Exklusives Interview

Erste Regierende Berlins: Giffeys ehrliche Gedanken zum Frauentag

Franziska Giffey ermutigt Frauen, ihre Position in der Politik selbstbewusst einzufordern.

Author - Sharone Treskow
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Franziska Giffey spricht mit dem KURIER offen und ehrlich über ihr vergangenes Amt als erste Regierende Bürgermeisterin Berlins.
Franziska Giffey spricht mit dem KURIER offen und ehrlich über ihr vergangenes Amt als erste Regierende Bürgermeisterin Berlins.Agentur Wehnert/M.Gränzdörfer/Imago

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Der KURIER hat dazu ein Interview mit Franziska Giffey (SPD) geführt, Berlins bisher einziger Regierender Bürgermeisterin. Was ihr diese Aufgabe bedeutet hat und was sie in puncto Gleichberechtigung ärgert. Die Wirtschaftssenatorin spricht offen über ihre Ansichten.

Regierende Bürgermeisterin zu sein, war Giffeys Traum

Franziska Giffey war von Dezember 2021 bis April 2023 die erste Regierende Bürgermeisterin Berlins. Was hat ihr diese Rolle persönlich bedeutet? „Als erste Frau an der Spitze Berlins zu stehen, war die Verwirklichung eines Traums, eine große Herausforderung und eine riesige Ehre zugleich“, verrät Giffey dem KURIER. „Natürlich hatte es auch eine Signalwirkung: Frauen können alles.“

Franziska Giffeys Amt als erste Regierende Bürgermeisterin Berlins hat ihr viel bedeutet.
Franziska Giffeys Amt als erste Regierende Bürgermeisterin Berlins hat ihr viel bedeutet.Kira Hofmann/Imago

Welches Bild von weiblicher Führung möchten Giffey jungen Frauen heute mitgeben? „Moderne Führung ist keine Frage des Geschlechts, sondern zeichnet sich für mich viel mehr durch Verantwortungsbewusstsein, Disziplin und eine Haltung aus“, betont die Landesvorsitzende der SPD Berlin. „Ich wünsche mir, dass Frauen in Spitzenämtern nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen werden, sondern als Selbstverständlichkeit.“

Männer werden nie gefragt, wer sich um die Kinder kümmert

Welche Barrieren hat Giffey selbst als Frau in der Politik erlebt, und was müsste sich in den Strukturen ändern, damit mehr Frauen nach ganz oben kommen? „Frauen müssen sich oft stärker beweisen, werden kritischer beobachtet und stehen unter besonderer Erwartungshaltung, gerade wenn es um Führungsfragen oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht“, weiß Giffey.

„Ihnen werden Fragen gestellt, die Männern selten bis nie gestellt werden – zum Beispiel, wer sich eigentlich um die Kinder kümmert, wenn sie Vollzeit arbeiten.“ Entscheidend sei, dass diese Strukturen verändert werden.

Eine Frau umgeben von Männern in der Politik. Franziska Giffey neben Michael Müller, Eberhard Diepgen, Kai Wegner, Walter Momper und Klaus Wowereit.
Eine Frau umgeben von Männern in der Politik. Franziska Giffey neben Michael Müller, Eberhard Diepgen, Kai Wegner, Walter Momper und Klaus Wowereit.Bernd Elmenthaler/Imago/ESDES.Pictures,

„Transparente Auswahlverfahren, bessere Vereinbarkeit und eine politische Kultur, die Leistung anerkennt – unabhängig vom Geschlecht“, fordert Giffey. „Es muss unser demokratischer Anspruch sein, dass die Politik auch die Gesellschaft abbildet, und da gehören Frauen zur Hälfte dazu.“

So balanciert Giffey Mama-Rolle und politisches Amt

Giffey ist seit 2008 mit dem Tierarzt Karsten Giffey verheiratet und hat mit ihm einen 2009 geborenen Sohn. Wie schafft sie die Balance zwischen ihrem politischen Amt und ihrem Privatleben? „Politik ist kein Nine-to-five-Job – und Familie auch nicht. Ohne Organisation, Prioritäten und ein starkes Umfeld geht es nicht“, stellt Giffey klar. Gleichzeitig müssten die Rahmenbedingungen stimmen.

Franziska Giffey ist Politikerin und Mutter. Das ist nur mit Unterstützung aus ihrem Umfeld möglich.
Franziska Giffey ist Politikerin und Mutter. Das ist nur mit Unterstützung aus ihrem Umfeld möglich.Political-Moments/Imago

Was würden Sie sich diesbezüglich von der Politik wünschen? „Wir brauchen eine verlässliche Kinderbetreuung in ganz Deutschland, flexible Arbeitsmodelle und eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit“, sagt Giffey. „Vereinbarkeit darf keine individuelle Kraftanstrengung bleiben, sondern muss strukturell mitgedacht und auf mehrere Schultern verteilt werden.“

Und trotzdem gilt auch: „Frauen müssen auch in ihrer eigenen Familie einfordern, dass sie das gleiche Recht haben, Vollzeit arbeiten zu gehen – wenn sie das wollen – und Freiheiten zu haben“, appelliert die 47-Jährige. „Teilzeitarbeit erhöht, bei allem individuellen Verständnis dafür, nachgewiesenermaßen das Risiko für Altersarmut. Das müssen Frauen bei ihrer persönlichen Planung auch berücksichtigen.“

Frauen in Führungspositionen: Berlin steht gut da

Am 8. März wird viel über Gleichstellung geredet. Wo sieht Giffey aktuell die größten Fortschritte? „In den vergangenen Jahren hat sich viel bewegt. Heute sind deutlich mehr Frauen in politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen vertreten, viele verbinden selbstverständlich Familie und Beruf“, freut sich die Wirtschaftssenatorin. Sie ist derzeit auch Bürgermeisterin und somit Stellvertreterin des Regierenden Kai Wegners.

„Das verändert Strukturen, Perspektiven und Entscheidungsprozesse und schafft wichtige Vorbilder für die nächste Generation. Auch beim Abbau der Entgeltlücke sehen wir Fortschritte“, so Giffey. „Berlin steht hier im Bundesvergleich besser da, und trotzdem sind auch 10 Prozent Lohnunterschied ungerecht und zu viel.“

Berlin steht gut da, was Gleichstellung angeht, so Franziska Giffey. Aber es geht noch besser.
Berlin steht gut da, was Gleichstellung angeht, so Franziska Giffey. Aber es geht noch besser.Gartner/Imago

Wo sieht sie in Berlin und bundesweit noch akuten Handlungsbedarf? „Wir sind definitiv noch nicht am Ziel. Frauen sind gerade in Spitzenpositionen weiterhin unterrepräsentiert, stoßen an ‚gläserne Decken‘ und haben es beispielsweise auch schwieriger am Kapitalmarkt, wenn sie Unternehmen gründen“, beteuert Giffey.

„Deshalb unterstützen wir in der Senatswirtschaftsverwaltung Frauen in der Wirtschaft ganz konkret, zum Beispiel mit dem Berliner Startup Stipendium Women, dem Unternehmerinnentag oder Beratungsangeboten wie der Gründerinnenzentrale und der Unternehmerinnenakademie.“

Giffeys Appell an alle Frauen

Viele junge Frauen zweifeln, ob Politik ein Ort für sie ist. Welchen Satz hätte sich Giffey selbst am Anfang ihrer Karriere gewünscht – und welchen möchte sie heute Frauen mit auf den Weg geben, die Führungsverantwortung übernehmen wollen? „Am Anfang einer Karriere wünscht man sich manchmal jemanden, der sagt: ‚Du bist gut vorbereitet – also trau dich.‘“

Weiter betont Giffey: „Genau das möchte ich heute jungen Frauen mitgeben: ‚Wenn ihr gestalten wollt, dann nehmt Euch Euren Platz. Wartet nicht, bis euch jemand fragt. ‘“

Franziska Giffey möchte jungen Frauen Mut machen, sich in die Politik zu wagen.
Franziska Giffey möchte jungen Frauen Mut machen, sich in die Politik zu wagen.Eventpress Fuhr/Imago

„Und fragt Euch nicht, ob Ihr gut genug seid. Politik und Führung brauchen Haltung, Kompetenz und Mut. Wir brauchen Frauen, die sagen: Ich kann das – und ich will das. Und die dann den Schritt auch wirklich gehen“, beteuert sie abschließend.

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