Der Alex zeigt sich auf diesem Bild von seiner ruhigeren Seite: Corona hat auch ihn zu einem oft leeren Ort inmitten der Metropole gemacht. Foto: Imago/Andreas Gora

Unter der S-Bahn-Brücke sitzt eine Gruppe Männer, Hunde streunen um sie herum. Einer der Männer hebt eine Wodkaflasche zum Mund. Die Gruppe Obdachloser versucht die Polizisten und Ordnungsamtsmitarbeiter zu ignorieren, die zwischen Kaufhof und Weltzeituhr unterwegs sind. Sie ahnden hier Verstöße gegen die Maskenpflicht. Ordnung muss sein an einem der bekanntesten und zugleich verrufensten Orte Berlins, dem Alexanderplatz.

Am Alexanderplatz darf die Polizei anlasslos kontrollieren

Er gehört zu den sieben sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten. Das Besondere daran: Hier darf die Polizei anlasslos jeden Passanten, jeden Besucher kontrollieren. „Der Alex“ – das ist für die Polizei allerdings nicht nur der Platz zwischen Kaufhof und Weltzeituhr, sondern auch das Areal westlich des Bahnhofs bis zum Neptunbrunnen, unweit der Stelle, wo Johnny K. starb. Im nächsten Jahr jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal. Der 20-Jährige wurde in der Rathausstraße von sechs jungen Männern zu Tode getreten. Die Tat löste in ganz Deutschland Entsetzen aus. Fortan blieben der Alexanderplatz und die umliegenden Straßen Thema der bundesweiten Schlagzeilen: 2014 wurde an der Karl-Liebknecht-Straße ein 30-Jähriger erstochen. 2017 traktierten sich am Fernsehturm Afghanen und Türken mit Flaschen und Messern. 2018 zündeten zwei Männer am Fernsehturm die Kleider eines schlafenden Obdachlosen an. Im selben Jahr erschoss ein Polizist einen Verwirrten, der nackt im Neptunbrunnen stand und mit einem Messer auf den Beamten losgegangen war.

Politik und Polizei mussten reagieren. Die Ordnungshüter erhöhten ihre Präsenz. Ende 2017 eröffnete die Alex-Wache, die rund um die Uhr besetzt ist. Zeitgleich nahm die  Ermittlungsgruppe „Alex“ der Kripo ihre Arbeit auf. Seit März 2018 gibt es einen Staatsanwalt, der speziell für Täter vom Alexanderplatz zuständig ist. Im vergangenen Jahr leisteten die Polizisten nach Behördenangaben 38.329 „Dienstkräftestunden“ am Alexanderplatz.

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Gefährlich blieb es trotzdem rund um den Alex. 2019 zählte die Polizei 554 einfache und 112 gefährliche und schwere Körperverletzungen, dazu 54 Raube, 38 Sexualdelikte, zwei Tötungsdelikte. Taschendiebe lieben Plätze, an denen Gedränge herrscht, und das herrscht meistens, denn der 80.000 Quadratmeter große Alex wird in normalen Zeiten täglich von etwa 360.000 Menschen überquert.

Für weniger Kriminalität sorgt zurzeit vor allem das Coronavirus. Die Touristenmassen fehlen, weshalb es im vergangenen Jahr ein Drittel weniger Taschendiebstähle gab. Auch die Zahl der Ladendiebstähle sank um mehr als ein Drittel auf 1577. Gleichzeitig gab es auch weniger Prügeleien und weniger Raub.

Wurde das Leben für die Polizisten deshalb leichter? „Nicht wirklich. Wir haben die Pflicht, Präsenz zu zeigen, denn es passiert immer wieder mal was“, sagt Christian Seidler. Der 53-Jährige Erste Polizeihauptkommissar leitet seit fast zwei Jahren die Alex-Wache. „Mal gibt es einen Raub, mal eine Schlägerei unter Obdachlosen.“ Immer mehr Konfrontationen resultierten in letzter Zeit auch daraus, dass sich Menschen weigerten, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, sagt er. Dann würden die Polizisten zu einem Geschäft gerufen oder nach unten in die U-Bahn.

Trotz Alex-Wache kommt es immer wieder zu Gewalt

Die Alex-Wache ist Anlaufpunkt für Menschen, die Anzeige erstatten oder nur nach dem Weg fragen. Seit dem Tod von Jonny K., nachdem die Polizei ihre Präsenz deutlich verstärkte, gehören Einsatzwagen zum normalen Bild am Alexanderplatz. Und dennoch kommt es immer wieder zu Gewalt. Im August 2020 wurde bei einer Auseinandersetzung unter Flüchtlingen ein 22-Jähriger erstochen. Im vergangenen Monat prügelten sich hier insgesamt 30 Kinder und Jugendliche.

Manchem Beobachter erscheint der Alex als der gefährlichste Platz Berlins. Doch das stimme nicht, sagt Christian Seidler. „Hier sind nun mal viele Menschen unterwegs. Proportional zu anderen Plätzen passiert hier nicht mehr.“ Seidler erinnert an Brennpunkte wie das Kottbusser Tor in Kreuzberg, den Hermannplatz in Neukölln oder den Leopoldplatz in Wedding. Während Seidler das erzählt, grüßt ein Mann durch das angekippte Fenster der Wache. Man kennt sich. Noch ist der Mann nüchtern. In drei Stunden wird er es nicht mehr sein. Er gehört zu den Obdachlosen und ist kein Unbekannter für die Beamten. „Man braucht bei ihnen Fingerspitzengefühl“, sagt der Polizist. „Es sind schließlich Menschen, die dort sitzen.“

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Polizisten sind auch in der Nähe, wenn die Kältehilfe Essen ausgibt. Dabei kommt es mitunter zu Rangeleien. Die Situation für die Obdachlosen ist in Zeiten der Pandemie besonders angespannt, wie auch Sozialsenatorin Elke Breitenbach kürzlich im Abgeordnetenhaus feststellte. Erschwerend komme hinzu, dass Einkommensquellen wie Flaschensammeln oder der Verkauf von Obdachlosenzeitungen weggebrochen seien.

Viele der Obdachlosen stammen aus Osteuropa. Nicht wenige sind hier gestrandet, weil sie als Leiharbeiter mit falschen Versprechen nach Berlin gelockt und dann fallengelassen wurden. Sozialarbeiter haben hier viel zu tun. Um die Obdachlosen, aber auch um die Jugendlichen und die Straßenkinder kümmern sich diverse Vereine: die Kontakt- und Beratungsstelle für Obdachlose, die Obdachlosenhilfe, die Stadtmission, der Straßenkinder e.V., der Moabiter Ratschlag, der Gangway e.V.

Wer nach Berlin kommt und sich nicht auskennt, geht zum Alexanderplatz

Bei gutem Wetter ist hier trotz der Kontaktbeschränkungen zumindest tagsüber ziemlich viel los. Am Fernsehturm üben Jungs mit ihren Skateboards. An den Wasserspielen klatschen sich zwei sonnenbebrillte coole Typen ab, in der Hand eine Bluetooth-Box, aus der in voller Lautstärke Musik dröhnt. Sie sprechen eine Frau an, die konsterniert weitergeht, dann sprechen sie die nächste Frau an, die stur ihren Weg fortsetzt. Wer nach Berlin kommt und sich nicht auskennt, geht zum weltbekannten Alexanderplatz.

„Der Alex ist ein Treff, an dem abgehangen wird. Am Turm, an den Wasserspielen, am Springbrunnen“, sagt Ron-Alexander Niendorf. Er ist einer von drei Streetworkern von Gangway, die sich am Alex um junge Menschen von 14 bis 27 Jahre kümmern. Mit seiner Border-Collie-Hündin Luna macht er hier seit drei Jahren die Runde. „Die Kids freuen sich über den Hund“, sagt er. „Luna ist gewissermaßen der Eisbrecher.“

Bei seinen Rundgängen hört sich der 26-jährige Sozialarbeiter die Probleme der Jugendlichen an. „Wir fragen sie, wie es ihnen geht, ob sie Hilfe brauchen“, sagt er. „Wenn jemand zum Beispiel eine Woche keine Unterkunft hatte, dann kümmern wir uns. Der Klassiker ist, dass jemand seine Papiere verloren hat. Wenn jemand zum Beispiel in sein Heimatland zurück will, dann kümmern wir uns bei der Botschaft des Landes.“ Ein Teil der Kinder sei von zu Hause abgehauen, sagt Niendorf. Viele kämen aus dem Raum Berlin und nicht nur aus armen, sondern durchaus auch aus wohlhabenden Haushalten.

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Niendorf hat aber festgestellt, dass viele Jugendgruppen in letzter Zeit neue abendliche Treffpunkte gesucht haben. „Sie haben keine Lust, ständig von Polizei und Ordnungsamt kontrolliert zu werden“, sagt er. Neue Treffpunkte seien jetzt unter anderem der Monbijoupark und der Park am Gleisdreieck. Tatsächlich ist am Gleisdreieck an jedem Wochenende Party. Am Osterwochenende versammelten sich dort 2500 Leute. Aus einer Gruppe von rund hundert Menschen wurden Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen.

Jetzt, bei dem April-Wetter mit Hagel, Regen und Schnee, sind es am Alex mehrheitlich die Tauben, die das Areal bevölkern, sie sind immer da. Ein Gitarrenspieler singt in sein Mikrofon, daneben bietet ein einsamer Händler Mützen der Sowjetarmee an. Ein Rettungswagen mit blinkenden Blaulichtern steht neben dem Eingang zur U-Bahn-Linie 2. Auf dem Bahnsteig ist ein Drogensüchtiger kollabiert.