Mehr als 100.000 Hunde werden in Berlin gehalten. Die müssen natürlich irgendwo ihr Geschäft erledigen. Landet es auf dem Gehweg, sind alle genervt. Pinkelt Fiffi an einen Baum, ist es auch nicht jedem recht. Gegen dieses stadtweite Dilemma hat sich eine kleine Initiative nun eine etwas skurrile, aber doch geniale Lösung überlegt.
Pinkelsteine als offizielles Konzept in Berlin
Was zunächst kurios klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als innovative Berliner Lösung mit Charme: das „Berliner Baumbeet mit Pinkelstein“. Entwickelt wurde das Konzept von der Initiative Fritschestraße gemeinsam mit dem Bezirksamt Charlottenburg‑Wilmersdorf.
Über einen Zeitraum von drei Jahren wurde das Modell erprobt – mit überraschend positiven Ergebnissen. Inzwischen ist es fester Bestandteil des ökologischen Grünflächenmanagements des Bezirks und soll ab September 2026 stärker öffentlich bekanntgemacht werden.

Im Kern geht es um einen pragmatischen Ansatz, der gleich mehrere Konflikte entschärft. Der sogenannte Pinkelstein, ein Findling, wird bewusst am Rand der Baumscheibe platziert. Hunde nehmen ihn instinktiv als Markierpunkt an, sodass deutlich weniger Urin direkt an den empfindlichen Baumstamm oder in den sensiblen Wurzelbereich gelangt. Gleichzeitig erleichtert die Platzierung der Steine – meist in den Ecken des Baumbeets – die Pflege enorm und motiviert Anwohner, sich selbst an der Bepflanzung zu beteiligen.
Zum jedem Pinkelstein gehört auch ein „Kackstreifen“
Zusätzlich zu den Findlingen setzt das Konzept auf eine etwa 25 Zentimeter hohe Totholzhecke, die mit Erdheringen stabilisiert wird. Sie soll Hunde davon abhalten, in die Beete zu gehen. Wie? Herausstehende Äste berühren den Bauch – eine Stelle, die Hunde instinktiv meiden.

Ergänzt wird das Ganze durch einen schmalen „Kackstreifen“ vor der Hecke, der ebenfalls genutzt wird. Das Ergebnis: Die heimischen Wildstauden bleiben ungestört und können sich frei entwickeln.
Bezirk folgt Klimaanpassungsgesetz des Landes Berlin
Die bepflanzten Beete stammen aus der bezirklichen Gärtnerei und schaffen kleine innerstädtische Lebensräume für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten. Besonders sichtbar ist das Konzept bereits an rund 15 Baumbeeten entlang der Bismarckstraße zwischen Kaiser‑Friedrich‑Straße und Sophie‑Charlotte‑Platz. Dort zeigt sich, wie niedrigschwellige Gestaltung den Stadtraum aufwerten kann – für Mensch, Tier und Natur.

Rückenwind erhält das Projekt durch das Berliner Klimaanpassungsgesetz, das im November 2025 vom Abgeordnetenhaus beschlossen wurde. Darin werden die Bezirke ausdrücklich dazu aufgefordert, innovative Maßnahmen zum Schutz von Stadtbäumen und zur Förderung der Biodiversität umzusetzen. Das „Berliner Baumbeet mit Pinkelstein“ gilt im Bezirk als Musterbeispiel für eine bürgernahe Antwort auf diese Vorgabe.
Was kosten die Pinkelsteine die Berliner Steuerzahler?
Finanziell ist das Projekt bewusst schlank gehalten. Die verwendeten Findlinge werden kostenlos von den Gatower Bauern des Landschaftspflegeverbands Spandau zur Verfügung gestellt. Mittel vom Land Berlin fließen nicht.
Trotz – oder gerade wegen – dieser Einfachheit hat das Konzept Aufmerksamkeit über die Hauptstadt hinaus erlangt: 2025 wurde es von der European Garden Association für den „European Award for Ecological Gardening“ nominiert. Inzwischen wird das Modell auch in acht weiteren Städten erprobt.



