Albrecht Broemme. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Pool

Albrecht Broemme, 67 Jahre alt und fast zwei Meter groß, steht an diesem kalten Wintertag vor der Arena in Treptow und spricht über Legosteine und Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren. Er scheint dabei die Aufgeregtheit um sich herum komplett zu vergessen. Er beachtet die Scheinwerfer und zahlreichen Kameras nicht, die ein paar Meter weiter auf Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gerichtet sind. Sie sagt, dass dieser Tag, an dem das große Impfen begonnen hat, ein guter Tag für Berlin sei. Kalayci redet vom Anfang des Endes der Corona-Krise, Broemme von Legosteinen. Aber das wirkt nur auf den ersten Blick seltsam.

Broemme erklärt, wie er die Plastiksteine auf die Bauplatten gedrückt und die Spielfiguren drumherum gruppiert hat, wie er aus all den Steinen und Figuren sein Modell von einem funktionierenden Impfzentrum konstruiert hat. Dieses Modell habe ihn zwei Flaschen Wein und drei Abende gekostet, erzählt er, während er neben dem Eingang der Arena steht.

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In der Veranstaltungshalle, in der normalerweise 9000 Menschen zur Musik ihrer Lieblingsbands tanzen und in der seit Pandemie-Beginn Funkstille geherrscht hat, ist gerade die erste Injektion gegen das grassierende Virus verabreicht worden. Einst als Omnibus-Betriebshof gebaut und seit Jahren als Veranstaltungsort genutzt, ist die Arena nun Berlins größtes Impfzentrum. Es ist innerhalb weniger Wochen aus dem Boden gestampft worden und nun in Betrieb gegangen. Albrecht Broemme ist dabei der Regisseur gewesen, das Legostein-Modell sein Drehbuch.

Er ist so etwas wie der Hallenwart

Legosteine, fragt ein Rundfunkreporter etwas ungläubig. „Ich bin Ingenieur und kein Architekt, der alles im Kopf hat, was entstehen soll“, sagt Broemme und schiebt die FFP2-Maske zurück auf die Nase. Schon seine Eltern haben, als sie ihr Haus in Darmstadt bauten, die bunten Steine dafür genutzt, um das Gebäude vorzuempfinden, um zu schauen, wie das Sonnenlicht durch die Fenster fallen würde. Jahrzehnte später hat der Sohn es ihnen nachgetan. „Ich habe die Impfkabinen im Maßstab gebaut. Als ich merkte, es könnte funktionieren, bekam der Architekt das Modell. Damit er wusste, was ich will.“

Broemme wollte auf die Schnelle ein paar Impfzentren bauen. Es hat geklappt.

80 Kabinen gibt es in der Arena, ein Impfteam ist für fünf Impfstellen zuständig. So, wie er es geplant habe, dürfte es keine Staus der im Fünf-Minuten-Takt bestellten Menschen geben, sagt Broemme. Ob es funktioniert, weiß er erst, wenn es genügend Impfstoff gibt, die Halle voll ausgelastet werden kann und rund 5000 Menschen am Tag das Zentrum durchlaufen. „Es wäre fatal, wenn durch Planungsfehler die Impflinge neben der Spritze auch gleich noch das Virus mitnehmen.“

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Broemmes Aufmerksamkeit richtet sich nun doch auf die Gesundheitssenatorin. Er stapft Kalayci und ihrem Tross hinterher, hinein in die Halle, um ihnen das Impfzentrum zu erklären. Schließlich ist er so etwas wie der Hallenwart, der oberste Aufseher. Der studierte Elektrotechniker hat es geschafft, rechtzeitig mit den eintreffenden ersten Impfdosen die Arena fertigzustellen – ebenso wie die anderen fünf Impfzentren an der Spree, die im Stand-by-Modus verharren, weil es noch an Impfdosen fehlt.

Wie schon beim Umbau der Messehalle 26 in ein Corona-Notfallkrankenhaus vor sieben Monaten hat Broemme auch jetzt die Messebauer organisiert, die in kurzer Zeit große Räume neugestalten können, die notwendigen Elektriker und Fußbodenverleger gefunden, nicht zuletzt die Maler, die die Pfeile für die Laufrichtungen auf den Boden streichen mussten. Und auch Ärzte, die Zeit haben zum Impfen. Broemme hat Kontakte, er ist bestens vernetzt in Berlin. Und zudem einer, der resistent ist gegen Hektik. „Er ist der Fels in der Brandung. Toll, was er in so kurzer Zeit geschafft hat“, sagt Burkhard Ruppert, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung.

Broemme ist gelassen – und zugleich ein schlagfertiger Unterhalter

Dass Broemme die Ruhe weg hat, fällt sofort auf. Schon allein wegen der Stimme, die scheinbar in einem Erklärmodus verharrt. Seine hundert Jahre alte Mutter ermahne ihn manchmal: Junge, bleib ruhig, wir haben doch keinen Krieg. Und das nehme er sich zu Herzen, sagt er dazu. Doch die Behäbigkeit täuscht. Der Krisenmanager gilt als schlagfertiger Unterhalter. Selbst bei den kürzesten Presseauftritten fehlt eines nicht: sein trockener Witz. Als er vor kurzem gefragt wurde, wann die Impfzentren fertig sein würden, antwortete er einem Fernsehreporter: „Um halb zehn.“

Einem Spiegel-Journalisten sagte er zu eventuell auftretenden Schwierigkeiten: „Wenn es einfach wäre, könnte es ja die Luftwaffe machen.“ Und auf die Frage, was er gerade konkret in der Arena erledige, folgte prompt der Satz: „Ich schlage die Zeit tot.“ Eine ausführliche Antwort blieb er danach nie schuldig. Wie auch: Broemme sei ein Erklärbär, sagen viele. Und das stimmt.

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Den Spitznamen hat er sich in seiner Zeit als Berliner Feuerwehrchef verdient, wo man ihn Albrecht den Bären nannte. Broemme wurde in Darmstadt geboren, studierte Elektrotechnik und absolvierte bei der Freiwilligen Feuerwehr seine ersten Rettungseinsätze. Als Brandreferendar kam er 1977 zur Berliner Feuerwehr. 15 Jahre später übernahm er die Behörde, die größte Feuerwehr in Deutschland.

Mit 39 Jahren war er ihr jüngster Chef, er musste die Wehren Ost- und West-Berlins zusammenführen, er durfte die erste Berliner Feuerwehrfrau begrüßen. Und er meisterte die Folgen vieler Großbrände und Katastrophen, etwa nach der Gasexplosion in der Steglitzer Lepsiusstraße 1998 mit sieben Toten oder nach dem Brand in einem Mehrfamilienhaus in Moabit 2005, durch den neun Bewohner starben.

Geduldig – auch mit Journalisten: Albrecht Broemme. Foto: imago images/Bernd Friedel

Broemme eilte stets zu den Unglücksorten, er kümmerte sich, sprach mit den Medien, wurde so zum Gesicht der Feuerwehr, das viele Berliner heute noch kennen. Auch wenn Broemme 2006 die Feuerwehr verließ und Präsident des Technischen Hilfswerks mit Sitz im fernen Bonn wurde.

Es passiert nicht selten, dass Berliner Taxifahrer ihn mit Namen begrüßen oder ihn Menschen auf der Straße ansprechen. So wie vor wenigen Tagen, bei der Impf-Generalprobe an der Arena. Eine Frau blieb stehen, winkte Broemme zu und rief: „Was Sie alles schaffen, Sie sind für mich ein Held.“ Broemme lächelte kurz und dezent. Ja, diese Art von Aufmerksamkeit mag er durchaus.

Und auch die andere, die offizielle Art: Im Oktober hat der Bundespräsident ihm das Bundesverdienstkreuz überreicht. Wenn es darum gehe, für andere da zu sein, sei auf Albrecht Broemme stets Verlass, hieß es in der Laudatio.

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Dass er immer wieder ran muss, registriert Broemme mit einem gewissen Stolz. „Man traut mir zu, dass ich das hinkriege, also mache ich es“, sagt er. Die Frage, ob es denn keinen jüngeren Experten gebe, pariert er mit einem Satz: „Nennen Sie mir einen Namen.“ Broemme erklärt, dass, wie in der Wirtschaft, auch im Krisenmanagement der Nachwuchs fehle. Er selbst dränge sich nicht auf und suche jetzt, wo er doch eigentlich im Ruhestand ist, keine Projekte. Vielmehr kämen die Aufgaben zu ihm. So wie im Frühjahr. Da klingelte sein altes Handy, von dem sich schon die Farbe ablöst. Ein Smartphone hat er nicht. Der Anruf kam von Gesundheitssenatorin Kalayci. Sie bat ihn um Unterstützung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie.

Die hoffnungsvollen Blicke der Kinder in Flüchtlingscamps

Broemme hat immer noch zu tun, ist seit Jahren international aktiv, er wird gerufen, wenn es um Hilfe nach Erdbeben, Sturmfluten und Waldbränden geht. Seine Expertise ist gefragt, wenn Brücken einstürzen oder, wie derzeit in der Lausitz, ein Startplatz für EU-Löschflugzeuge gebaut werden soll. Broemme kennt die Krisengebiete dieser Welt: Irak, Syrien, Jemen, Griechenland. In etlichen Regionen hat er Flüchtlingscamps aufgebaut. Das Schlimmste, so sagte er es einmal, seien die Schicksale der Kinder in diesen Lagern. Mädchen und Jungen, die ihn hoffnungsvoll anschauten, die aber lange Zeit in den Camps ausharren müssten. Weil die Welt es nicht hinbekomme, in Frieden zu leben. Broemme hat selbst zwei Kinder, die längst erwachsen sind.

Ein langjähriger Wegbegleiter hat eine Erklärung dafür, warum Broemme immer wieder ins Spiel kommt, wenn es brenzlig wird: Jüngere Leute kennen keine schlechten Zeiten, sagt er. Broemme habe dagegen eine Berufs- und Einsatzerfahrung wie kaum ein anderer in der Stadt, ein unglaubliches Wissen und in all der Zeit ein riesiges Netzwerk aufgebaut. Kritik möge er nicht, ist manchmal über Broemme zu hören. Loben aber, ganz wichtig, das könne er.

Albrecht Broemme. Foto: Volkmar Otto

Broemme sei nicht unbedingt ein Teamplayer, heißt es auch. Das sieht er selbst wohl so. Er arbeite lieber allein, benötige keinen großen Stab und keinen Dienstwagen, sagt er. Sein Pfund sind seine Kontakte in aller Welt. Er spricht fünf Sprachen. „Deutsch, Englisch und Französisch gut. Griechisch und Japanisch gehen so. Dann wird es dünner.“

Immer mit der blauen THW-Jacke unterwegs

Albrecht Broemme ist nicht nur durch seine Körpergröße gut zu erkennen, sondern auch an seiner blauen Jacke, auf deren Rücken THW steht. Die Jacke hat er Ende vergangenen Jahres geschenkt bekommen, als er sich als Chef des Technischen Hilfswerks in den Ruhestand verabschiedete. Es ist das erste Stück einer neuen Dienstbekleidung, für die sich Broemme stark gemacht hat und die „leider nicht mehr in meiner Dienstzeit eingeführt“ wurde. Er trägt sie jetzt immer. „Manchmal ist es ganz schön, Chef gewesen zu sein.“

Wie geht es nun weiter? Broemme gibt zu, dass ihn das Virus mächtig nervt. Doch vielleicht bringe die Pandemie auch ein Umdenken in der Gesellschaft, sagt er. „Man muss nicht zu jeder Sitzung nach Wien fliegen. Auch wenn der Heurige dort besser schmeckt.“

Und trotz allem: Broemme ist, auch das gehört zu seiner Natur, zuversichtlich. Mitte Januar sollen alle Impfzentren der Hauptstadt mit voller Auslastung arbeiten, 20.000 Berliner am Tag gespritzt werden. Und glaubt man Broemme, dann wird es im Frühjahr so viel Impfstoff geben, dass sich jeder Willige bei seinem Hausarzt melden kann.

Broemme mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.  Foto: Hannibal Hanschke/Pool via AP

Dann ist es auch für Broemme so weit, das zu tun, was er vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie schon tun wollte: den Ruhestand genießen, den Garten bestellen, den Keller entrümpeln, mit Burkhard Ruppert, dem Kinderarzt und KV-Chef, ein Glas Wein auf der Terrasse trinken. So haben es die beiden Männer ausgemacht.

Und dann will Broemme endlich wieder Cello spielen. Er sucht schon jetzt ein gebrauchtes Instrument, auf dem er üben kann. Im Schulorchester sei er erster Cellist gewesen, erzählt er. „Allerdings erster von zweien.“ Broemme mag den Klang des Cellos. Und eine Geige würde so gar nicht zu ihm passen, könnte man meinen. Andererseits: Mit kleinen Legosteinen kann er auch gut umgehen.