Kurz vor den Sommerferien warnt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg vor einem Thema, das oft im Verborgenen bleibt: Zwangsverheiratungen von Jugendlichen. Gerade während der Sommerferien häufen sich die Vorfälle. Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen wurden deshalb über Warnsignale und Hilfsangebote informiert.
Mehr Zwangsverheiratung in den Sommerferien
Rund um die Ferienzeit häufen sich in Berlin Fälle von drohenden Zwangsverheiratungen. Gerade bei Reisen ins Ausland werden Jugendliche oft unter Druck gesetzt oder werden gegen ihren Willen verheiratet. „Zwangsverheiratung ist ein weltweites Phänomen und eine Menschenrechtsverletzung“, erklärt Sara Lühmann, Leiterin der Pressestelle des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg.

Fachstellen betonen, dass Zwangsverheiratung eine Form patriarchaler Gewalt ist, die häufig mit starker familiärer Kontrolle und Einschränkungen der Selbstbestimmung einhergeht. Besonders betroffen seien junge Frauen und Mädchen. „Aber auch junge Männer und queere Personen können davon betroffen werden“, so Lühmann. Nach Angaben des Bezirksamts finden Zwangsverheiratungen häufig während der Sommerferien statt.
Besondere Warnung für die Ferien
„Zwangsverheiratungen finden häufig während der Sommerferien statt, wenn Jugendliche mit ihren Familien ins Ausland reisen“, erklärt Lühmann. Dort wollen die Eltern ihr Kind dann – oft ohne dessen Zustimmung – zwangsverheiraten. Besonders betroffen sind laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) bevölkerungsreiche Länder wie Indien, China, Pakistan, Bangladesch und Afghanistan, in denen Millionen Menschen bereits von Zwangsheirat betroffen sind.
Viele betroffene Jugendliche hätten zwar schon vor der Reise Sorgen oder Befürchtungen, vertrauen sich aber oftmals erst sehr spät oder nie einer Vertrauensperson an. Zugleich betont das Bezirksamt, dass Zwangsverheiratungen keineswegs nur in den Ferien vorkommen. „Auch wenn sich viele Fälle rund um die Sommerferien verdichten, können Zwangsverheiratungen grundsätzlich ganzjährig stattfinden“, so Lühmann.
Auf diese Warnsignale sollten Lehrkräfte achten
Schulen und Jugendfreizeiteinrichtungen spielen nach Einschätzung des Bezirksamts eine Schlüsselrolle beim Schutz von Jugendlichen. Oft seien es die einzigen Orte, an denen sich Betroffene ohne familiäre Kontrolle bewegen können.
- Sorgen oder Ängste wegen einer geplanten Reise
- stärkere Kontrolle bzw. bestehende patriarchale Gewaltstrukturen im familiären Umfeld
- Rückzug oder auffällige Verhaltensänderungen
- Andeutungen, nicht verreisen zu wollen

„Diese Signale können Hinweise auf eine drohende Zwangsverheiratung sein und sollten ernst genommen werden“, sagt Lühmann. Gerade Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte könnten durch Sensibilisierung und Wissen über Unterstützungsangebote „entscheidend dazu beitragen, Gefährdungen früh zu erkennen und Betroffene an spezialisierte Beratungsstellen weiterzuleiten“.
Wo Betroffene Hilfe bekommen
Da viele Jugendliche aus Angst oder familiärem Druck nicht selbst Hilfe suchen, setzt das Bezirksamt auf mehrere Wege. Dazu gehören niedrigschwellige Informationsangebote, anonyme Beratungsmöglichkeiten und Vertrauenspersonen an Schulen oder in Freizeiteinrichtungen. Auch Freundinnen, Freunde oder Mitschüler können nach Angaben des Bezirksamts eine wichtige Rolle spielen. Wer den Verdacht hat, dass jemand unter Druck gesetzt wird, sollte Hinweise ernst nehmen.
In Friedrichshain-Kreuzberg stehen unter anderem die Beratungsstellen Elişi Evi e.V. sowie TIO e.V. als Anlaufstellen zur Verfügung. In akuten Fällen sollten außerdem Jugendämter, Kinder- und Jugendnotdienste oder der Mädchennotdienst eingeschaltet werden.


