Exklusives KURIER-Interview

Schauspieler Henry Hübchen rechnet mit seiner Heimat ab: „Berlin ist verwahrlost!“

Henry Hübchen kritisiert Berlin scharf: „Die Welt steht Kopf – und Berlin ist verwahrlost.“ Jetzt spricht er über Film, Freiheit und seine DDR-Biografie.

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Henry Hübchen gehört zu den letzten großen Schauspielern-Stars des Landes. Er ist in West-Berlin geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen.
Henry Hübchen gehört zu den letzten großen Schauspielern-Stars des Landes. Er ist in West-Berlin geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen.Charles Yunck/imago

Er ist einer der letzten großen Charakterdarsteller Deutschlands – und einer, der sich nie verbiegen ließ. Jetzt ist Henry Hübchen (78), Berliner Schnauze mit Ost- und West-Biografie, zurück auf der Leinwand.

Im Kino-Film „Das Leben der Wünsche“ spielt er an der Seite von Matthias Schweighöfer einen Wunscherfüller. Im Mittelpunkt steht dabei eine Frage, die größer kaum sein könnte: Was passiert, wenn alle Wünsche erfüllt werden?

Hübchen selbst hat darauf für sich eine nüchterne Antwort: „Ich glaube in der Konsequenz ist das genauso beängstigend, wie das ewige Leben, ich glaube, man wird krank davon. Ich habe nie zu Hause gesessen und mir überlegt, was ich für große Wünsche hätte“, sagt der Schauspieler im Gespräch mit dem Berliner KURIER.

„Ich hatte höchstens kleine, wie: Hoffentlich kommt die Straßenbahn pünktlich. Ich möchte jetzt nicht im Stau stecken bleiben. Oder wäre schön, wenn ich die Aufnahmeprüfung schaffe.“

Zusammen mit Benno Fuhrmann und Matthias Schwighöer (v. li.) ist Henry Hübchen im Kino-Film „Das Leben der Wünsche“ zu sehen.
Zusammen mit Benno Fuhrmann und Matthias Schwighöer (v. li.) ist Henry Hübchen im Kino-Film „Das Leben der Wünsche“ zu sehen.Dave Bedrosian/imago

Karrierepläne? Fehlanzeige. Nach einem Jahr Physikstudium an der Humboldt-Universität wechselte er zur Schauspielschule, „weil es sich so ergeben hat“. Schauspieler zu werden war kein Lebenstraum, sondern eine Entscheidung aus Neugier. Er setzte dabei auf Arbeit statt Glück.

„Es fühlt sich besser an, wenn man selbst etwas für seinen Erfolg getan hat, selber machen macht Spaß“, sagt er. „Es gibt ein Brecht-Lied: ‚Um uns selber müssen wir uns selber kümmern.‘ Genau so ist es.“

Diese Haltung zieht sich durch sein Leben: kein Pathos, kein Größenwahn, sondern Pragmatismus. Vielleicht ist das der Grund, warum Hübchen nie in die Falle des Starkults tappte. „Die wahren Stars sitzen in den Gehirnchirurgien, oder in den Flugzeugleidzentralen, oder, oder … Ich habe nichts gegen Popularität, aber bitte auf dem Teppich bleiben und damit meine ich nicht den Roten.“ Henry Hübchen war immer der, der er ist: Ein Berliner, der sich nicht verbiegen lässt.

„Ich bin ein ganz ordinärer Tagelöhner“

Heute kann er sich entspannt zurücklehnen. „Ich muss nicht arbeiten, um meine Miete zu bezahlen. Ich bekomme eine ganz normale Rente. Ich habe mein Leben lang gearbeitet und eingezahlt.“

Anders als viele seiner Kollegen war er nie selbstständig, sondern immer angestellt. „Selbst wenn ich einen Film mache, bin ich ein Angestellter. Ich bin ein ganz ordinärer Tagelöhner“, sagt er mit einem Grinsen.

Hübchen startete seine Karriere in den 60er-Jahren eher durch Zufall. Als Jugendlicher ergatterte er eine Nebenrolle im ersten DEFA-Indianerfilm „Die Söhne der großen Bärin“. Aus dieser Erfahrung vor der Kamera entwickelte sich ein Weg, der ihn in die Kulturwelt der DDR führte – eine Welt, die nicht nur seine berufliche Laufbahn prägte, sondern auch seine Haltung zum Leben.

Schon in der DDR ein Star! Der Schauspieler Henry Hübchen hier bei den Dreharbeiten der Folge „Flüssige Waffe" aus der Krimi-Serie „Polizeiruf 110“ im Jahr 1988.
Schon in der DDR ein Star! Der Schauspieler Henry Hübchen hier bei den Dreharbeiten der Folge „Flüssige Waffe" aus der Krimi-Serie „Polizeiruf 110“ im Jahr 1988.Klaus Winkler/picture alliance

Hübchen ist ein Kind der geteilten Stadt. „Ich bin in Charlottenburg geboren und mit zwei Jahren in den sowjetischen Sektor übergesiedelt, ab 1961 waren wir auch eine geteilte Familie. Die ganze Verwandtschaft im Westen, wir im Osten. Dadurch wurde ich nach dem Mauerbau von meinen Großeltern mit Westpaketen beglückt“, erzählt er.

Aus dem französischen Sektor in den Osten – später DDR-Pass, dann bundesrepublikanischer Pass. „Ich habe alle Pässe zu Hause, gelagert in einer Schublade.“ Für ihn sind sie mehr als Dokumente: Erinnerungen an ein Leben zwischen zwei Gesellschaftsordnungen, die seine Sicht auf Freiheit und Demokratie bis heute prägt.

„Ich habe mich in der DDR nicht unfrei gefühlt“

Den Mauerbau erlebte er ebenso wie die Wiedervereinigung – ohne je weg gewesen zu sein. „Ich habe mich in der DDR nicht unfrei gefühlt. Außer bei der Reisefreiheit. Aber immerhin ging im Osten die Sonne auf“, sagt er grinsend. „Aber ansonsten konnte ich das machen, was ich wollte: mit meiner ersten und zweiten und dritten großen Liebe Zeit verbringen, studieren, arbeiten, mit wem ich zusammenarbeiten wollte.“

Für ihn war der Übergang nach 1989 „bruchlos“. „Das war der Grund, warum ich nie dieses Land verlassen wollte – weil ich hier Arbeit und Leute hatte, die mich ausgefüllten.“

Und doch bleibt die Mauer in den Köpfen. Henry Hübchen erklärt sich das so: „40 Jahre DDR lassen sich nicht einfach durch den Wegfall einer Grenze ausradieren. Das setzt sich fort bei den Kindern, die die Teilung oft nicht mehr erlebt haben, aber in Familien groß geworden sind, in denen die Eltern DDR-Erfahrungen gemacht haben.“

Zusammen mit Katharina Thalbach war Hübchen im Kassenschlager „Sonnenallee“ zu sehen.
Zusammen mit Katharina Thalbach war Hübchen im Kassenschlager „Sonnenallee“ zu sehen.United Archives/picture alliance

Für den Kino-Star ist das nicht nur Geschichte, sondern sogar ein Vorteil: „Meine Generation kennt zwei Gesellschaftsordnungen. Wir haben eine größere Sensibilität für Demokratie. Wir merken eher, was undemokratisch ist oder wann schon diktiert wird. Und wir kennen das kapitalistische System.“

Er selbst sieht keinen Makel darin, aus dem Osten zu kommen. „Warum? Im Gegenteil. Wir haben Anfang der Neunzigerjahre in großen leuchtenden Lettern ‚Ost‘ über die Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz geschrieben, als Qualitätssiegel.“

„Heutzutage muss man aufpassen, was man sagt“

Doch während er über die Vorteile spricht, kommt Hübchen auf eine Entwicklung zu sprechen, die ihn beunruhigt: „Heutzutage wird immer weniger über Inhalte geredet, sondern es wird nur etikettiert. Man muss aufpassen, was man sagt.“

Er nennt das „eine Katastrophe. Und die woke Gemeinschaft, die eigentlich gegen Stigmatisierung ist, erfindet auch noch das Etikett ‚alter weißer Mann‘. Worte wie Nazi, Rassist, Antisemit, rechtsextrem, links, Demokraten, Demokratie verteidigen werden durch den Äther geschleudert, dass die Balken sich biegen, und alle sind sich dabei so sicher. Wir haben Meinungsfreiheit, aber geringere Meinungstoleranz. So kann kein demokratischer Diskurs entstehen. Es gibt doch das Sprichwort: Die Dummen sind sich so sicher, die Intelligenten voller Zweifel. Lasst uns mehr zweifeln und weniger in Feindbildern und heillosem Moralismus schwelgen.“

Henry Hübchen mit Ehefrau Sanna Hübchen bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preis im Oktober 2025.
Henry Hübchen mit Ehefrau Sanna Hübchen bei der Verleihung des Ernst-Lubitsch-Preis im Oktober 2025.Ralf Müller/imago

Henry Hübchen ist Berliner durch und durch – und trotzdem fremdelt er heute mit seiner Heimatstadt. „Berlin ist mit sich selbst überfordert“, stellt er fest. „Infrastruktur, Wohnungsbau, Integration, Schulen, Bildung, Ämter sind nicht erreichbar – alles Baustellen und jeden Tag kommen welche dazu. Wer das Land überfordert, nimmt den Kontrollverlust in Kauf.“

Und: Eine aggressive Grundstimmung in den öffentlichen Räumen, besonders wenn Fahrrad-, Roller- und Autofahrer sich begegnen. Mit Betonschwellen markierte Fahrradwege, die zum auf die Schnauze fallen und zu gebrochenen Autofelgen einladen. Verdichtete Innenhöfe, in denen Grünflächen verschwinden, die die Lebensqualität der Anwohner beeinträchtigen.

Hübchen weiter: „Ein Gericht hat jetzt gerade einer Verdichtung widersprochen, weil Eichelhäher und Lurch dadurch gefährdet sind. Das ist doch klasse. Da haben die menschlichen Anwohner jetzt auch was davon, wenn sie mit Eichelhäher, Lurch und grünen Bäumen in Gemeinschaft leben. Ich könnte jetzt endlos so weiterplappern. Und da haben wir noch nicht von der großen Geopolitik gesprochen und den geopolitischen Analphabeten, die die Welt mit unterschiedlichen Standards beurteilen.“ Sein Fazit: „Die Welt steht Kopf – und Berlin ist verwahrlost.“

Henry Hübchen kommuniziert mit totem Freund

Deshalb verbringt der Schauspieler inzwischen auch die meiste Zeit des Jahres an der Ostsee. Sein Leben dort ist einfach: „Ich bin ein Freund des Müßiggangs. Nichtstun kann sehr produktiv sein. Ich verbringe ich hier Zeit mit mir und meiner Familie. Aber ich drehe auch mal einen kleinen Low-Budget-Film mit meinen Freunden vom SurfCenter Wustrow.“

Dann wird er nachdenklich, hält kurz inne: „Manche Freunde sterben auch. Mit einem Toten bin ich noch in Kontakt. Ich kommuniziere mit ihm über seine ehemalige Lebensgefährtin. Ich frag sie immer, was es Neues von Karl gibt.“

Aber Privates soll privates bleiben. Über sein Liebesleben schweigt er. „Nur so viel, wenn es Sie interessiert: Ich bin nicht homosexuell, ich bin nicht bisexuell, ich bin heterosexuell. Und dementsprechend richtet sich mein Leben aus“, sagt Henry Hübchen und lacht.