Bauwerk wird saniert

Die verrückte Flucht aus der DDR durch den Waisentunnel in Berlin

Ein Stellwerksmechaniker türmte hier 1980 gen Westen. Im kommenden Jahr wird der Tunnel saniert.

Author - Florian Thalmann
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Der Waisentunnel unter der Spree soll saniert werden – er wurde in der DDR auch für eine spektakuläre Flucht Richtung Westen genutzt.
Der Waisentunnel unter der Spree soll saniert werden – er wurde in der DDR auch für eine spektakuläre Flucht Richtung Westen genutzt.Sabine Gudath

Berlin bekommt eine Baustelle mitten in der Spree: Wie die BVG jetzt verkündete, soll der Waisentunnel, der das östliche und das westliche U-Bahn-Netz der Stadt verbindet, schon bald ausgebaut werden. Der Tunnel ermöglicht den Zügen der Linie U5 eine direkte Überfahrt zur Linie U8 und umgekehrt. Was viele nicht wissen: Der Tunnel war auch Schauplatz einer spektakulären Flucht aus der DDR!

Mechaniker floh durch den Waisentunnel aus der DDR

Die ereignete sich am 8. März 1980 – und ist ein Stück der Berliner DDR-Geschichte. Ein Mann namens Dieter Wendt war damals Stellwerksmechaniker bei den Verkehrsbetrieben in Ost-Berlin, flüchtete damals mit Mitgliedern seiner Familie in den Westen. In dem Tunnel unterquerten damals die U-Bahn-Linien U6 und U8 Ost-Berlin.

Wendt wartete mit seinem Cousin, dessen Ehefrau und deren zweijähriger Tochter im Transittunnel, als der Zug der BVG aus West-Berlin einfuhr. Wendt stellte die Fahrsperre auf Halt – und zwang damit den Zug zum Anhalten. „Ich sagte: Wir möchten mit. Der Fahrer sagte: ‚rein und hinlegen‘“, erzählte er vor Jahren der Berliner Zeitung. „Auf dem Bauch sind wir ausgereist, damit uns die DDR-Grenzsoldaten auf dem Bahnhof Heinrich-Heine-Straße nicht sehen.“

Der Waisentunnel, der an der Jannowitzbrücke beginnt, wird saniert. Er verläuft unter der Spree, es gibt ein paar Wasseransammlungen.
Der Waisentunnel, der an der Jannowitzbrücke beginnt, wird saniert. Er verläuft unter der Spree, es gibt ein paar Wasseransammlungen.Sabine Gudath

Wendt erinnerte sich, wie er danach um drei Uhr morgens bei einem Bekannten im Märkischen Viertel auf dem Balkon stand, auf der Straße nicht einen einzigen Trabant sah, nur die Autos aus dem Westen. „Da wusste ich: Es hat geklappt.“

Seine Flucht hatte Folgen: Die Beschäftigten der Verkehrsbetriebe durften nach dem Vorfall nie wieder allein in die Tunnel für den Transit der U-Bahn. Für Wendt war es das Ende einer Ära – schon lange hatte er zuvor über die Flucht aus der DDR nachgedacht. „Man bekommt einen Tritt vors Schienbein und muss sagen: Es tut nicht weh. Man steht im Regen und muss sagen: Die Sonne scheint“, sagte er.

Im Waisentunnel finden sich noch heute viele Relikte aus der Vergangenheit.
Im Waisentunnel finden sich noch heute viele Relikte aus der Vergangenheit.Sabine Gudath

Nun beginnt für den Waisentunnel, der vom U-Bahnhof Alexanderplatz unter der Littenstraße und der Spree entlang zum Bahnhof Heinrich-Heine-Straße verläuft, ein neues Kapitel: Die BVG will den Tunnel, der seit Jahren nicht mehr genutzt wird, ausbauen.

Bauarbeiten im Waisentunnel sollen im Frühjahr starten

Die Bauarbeiten sollen bereits im kommenden Frühjahr starten. „Derzeit sind die Betriebswerkstatt Friedrichsfelde und die Linie U5 vom Rest des Netzes getrennt“, teilt die BVG mit. „Für einen dortigen Einsatz oder Werkstattaufenthalt müssen die U-Bahnen im Moment aufwendig und Wagen für Wagen auf Tiefladern durch die Stadt transportiert werden.“

Der Tunnel ist also eine unsichtbare Verbindung, wichtig für den Betrieb des U-Bahn-Netzes. „Durch die Wiederherstellung der Verbindung können alle Arbeiten besser auf die Werkstätten verteilt werden. Aufwendige Transporte entfallen.“ Dass es mit den Bauarbeiten losgehen kann, freut auch den BVG-Vorstand Henrik Falk. „Der Waisentunnel ist ein wichtiger Faktor für den stabilen Betrieb, den wir unseren Fahrgästen versprochen haben – wie auch die Erneuerung von Infrastruktur und Fahrzeugflotte. Auch der zukunftsfähige Ausbau unserer Werkstätten hängt maßgeblich davon ab.“