Noch immer greifen viele Menschen in Deutschland regelmäßig zum Glimmstängel – obwohl jedes Kind weiß, dass Rauchen schädlich ist. Besonders spannend: Vor allem bei Frauen steigt die Zahl der durch Tabakkonsum bedingten Sterbefälle kontinuierlich an. Eine neue Studie hat sich jetzt mit dem Thema beschäftigt – vor einem ungewöhnlichen Hintergrund: Forscher haben festgestellt, dass Frauen aus Regionen, in denen in der DDR Westfernsehen empfangen werden konnte, deutlich häufiger zur Kippe greifen. Es ist sogar die Rede davon, dass der Empfang von Westfernsehen zu DDR-Zeiten ein „natürliches Experiment“ gewesen sei.
Machte das Westfernsehen die Frauen in der DDR krank?
Es hört sich völlig verrückt an – doch Forscher glauben, einen Zusammenhang zwischen dem Tabakkonsum im Osten und dem Empfang von Westfernsehen gefunden zu haben. Forscher Sven Hartmann hat sich mit dem Thema befasst, weil er eine spannende Entwicklung entdeckte: Vor allem bei Frauen in Ostdeutschland ist die Sterblichkeit durch Lungenkrebs in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen – und zwar „deutlich stärker als bei Frauen in Westdeutschland“, sagte er dem MDR.
Die Idee, die er und sein Kollege Andrea Bernini außerdem hatten: Im Fernsehen in der DDR und im Westen gab es deutliche Unterschiede im Umgang mit Tabakwerbung. „Deshalb wollten wir untersuchen, ob und wie diese Unterschiede im Medienangebot zum späteren Anstieg der Raucherquote unter ostdeutschen Frauen beigetragen haben.“ Die Theorie: Haben die Medien aus dem Westen das Rauchen gesellschaftsfähig gemacht – und dazu beigetragen, dass Frauen im Osten, die Westfernsehen gucken konnten, häufiger zur Kippe greifen?

Der Verdacht: Ja! Schon vor dem Mauerfall zeigt die Auswertung von Daten, dass Frauen, die in Regionen lebten, in denen man Westfernsehen empfangen konnte, häufiger rauchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie zur Zigarette griffen, war sieben bis acht Prozent höher. Auch Jahre nach der Wende setzt sich das Muster fort: Wer vor der Wende Westen guckte, rauchte mit einer 9,5 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit auch im Jahr 2002 noch. Die durchschnittliche Menge der pro Tag gerauchten Zigaretten lag ebenfalls um 68 Prozent höher. Heißt: Frauen, die in der DDR Westfernsehen empfangen konnten, rauchten nicht nur häufiger, sondern auch mehr.
Forscher: Westfernsehen stellte Rauchen als attraktiv dar
Der Grund für dieses Phänomen laut Hartmann: „Rauchen war in der DDR für Frauen stark stigmatisiert, während es im westdeutschen Fernsehen durch Werbung, Filme und Serien deutlich normaler und teils sogar attraktiv dargestellt wurde“, sagt er. Aber: Liegt es wirklich am Westfernsehen? Hartmann betont zumindest, dass andere Faktoren wie Einkommen, Bildung und der Zugang zu medizinischer Versorgung als Faktoren ausgeschlossen werden könnten.

Westfernsehen war in der DDR ein „natürliches Experiment“
Er sprich in dem Zusammenhang von einem „natürlichen Experiment“, über das sozusagen Berge und Täler entschieden: Nicht überall konnte in der DDR Westfernsehen empfangen werden. Scherzhaft wird die Abkürzung ARD interpretiert als „Außer Raum Dresden“. Auch das sogenannte „Tal der Ahnungslosen“ beschreibt die Gebiete, in denen das Fernsehen aus dem Westen nicht empfangen werden konnte.




