Autor Richard David Precht und ZDF-Moderator Markus Lanz haben in ihrem Podcast „Lanz und Precht“ eine neue Folge aufgenommen, in der sie vielen ehemaligen Bürgern der DDR tief aus der Seele sprechen. Sie schaffen es, perfekt zu formulieren, warum im Osten viele Menschen ein verlorenes Heimatgefühl empfinden. Die Resonanz auf ihr Gespräch fällt sehr emotional aus.
Warum ist Heimat ein rechter Begriff geworden?
Richard David Precht und Markus Lanz treffen in ihrer Podcast-Folge 234 über das Ende der DDR einen Nerv. Der Philosoph und der Moderator sprechen hier über den Begriff Heimat: „Ein Sehnsuchtsbegriff, mit dem wir uns lange schwergetan haben.“ Precht kommt aus Solingen, Lanz aus Südtirol.
Precht meint, der Heimatbegriff sei als „Gegenbewegung zur Globalisierung“ wieder stark, interessanterweise sei er aber von den Rechten besetzt worden: „Im Osten noch sehr viel deutlicher als im Westen. Heimat ist wieder eine politische Kategorie geworden, ein Wort, mit dem man Wählerstimmen bekommt.“

Er fände es spannend zu fragen, warum das nur die Rechten machten. „Heimat ist ein wichtiger Begriff für sehr, sehr viele Menschen und er ist nicht für die Rechten reserviert“, betont Precht. Die Linken hätten den Begriff liegen lassen und damit diese Situation verschuldet.

„Der Gemeinsinn der DDR ging nach der Wende verloren“
Lanz spricht die Erfahrungen der Ostdeutschen nach 1989/90 an: Dass plötzlich etwas untergegangen sei, man heimatlos wurde. Die eigene Biografie sei plötzlich nichts mehr wert gewesen, ergänzte Precht. „Die allerwenigsten Menschen in der DDR haben diesen Staat geliebt. Aber sie hatten gleichwohl ein positives Verhältnis zu ihrem eigenen Leben“, weiß Precht. „Und jetzt wird ihnen ihre gesamte Lebensleistung entwertet und alles, was vorher war, wird wertlos. Und zu dem, was vorher war, gehörten ja nicht nur die Stasi, die SED und die staatliche Drangsalierung.“

Zu diesem Leben hätten auch Orte gehört, „an denen man sich verliebte“, oder die Nachbarschaftstreffen. „Es gab in der DDR einen gar nicht geringen Gemeinsinn, der häufig aus der Solidarität gegen den Staat entsprungen ist“, stellt Precht klar. Dieser „Gemeinsinn“ sei nach der Wende verloren gegangen. Vorher hätten alle in einem Boot gesessen, plötzlich habe es eine eklatante Kluft zwischen Arm und Reich gegeben: „Die einen starteten total durch und für eine große Zahl gab es gar keine Perspektive mehr.“
Die „bislang vorhandene Sozialstruktur“ und das Gemeinschaftsgefühl seien durch nichts Adäquates ersetzt worden. Deswegen dürfe man sich nicht wundern, „dass gerade im Osten Heimat ein sehr verletzlicher Begriff geworden ist“, schlussfolgert Precht.
Viele fühlen sich aus der Seele gesprochen
Ein Ausschnitt der „Lanz und Precht“-Folge wurde auf Instagram veröffentlicht, wo sich viele über die Aufbereitung des Themas gefreut haben. „Wäre nie weggegangen, mit vielen Menschen bin ich heute noch befreundet, mit meiner Freundin aus dem Kindergarten seit 1968. Wir haben so viel erlebt und das verbindet“, schreibt eine Nutzerin.

„Wenn ich an meine Heimat denke, empfinde ich nur Wehmut. Heimat ist nicht nur meine bröckelnde Geburtsstadt Eisenhüttenstadt, sondern auch die DDR“, schreibt eine andere Frau. „Ich bin stolz, als Kind dort aufgewachsen zu sein, da ideelle Werte vor den materiellen standen. Es war so eine schöne und unbeschwerte Zeit. Der kollektive Zusammenhalt hat über manche defizitäre Zustände hinweggeholfen.“
Ein anderer Nutzer betont: „Ich bin froh, meine ersten 18 Lebensjahre im Osten gelebt zu haben. Das ist mein Fundament fürs Leben. Danke für die Worte. Das waren endlich mal richtige Erklärungen ohne diesen herablassenden Tonfall.“


