Der marode Waisentunnel muss abgerissen und neugebaut werden. Berliner Kurier/Sabine Gudath

Die BVG hat ein Tunnelproblem. Konkret heißt das: Der Waisentunnel in Mitte unter der Spree ist so marode, dass er abgerissen werden muss - Sanierung unmöglich. Bislang hatte man gehofft, einen Abriss irgendwie vermeiden zu können. Doch nun ist für Petra Nelken, Sprecherin der landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), klar: „Es wird einen Neubau geben“.

Und es wird teuer. Um eine zweistellige Millionensumme wird die BVG nicht herumkommen, denn der Waisentunnel - 865 Meter lang - ist ein wichtiger Teil des U-Bahn-Netzes. Und das, obwohl hier keine regulären Züge mit Passagieren verkehren. Dafür ist der Tunnel, der die Linien U5 und U8 verbindet, wichtig für Überführungs- und andere Betriebsfahrten. Allerdings läuft auch da seit Jahren nichts mehr. Denn die BVG musste ihn wegen des schlechten Zustandes 2017 komplett schließen.

Spektakuläre Flucht aus der DDR durch den Waisentunnel

Und dadurch ist die U5 vom restlichen U-Bahn-Netz komplett getrennt. Wenn U-Bahnen zur Hauptuntersuchung müssen, geht das nicht mehr per Schiene. Die Zugverbände müssen dann in Friedrichsfelde getrennt und die Wagen einzeln per Lkw quer durch Berlin kutschiert werden, bis sie in Britz wieder auf die Gleise können, um zur Hauptwerkstatt Seestraße weiterzufahren. 

Aber dass das Bauwerk so marode, ist verwundert eigentlich nicht. Hatte man mit dem Bau doch schon vor über 100 Jahren begonnen. 1914 starteten die Arbeiten für die 180 Meter lange Spreeunterquerung, die Teil der geplanten U-Bahn-Verbindung zwischen Gesundbrunnen und Neukölln werden sollte.

Am Ende des Ersten Weltkriegs war der Tunnel unter dem Fluss im Rohbau fertig. Doch die AEG, die das U-Bahn-Projekt einst in Angriff genommen hatte, zog sich zurück. Die Stadt Berlin setzte den Bau 1926 fort. Die unterirdische Strecke in diesem Teil von Mitte wurde aber nach Osten verschoben, um die Umsteigewege im U-Bahnhof Alexanderplatz zu verkürzen. 1930 begann auf der heutigen U8 der Betrieb. Auch auf der U5 rollen seither Züge. Der Waisentunnel wurde ebenfalls eröffnet, allerdings bekam die Weströhre keine Schienen.

Am Abend des 8. März 1980 war der Tunnel Schauplatz einer spektakulären Flucht. Dieter Wendt, Stellwerksmechaniker bei den Ost-Berliner Verkehrsbetrieben BVB, geleitete seinen Cousin sowie dessen Frau und zweijährigen Sohn heimlich durch den Waisentunnel. Dort ging es über eine Leiter in die mittlere Wehrkammer, wo die Familie wartete, bis Wendt, der inzwischen weitere Fluchtvorbereitungen getroffen hatte, sie später wieder abholte. Gemeinsam gingen sie in den Tunnel der U8, wo Wendt eine U-Bahn anhielt. Auf dem Boden des Führerstands gelangten alle unentdeckt in den Westen Berlins.

Nun steht also fest: Die BVG kommt um Abriss und Neubau des Waisentunnels nicht herum. Pläne für den Neubau müssen erarbeitet werden. Denkbar wäre die Variante, bei der die Tunnelsegmente an Land gebaut würden, um die Betonteile dann ins Flussbett herabzusenken. Geschätzte Kosten für das ganze Unternehmen: unter 50 Millionen Euro. Bislang war von einer dreijährigen Bauzeit die Rede. Bei dem Landesunternehmen hofft man, dass der neue Waisentunnel 2026 in Betrieb gehen kann.