Zehntausende Menschen saßen seit Samstag wegen des Terroranschlags auf die Stromversorgung im Dunkeln. Schnee, eisige Temperaturen und Hilflosigkeit erschwerten zusätzlich. Und was macht der Bürgermeister in einer der größten Krisen seit Langem? Diese Frage beschäftigte die Berliner seit Tagen.
Jetzt hat sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner dazu geäußert – und ein erschreckendes Bild von seinem Pflichtbewusstsein und seinem Mitgefühl gegeben. „Ja, ich war am Samstag zwischen 13 und 14 Uhr eine Stunde Tennisspielen“, erklärte Wegner in einem Interview mit „Welt“.
Schlimmer noch: Er habe „einfach mal den Kopf freikriegen“ müssen, nachdem er „seit 8.07 Uhr“ am Telefon gesessen und die zuständigen Behörden abtelefoniert habe. Dennoch versicherte er, dass er „die ganze Zeit am Handy erreichbar gewesen“ sei – auch während des Tennisspiels.
Zuvor hatte der RBB über Wegners Tennisstunde am ersten Tag des Stromausfalls berichtet. Seither steht der 53-jährige CDU-Politiker unter Druck. Die Kritik an ihm dürfte größer werden.
Wegner war am Samstag wohl doch nicht nur zu Hause
Am Sonntag hatte Wegner nach seinem Besuch einer Notunterkunft auf eine Journalistenfrage geantwortet: „Ich habe mich gestern weder gelangweilt noch die Füße hochgelegt, sondern ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht zu koordinieren und mich bestmöglich zu informieren, weil ich denke, das hilft den Menschen noch mehr.“ Er sei am Samstag zu Hause gewesen und habe sich in sein Büro eingeschlossen, sagte der CDU-Politiker weiter.
Wegners Erklärung löst heftige Kritik aus
Die Nachricht löste heftige Kritik aus. AfD und FDP forderten Wegners Rücktritt. Linke, Grüne und auch Steffen Krach vom Koalitionspartner SPD griffen Wegner scharf an, ohne explizit seinen Rücktritt zu verlangen.
„Kai Wegner hat vermutlich nicht daheim im verschlossenen Arbeitszimmer Tennis gespielt“, sagte Krach, der SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September ist. „Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Dass er die Berlinerinnen und Berliner belogen hat, oder dass ihm eine Tennis-Partie wichtiger war, als nach einem terroristischen Anschlag in der schlimmsten Stromkrise seit Jahrzehnten bei den betroffenen Menschen vor Ort zu sein. Beides ist inakzeptabel und eines Regierenden Bürgermeisters unwürdig.“

Grünen-Fraktionschef Werner Graf zeigte sich „fassungslos“. „Das heißt, er hat um 8.00 Uhr erfahren, dass 45.000 Haushalte keinen Strom haben, und gesagt, er habe sich dann im Büro eingeschlossen und gearbeitet, ist aber zwischendurch Tennis spielen gegangen.“ Wegner habe der Bevölkerung „in einer dunklen Stunde dieser Stadt“ nicht die Wahrheit gesagt. „Da muss man ganz klar sagen, dass die Berlinerinnen und Berliner zu Recht ganz andere Ansprüche an einen Regierenden Bürgermeister haben.“
Forderungen nach Wegners Rücktritt werden lauter
Linken-Landeschef Maximilian Schirmer erklärte: „Diese Stadt verdient einen Bürgermeister oder eben eine Bürgermeisterin, die zuerst an die Menschen dieser Stadt denkt, zuhört, anpackt und Krisen löst. Wer lieber Tennis spielt, als in der größten Not bei den Menschen zu sein, sollte sich vielleicht überlegen, ob dieser Job noch der richtige für ihn ist.“
Wegner habe den Angriff „nicht ernst genug“ genommen
Die AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Kristin Brinker meinte, Wegner müsse umgehend zurücktreten. „Es wäre schon schlimm genug, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin eine Notlage, die durch einen Terrorangriff auf die Infrastruktur der Stadt ausgelöst wurde, nicht ernst genug nimmt, um auf sein Tennismatch zu verzichten.“ Aber er habe die Berliner auch noch belogen. FDP-Landeschef Christoph Meyer erklärte: „Wer in der Krise nicht führt und anschließend die Öffentlichkeit belügt, kann dieses Amt nicht weiter ausüben. Kai Wegner muss zurücktreten.“
Berlin wählt am 20. September
Inwieweit die Aussagen den Wahlkampf um das Abgeordnetenhaus von Berlin beeinflussen, bleibt abzuwarten. Die Wahl findet am 20. September dieses Jahres statt. Wegner tritt dann wieder an und will sein Amt als Regierender Bürgermeister verteidigen. Fest steht: Mit seinem Tennisspiel hat Wegner keine Punkte gemacht und einen Mega-Doppelfehler begangen.



