Der Mythos „Völkerfreundschaft“ lebt. Das Schiff aber wird es bald nicht mehr geben. Im Industriehafen von Gent wird das DDR-Luxusschiff in seine Einzelteile zerlegt – danach bleibt nur noch die Erinnerung.
„Völkerfreundschaft“ wird im Industriehafen Gent zerlegt
Im Industriehafen in Belgien hat Peter Wyntin das Sagen. Der Werftchef der Galloo-Abwrackwerft organisiert neue alte Schiffe, kalkuliert Kosten, findet Käufer für Stahl. Dazu vertritt er noch rund 30 verbliebene europäische Abwrackwerften – Tendenz sinkend.
Besonders viele Anfragen kommen aus Ostdeutschland
„Ich könnte den ganzen Tag Schiffstouren machen. Die Leute fragen nach der Schiffsglocke, dem Steuerrad, Kabinennummern oder einfach nur nach einem Stück Metall“, sagt Wyntin dem NDR. Besonders viele Anfragen kommen aus Ostdeutschland.

Kein Wunder: Als „MS Völkerfreundschaft“ war das Schiff von 1960 bis 1985 DDR-Urlaubsdampfer, mehr als 200.000 Menschen entkamen damit zumindest vorübergehend ihrer eingezäunten Republik. Gebaut wurde es zwischen 1946 und 1948 als „Stockholm“. Damit ist es das älteste noch aktive Kreuzfahrtschiff der Welt.
Arbeiter nehmen das Schiff auseinander
Heute ist von Glanz nichts mehr übrig. In der Werft reißen Arbeiter Wände, Teppiche, Kabel und Rohre heraus. Die Brücke hängt halb in der Luft, ganze Decks sind verschwunden. Nur noch wenig erinnert an einstige Partynächte. „Für uns ist das Schiff ein Haufen Metall, aber ich verstehe natürlich das ganze Drama und die Emotionen“, sagt Wyntin dem NDR.
Für uns ist das Schiff ein Haufen Metall, aber ich verstehe natürlich das ganze Drama und die Emotionen.
Dass die „Völkerfreundschaft“ überhaupt noch existiert, grenzt an ein Wunder. Genauso, dass sie jetzt sauber in Europa verschrottet wird. Für gerade mal 200.000 Euro hat Wyntin das Schiff bei einer Zwangsversteigerung gekauft und von Rotterdam nach Gent schleppen lassen.
Oftmals landen alte Schiffe auf Abwrackstränden in Asien
Ein Glücksfall: Viele andere europäische Schiffe enden illegal auf Abwrackstränden in Asien. Darüber schäumt Wyntin: „Wir müssen Hunderte Auflagen beachten, was Umwelt- und Arbeitsschutz angeht. Die Anforderungen füllen ganze Aktenordner, während die Auflagen in der Türkei auf ein paar Seiten passen.“
Dahinter steckt ein perfides System: Reeder verkaufen ihre Schiffe an Offshore-Firmen, Flaggen werden gewechselt, am Ende landen die Stahlriesen in Pakistan oder Indien. „Und so verschwinden die Schiffe aus Europa, obwohl sie eine wertvolle Ressource sind und außerdem Arbeitsplätze sichern, ohne dass Reeder dafür verfolgt oder gar bestraft werden würden“, sagt Wyntin.
Brüssel verhängt keine Strafen und Verbote
Seine Forderungen an die EU sind klar: härtere Strafen, Verbot von Flaggenwechseln kurz vor der Verschrottung, finanzielle Anreize für Recycling in Europa.

Doch in Brüssel wurde er erneut vertröstet. Änderungen? Erst nach 2030. „Da bin ich schon in Rente“, sagt er. „Seit 30 Jahren bin ich in dem Geschäft und so lange versuchen wir, was zu ändern. Umsonst.“
Im Dezember soll „Völkerfreundschaft“ zerlegt sein
Während die Politik zögert, gehen die Arbeiten an der „Astoria“ weiter. Spätestens im Dezember soll Schluss sein. Dann ist das einst legendäre Schiff endgültig Geschichte.




