Müssen wir alle zu lange auf den Impfstoff warten? Foto:  imago images/Laci Perenyi

Berlin - Mit dem bundesweiten Impfstart am Wochenende schöpfen Millionen Menschen Hoffnung im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Doch noch ist der begehrte Impfstoff knapp und bis große Teile der Bevölkerung in den Impfzentren und beim Hausarzt im Sommer an der Reihe sind, dauert es lange - zu lange, befürchten einige. Der Druck auf die Bundesregierung wächst.

„Es ist ein krisenhafter Zustand, da brauchen wir eine Krisenproduktion“, forderte etwa FDP-Chef Christian Lindner in einer Bild-Sendung mehr Tempo bei der Impfstoffproduktion. Deutschland müsse alles tun, damit schneller geimpft werden könne. „Das ist eine Frage von Leben und Tod, eine Frage unserer Freiheit. Und es ist eine Überlebensfrage auch für unsere Wirtschaft, denn die ist schon auf der Intensivstation.“

Impfstoff-Lizenz auch für andere Hersteller?

So könnte laut Lindner ein knapper Impfstoff wie der von Biontech auch von anderen Herstellern in Lizenz produziert werden. „Die Regierung sollte mit der pharmazeutischen Industrie insgesamt prüfen: Wo gibt es noch Kapazitäten, die genutzt werden können für die Produktion eines Impfstoffs?“

Der Linke-Gesundheitspolitiker Achim Kessler geht sogar noch einen Schritt weiter: „Der Gesundheitsminister kann nach dem Ersten Bevölkerungsschutzgesetz Unternehmen zwingen, anderen Unternehmen eine Lizenz zum Nachproduzieren zu gewähren“, so Kessler im Spiegel. Das müsse die Bundesregierung jetzt schnell tun. „Wenn die Bundesregierung jetzt nicht alle gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpft, gefährdet sie zahllose Menschenleben.“

Zahllose Menschenleben in Gefahr

Auch die Länder nehmen den Bund in die Pflicht, für die Beschaffung des Impfstoffs verantwortlich zu sein. „Ich habe die Sorge, dass wir nicht immer genügend Impfstoff rechtzeitig da haben“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) in einer Bild-Sendung. „Endloses Warten reduziert auch die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen“, warnte Bayerns Regierungschef Markus Söder (CSU) eindringlich vor Lieferengpässen.

Gefährliche Mutationen des Virus grassieren

Langes Warten und monatelange Impf-Kampagnen könnte auch schlicht fatale Folgen für die Pandemie selbst haben, befürchtet SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. „Mit dem vorhandenen Impfstoff können wir nur fünf Millionen Menschen bis Ende März impfen. Uns läuft aber die Zeit davon. Das Virus hat bereits Mutationen gebildet“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Landeschefin Manuela Schwesig (SPD, l.) spricht mit Senioren nach dem Impfstart in Mecklenburg-Vorpommern. Auch die SPD-Ministerpräsidentin befürchtet, dass der Bund nicht immer genügend Impfstoff beschafft. Foto: dpa/Jens Büttner

Als Reaktion auf die Rufe nach einer schnelleren Impfstoff-Beschaffung gab sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zuversichtlich, dass in den ersten Monaten des neuen Jahres durch die Zulassung weiterer Präparate und erweiterte Produktionskapazitäten deutlich mehr Corona-Impfstoff zur Verfügung stehen wird. So rechnet er „in den ersten Januartagen“ mit der Zulassung des Impfstoffs von US-Hersteller Moderna als zweitem Anbieter nach Biontech.

Gesundheitsminister Jens Spahn besuchte in Dessau die Firma IDT Biologika. Auch dort wird ein Corona-Impfstoff entwickelt. Foto: AP/Hendrik Schmidt

„Wir tun alles zusammen mit Biontech-Pfizer, dass es auch zusätzliche Produktionsstätten hier in Deutschland etwa in Marburg in Hessen geben kann“, sagte Spahn im ZDF-Morgenmagazin. „Ziel ist, noch im Februar/März dort auch Produktion möglich zu machen. Und das würde die Menge enorm erhöhen.“

Biontech schafft neue Produktionsstätten

Allerdings sei die Herstellung von Impfstoffen überaus anspruchsvoll, sie könne nicht in drei oder vier Wochen beliebig hochgefahren werden. Deshalb könne die Produktion auch nicht „mal eben per Lizenz bei einem anderen Unternehmen“ erfolgen, so Spahn. „Gerade auch für das Vertrauen in den Impfstoff ist es wichtig, dass alle Qualitätsanforderungen eingehalten werden.“

Auch die Pharmaindustrie selbst wehrt sich gegen den Vorwurf, die Produktion des Corona-Impfstoffs laufe zu langsam an. „Wir sehen in Deutschland sechs Tage nach der Zulassung erste Corona-Impfungen, und wir werden im Januar noch deutlich mehr Impfungen haben, weil immer mehr der vom Staat bestellten Mengen geliefert werden“, sagte der Präsident des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), Han Steutel, der Augsburger Allgemeinen.

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Er verwies darauf, dass überall in Deutschland die Produktionskapazität für den Corona-Impfstoff hochgefahren werde. „Und jeder weitere Hersteller, der eine Zulassung erhält, wird ebenfalls mit vorproduzierten Chargen schnell im Markt sein.“

In Deutschland waren am Sonntag mobile Teams ausgeschwärmt, um zuerst vor allem Menschen über 80 in Pflege- und Seniorenheimen sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Klinikpersonal zu impfen. Zunächst standen bundesweit nur gut 150.000 Impfdosen bereit. Bis Jahresende sollen es 1,3 Millionen und Ende März über zehn Millionen Impfdosen sein.

Im Januar noch deutlich mehr Impfungen

Dass Geimpfte Sonderrechte genießen sollen, hat Spahn wie zuvor schon Innenminister Horst Seehofer (CSU) entschieden abgelehnt: „Viele warten solidarisch, damit einige als Erste geimpft werden können. Und die Noch-Nicht-Geimpften erwarten umgekehrt, dass sich die Geimpften solidarisch gedulden“, sagte der CDU-Minister den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

„Keiner sollte Sonderrechte einfordern, bis alle die Chance zur Impfung hatten.“ Diese gegenseitige Rücksicht halte die Nation zusammen. „Gegen die Pandemie kämpfen wir gemeinsam - und wir werden sie nur gemeinsam überwinden.“