Neues, altes Buch

Thilo Sarrazin: Die Grünen kann man nicht mehr aufwecken

In regelmäßigen Abständen singt Thilo Sarrazin das Lied vom Niedergang Deutschlands. Zu seinem 80. Geburtstag bringt er eine kommentierte Neuauflage seines Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ heraus. Die Stärke der AfD sei ein Weckruf für SPD und CDU.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Thilo Sarrazin stellt im Haus der Bundespressekonferenz anlässlich seines 80. Geburtstags das Buch „Deutschland schafft sich ab. Die Bilanz“ vor.
Thilo Sarrazin stellt im Haus der Bundespressekonferenz anlässlich seines 80. Geburtstags das Buch „Deutschland schafft sich ab. Die Bilanz“ vor.Bernd von Jutrczenka/dpa

Mit Büchern wie „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“, „Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat“ oder „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“, hat Thilo Sarrazin Erfolge gefeiert.

Vor 15 Jahren polarisierte sein Werk: „Deutschland schafft sich ab“ wie kaum ein anderes. Nach seinem Rauswurf aus der SPD meldete sich der frühere Berliner Finanzsenator dennoch immer wieder zugespitzt zu Wort. Endlich sagt's mal einer, so urteilten seine Fans. Von anderen bekam er Morddrohungen wegen seiner provokanten Thesen.

An seinem 80. Geburtstag veröffentlicht Sarrazin nun eine kommentierte neue Version seines Bestellers, der sich bis heute 1,6 Millionen Mal verkaufte:„Deutschland schafft sich ab, eine Bilanz“. Es ist kaum zu übersehen, die Themen von damals Bildung, Einwanderung und die Sozialsysteme sind nach wie vor Brennpunktthemen.

In der Neuausgabe „Die Bilanz“ bleibt der Originaltext von 2010 unverändert, Sarrazins aktuelle Kommentierungen und Ergänzungen werden farblich abgesetzt eingebettet.

Auch nach 15 Jahren sind drängende Themen aus dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ wie gute Bildung, Migration und Demografie nicht gelöst.
Auch nach 15 Jahren sind drängende Themen aus dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ wie gute Bildung, Migration und Demografie nicht gelöst.Bernd von Jutrczenka/dpa

Der frühere SPD-Politiker und Bestseller-Autor Thilo Sarrazin sieht das Erstarken der AfD als einen „dringend notwendigen Weckruf für SPD und CDU“ bei der Frage der Einwanderungspolitik. Die Grünen könne man nicht mehr aufwecken, „das habe ich aufgegeben“, sagte Sarrazin bei der Vorstellung des Buchs „Deutschland schafft sich ab“ mit dem erweiterten Titel: „Die Bilanz nach 15 Jahren“.

Sarrazin, der am Mittwoch 80 Jahre alt wurde, sagte weiter, der Kanzlerkandidat von CDU/CSU, Friedrich Merz, habe in der Migrationspolitik das Problem verstanden, „wenn die etablierten Parteien der Mitte auf die Sorgen von 65 Prozent der Bevölkerung keine sachliche und politisch adäquate Antwort geben“.

Sarrazin spricht über sogenannte Brandmauer

Die Diskussion um die sogenannte Brandmauer zur AfD sei eine entscheidende politische Frage, sagte Sarrazin. „Damit SPD und Teile der CDU/CSU auf eine vernünftige Politik einschwenken, braucht es das Drohpotenzial, notfalls auch bestimmte einzelne Fragen zusammen mit der AfD entscheiden zu können.“ Solange dieses Potenzial nicht vorhanden sei, „bleibt Friedrich Merz bei den Koalitionsverhandlungen ein zahnloser Tiger“.

Der Neuauflage seines mehr als 1,5 Millionen Mal verkauften Buches „Deutschland schafft sich ab“ fügte Sarrazin eine Bilanz seiner damaligen Thesen zu Einwanderung, Demografie, Bildung und wirtschaftlicher Entwicklung bei. In die jeweiligen Kapitel sind in blauer Schrift Kommentare und neue Zahlen eingearbeitet, insgesamt etwa 60 zusätzliche Seiten. Dazu gestellt ist eine frühere Erwiderung auf Argumente seiner Kritiker und ein Kapitel zur Medienresonanz.

„Leider habe ich in den meisten Prognosen Recht behalten“, zog Sarrazin sein Fazit 15 Jahre nach Erscheinen seines umstrittenen Buches. Wo er sich geirrt habe, sei die Entwicklung noch negativer verlaufen. So gebe es weit mehr als damals „kulturfremde Masseneinwanderung“ und eine schlechtere wirtschaftliche Entwicklung. Er sage das mit einer gewissen Trauer, „denn ich liebe Deutschland zu sehr, um mich über mein Rechtbehalten wirklich freuen zu können“. ■