Eine Legende über die ehemalige DDR besagt: Damals gab es im Osten Deutschlands nichts. Doch wer damals lebte, der weiß, dass es vieles gab – manche Sachen sahen nur anders aus. Beispiel Computerspiele. Daran war zu Honeckers Zeiten nicht zu denken? Im Gegenteil! Noch viele erinnern sich heute etwa an das kultige Spiel „Hase und Wolf“ – der Kracher auf dem DDR-Spielautomaten Poly-Play, der in etlichen FDGB-Ferienheimen stand. Haben Sie es auch gespielt?
„Hase und Wolf“ auf dem Poly-Play begeisterte alle
Um dieses Spiel zu kennen, muss man nicht einmal aus der DDR kommen. Auch der Autor dieses Textes – Jahrgang 1990 – hat mit Leidenschaft „Hase und Wolf“ gespielt. Der Grund: Im Schulhort in Sachsen tauchte irgendwann einer der berühmten Automaten auf. Der Münzschlitz, in den zu DDR-Zeiten 50 Pfennig gehört hätten, war deaktiviert – und vor dem riesigen Gerät bildeten sich lange Schlangen. Für viele Kinder war es damals, Mitte der 90er-Jahre, der erste Kontakt mit einer Spielekonsole. Und „Hase und Wolf“ – die Ost-Version des Klassikers Pac-Man – wurde zum Hit.
Aber: Woher kamen die Automaten – und worum ging es im Spiel? Die riesigen Automaten der Marke Poly-Play wurden im VEB Polytechnik Karl-Marx-Stadt gemeinsam mit dem Kombinat Robotron hergestellt. Vorgestellt wurde der Automat in Holzoptik auf der Messe der „Meister von Morgen“ im Jahr 1986 in Leipzig. Bis zu 2000 Automaten sollen im Laufe der Jahre bis zur Wende das Werk verlassen haben. Der Verbleib der meisten ist heute ein großes Geheimnis. Einige Exemplare stehen in Museen und Computerspiele-Sammlungen, unter anderem in Berlin.

Für den Privatgebrauch war der Poly-Play aber nicht gedacht – die Maschinen wurden unter anderem in FDGB-Ferienheimen und in öffentlichen Einrichtungen aufgestellt. Hotspot für den Poly-Play war damals das Berliner SEZ – hier gab es eine Spielhalle, in der 42 der Geräte warteten. Gespielt werden konnten mehrere Spiele, darunter „Hirschjagd“, „Abfahrtslauf“, „Schmetterlinge“ und „Schießbude“. Zum absoluten Hit wurde aber „Hase und Wolf“, die sozialistische Variante des Pac-Man.
Spieler steuerten Hasen durch ein blaues Labyrinth
Nach dem Öffnen des Spiels sah der Spieler ein blaues Labyrinth, durch das sich ein Wolf bewegte. Der Spieler selbst steuerte einen gelben Hasen, dessen Knickohr sich bei vielen Menschen eingeprägt haben dürfte. Der Hase musste grüne Erbsen sammeln, zwischendurch außerdem kleine Möhren futtern – und dabei immer dem Wolf aus dem Weg gehen. Für jede Erbse gab es einen Punkt, für jede Möhre 5, für eine etwas kniffliger versteckte Birne konnte der Spieler sogar bis zu 10 Punkte bekommen.

An beiden Seiten des Labyrinths gab es, wie schon bei Pac-Man, Ausgänge, mit denen der Spieler zwischen der linken und der rechten Seite des Irrgartens hin- und herwechseln konnte, um die Flucht vor dem Wolf zu erleichtern. Der Clou: Der Spieler hatte zu Beginn drei Leben, bei einer Begegnung mit dem Wolf wurde eines abgezogen. Schaffte man es, alle Karos und Möhren auf dem Bildschirm einzusammeln, wurde eine neue Runde gestartet.

„Hase und Wolf“ auf dem Poly-Play wurde schwerer
Insgesamt soll es vier Runden gegeben haben, bis zu vier Wölfe waren also am Ende auf dem Bildschirm unterwegs. Das Spiel wurde dadurch nach und nach schwerer. Ein Spiel kostete an den Poly-Play-Automaten 50 Pfennig. Bei vielen Geräten wurde aber der Münzschlitz manipuliert. Wer an den Umgang mit den Maschinen gewöhnt war, schaffte es außerdem, eine Pfennigmünze so in den Münzschlitz zu schießen, dass das Kontrollsystem nicht erkannte, dass es sich nicht um ein 50-Pfennig-Stück handelte – und den Spieler gewähren ließ.
„Hase und Wolf“ ist bei vielen vor allem mit Erinnerungen an die Ferien verknüpft. „Bester Automat. War in fast jedem Ferienheim in der DDR. Glaub es gab 800 Geräte“, schreibt ein Nutzer unter einem Video auf YouTube. Ein anderer: „Im verregneten Sommer 1987 im FDGB-Heim auf Rügen mit vielen anderen Kindern zusammen gespielt.“ Auch er erinnert sich an den Spielpreis von 50 Pfennig. „Wir sind alle die 10er- und 20er-Geldscheine umtauschen gegangen, im Heim und in den Verkaufsstellen.“ Und einer schreibt: „Meine erste Begegnung mit Automaten – als Kind war das Magie.“




