Kaum ein Fall hat die Menschen in Berlin in den vergangenen zwei Jahrzehnten so bewegt wie der Tod von Jonny K. am Alexanderplatz. Der damals 20-Jährige wurde in der Nacht zum 14. Oktober 2012 in der Nähe des Fernsehturms zu Tode geprügelt. Die Geschichte schlug damals große Wellen und führte zu einer Grundsatzdebatte über Gewalt und die Sicherheit auf den Straßen.
Der Anblick des Fernsehturms erzeugt Druck
Kaze Uzumaki kommt regelmäßig an der Tatort zurück, schaut am Mahnmal für Jonny K. vorbei. Er gibt zu: „Sobald ich den Fernsehturm sehe, auch schon aus der Ferne, spüre ich den Druck. Er bringt mich teilweise wieder zurück an diesen Abend.“
Der heute 37-Jährige war an jenem schicksalhaften Abend mittendrin und sagte bei der Verhandlung als Hauptzeuge aus. Jonny K., sagt er, war nicht nur ein Freund, er war „wie ein Bruder für mich“. Deswegen hat er seine Gedanken in einem Buch aufgeschrieben. „Jonny K. Das ist meine Geschichte“ ist ein biografischer Roman (erschienen bei Tolino Media/300 Seiten/E-Paper: 15,99 Euro, Taschenbuch 19,99 Euro, hardcover: 27,99 Euro), der die Erinnerungen zurückbringt.
Uzumaki, der als Synchronsprecher arbeitet, sagt im Gespräch mit dem KURIER: „Das Buch zu schreiben war für mich Teil der Verarbeitung. Sein Name soll weiterleben und die Menschen sollen erfahren, wer Jonny war.“
Jonny K. wurde vor mehr als 13 Jahren zwischen Alexanderplatz und Rotem Rathaus von mindestens sechs jungen Schlägern zusammengetreten, als er einem betrunkenen Kumpel helfen wollte. Jonny starb an den Folgen der Tat.

Uzumaki schreibt gleich zu Beginn des Buches: „Dies ist keine schöne Geschichte.“ Warum hat er sie dennoch zu Papier gebracht? Er erklärt: „Ich wollte Jonnys Geschichte eigentlich schon direkt nach dem Gerichtsverfahren erzählen, weil so viel passiert ist. Es war geradezu abartig, wie die Täter – und nicht nur sie, sondern auch ihre Familien – uns behandelt haben. Als hätten wir das Verbrechen begangen, als wären wir die Bösen. Und ich wollte, dass die Welt das sieht. Und das Thema war immer Täter, Opfer, Täter, Opfer. Es ging nie wirklich um Jonny. Dabei finde ich: Seine Geschichte ist die entscheidende.“

Gerade Jonnys acht Jahre ältere Schwester Tina war es, die in den Monaten und Jahren nach der Tat um sein Vermächtnis gekämpft hat. Sie engagiert sich seitdem mit ihrem Verein „I am Jonny“ gegen Jugendgewalt und organisiert Workshops.
Uzumaki und Tina führen Zivilcourage-Workshops durch
Auch Kaze Uzumaki ist dabei: „Ich habe aus dieser Nacht viel gelernt. Ich war vorher schon aufmerksam, aber seitdem bin ich noch wachsamer. Tina und ich gehen in Schulen, machen Zivilcourage-Workshops und versuchen, Kinder positiv zu prägen. Und scheinbar gelingt uns das auch – wir werden immer wieder von Jugendlichen angesprochen, die sagen: ‚Das hat mein Leben verändert. Danke.‘ Und deswegen wissen wir, dass wir damit etwas Gutes tun.“
Er betont: „Ich möchte, dass Menschen nicht so handeln wie die Täter oder wie die Augenzeugen damals, sondern so wie Jonny. Er hat Zivilcourage gezeigt – und sein Leben verloren. Wir versuchen zu vermitteln, dass das, was er gemacht hat, richtig war. Auch wenn es böse geendet ist.“

Sechs Täter wurden damals ermittelt und verurteilt. Onur U. wurde als Haupttäter zu viereinhalb Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt – und wegen guter Führung vorzeitig entlassen.
Vor ein paar Monaten kam es in Charlottenburg zu einer kuriosen Situation: Kaze Uzumaki traf zufällig auf Onur U.

„Er saß im Auto neben mir und meinte: ‚Weißt du noch, wer ich bin?‘ Und ich sagte: ‚Was willst du?‘“, erinnert sich Uzumaki. „Er meinte, dass viel Zeit vergangen ist, und wollte irgendwie ein Gespräch starten. Ich sagte: ‚Warum redest du überhaupt mit mir?‘ Dann bin ich einfach weitergefahren. Ich habe nicht verstanden, was der überhaupt von mir wollte.“






