auf meinem Handy auf.“ Wie sieht er Tjark Ernst? „Ein sehr guter Mann, ein noch junger Keeper, der sich prächtig entwickelt hat. Er hat starke Reflexe, ist mutig in Eins-zu-eins-Situationen und strahlt Ruhe aus. Aber auch er muss noch viel lernen – so wie ich einst.“
Aufstieg entscheidet über Zukunft von Tjark Ernst
Aus dem „verrückten“ Keeper Kiraly, den seinen Trainern mit seinem risikoreichen Spiel oft den Angstschweiß auf die Stirn trieb, ist längst ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Seinen 50. Geburtstag wird er im kleinen Kreis feiern. Er hofft noch, dass Tjark Ernst mit der Hertha oben angreifen kann. Ernst, mit Vertrag bis 2027 bei Hertha ausgestattet, sagt über seine Pläne: „Hertha wird auf jeden Fall der erste Ansprechpartner sein und alles andere wird die Zukunft zeigen.“



