Schatzkammer DDR

Rettung für alte DDR-Plattenbauten: Bauingenieurin aus Senftenberg macht daraus neue Häuser

Angelika Mettkebaut aus alten DDR-Platten neue Häuser. Ein Pilotprojekt in Kolkwitz zeigt, wie nachhaltig das funktionieren kann.

Author - Stefan Henseke
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Rettung für alte DDR-Plattenbauten: Angelika Mettke von der BTU Cottbus-Senftenberg forscht seit Jahren zum Recycling von DDR-Plattenbau-Elementen. Hier zeigt anhand von Modellen, wie alte DDR-Platten zu neuen Häusern verarbeitet werden können.
Rettung für alte DDR-Plattenbauten: Angelika Mettke von der BTU Cottbus-Senftenberg forscht seit Jahren zum Recycling von DDR-Plattenbau-Elementen. Hier zeigt anhand von Modellen, wie alte DDR-Platten zu neuen Häusern verarbeitet werden können.Rainer Weisflog/imago

Wohnungsnot ist kein neues Thema, zu DDR-Zeiten gab es das auch. Deshalb beschloss die SED  1973 das Wohnungsbauprogramm der DDR. Bis 1990 wurden knapp zwei Millionen Wohnungen gebaut. Doch nach der Wende gerieten diese sogenannten Plattenbauten in Verruf. Viele wurden wieder plattgemacht, auch heute noch werden in Brandenburg Neubauten aus DDR-Zeiten abgerissen. Doch ein Bauingenieurin aus Senftenberg will das nicht einfach so hinnehmen. Für sie ist der Abriss ohne Plan eine Umweltsünde – sie macht neue Häuser aus alten Platten.

Die DDR-Platten sind heute noch von guter Qualität

Angelika Mettke, Bauingenieurin aus Senftenberg, sieht in den alten Betonteilen keinen Müll – sondern eine Ressource. Eine „Schatzkammer“ seien die alten Platten, wie sie sagt.

Seit 30 Jahren forscht sie an der Wiederverwendung von DDR-Betonplatten. Heute leitet sie als Professorin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg das Arbeitsgebiet „Bauliches Recycling“.

Ihr Ansatz ist radikal einfach: Warum Beton zerstören, wenn man ihn wieder verbauen kann? Die Platten seien stabil, hochwertig und perfekt geeignet für neue Gebäude. Statt tonnenweise Schutt zu produzieren, will Mettke die Elemente retten, sortieren, lagern – und wieder einsetzen.

In Kolkwitz (Spree-Neiße) wird ihre Idee jetzt Realität. Dort entsteht am Sportplatz ein neues Mehrzweckgebäude – gebaut aus alten DDR-Platten.

521.000 Euro Strukturförderung fließen in das Projekt. Der Rohbau wird über das EU-Programm „Horizon 2020 – ReCreate“ finanziert. Die Landesregierung spricht von einem Modell für klimafreundliches Bauen.

Die Betonteile stammen aus Großräschen. Ein alter Wohnblock wurde dort teilweise zurückgebaut. Die Platten – bis zu sechs Meter lang, fast sechs Tonnen schwer – werden nun in Kolkwitz wiederverwendet. Ein Kraftakt, der nur mit schwerem Gerät möglich ist.

DDR-Betonplatten: „Die Weiternutzung ist volkswirtschaftlich das Sinnvollste“

Das Ingenieurbüro von Peter Jähne setzt das Projekt um. Die Bodenplatten entstehen bereits. 88 Betonteile liegen vorsortiert im Zwischenlager und warten auf ihren zweiten Einsatz. Ende des Jahres soll das Gebäude stehen.

Für Mettke ist klar: Wer Platten einfach entsorgt, verschwendet Rohstoffe und Energie. „Wenn ich etwas zerstöre, habe ich Schutt. Und den muss ich wieder aufbereiten“, sagt sie. „Die Weiternutzung ist volkswirtschaftlich das Sinnvollste.“

Viele Abrissfirmen würden die Platten ohnehin zu neuem Beton verarbeiten. Für Mettke ein Irrsinn. „Warum mache ich den Beton kaputt, wenn ich ihn direkt wieder nutzen kann?“

Betonplatten eines alten DDR-Plattenbaus in Großräschen werden für einen Neubau verwendet.
Betonplatten eines alten DDR-Plattenbaus in Großräschen werden für einen Neubau verwendet.Angelika Mettke/BTU/dpa

Das Projekt in Kolkwitz soll zeigen, dass Bauen mit alten DDR-Platten nicht nostalgisch ist – sondern modern, nachhaltig und effizient.

Bis 1980 entstanden in der DDR rund 700.000 bis 800.000 neue oder modernisierte Wohnungen. Bis 1990 sollten es laut offizieller Darstellung drei Millionen Plattenbauwohnungen gewesen sein.

Später kam heraus: Diese Zahl war stark geschönt. Tatsächlich wurden nur 1,92 Millionen Wohnungen in Plattenbauweise gebaut.

Wohnungsbauprogramm der DDR: Erich Honecker war bei jedem Jubiläum dabei

Trotzdem inszenierte die Staatsführung die Erfolge des Wohnungsbauprogramms groß. DDR-Staats-und SED-Partei-Chef Erich Honecker war bei den Jubiläen immer dabei. Immer in Berlin.

Am 6. Juli 1978 wurde die erste Million gefeiert (Luise-Zeitz-Straße in Marzahn), am 9. Februar 1984 (Arkonaplatz in Mitte) die zweite und am 12. Oktober 1988 (Erich-Correns-Straße in Neu-Hohenschönhausen) die dritte – obwohl die echte Zahl deutlich darunter lag.

Der größte zusammenhängende Stadtneubau war Halle-Neustadt mit seinen mehr als 93.000 Einwohnern.

Heute erinnert man sich wieder an die erfolgfreiche Bauweise von damals. In Berlin-Lichtenberg wird gerade Europas größtes Modulbau-Quartier gebaut. An der Landsberger Allee 341–343 wurde vor kurzem  das letzte von 3000 Modulen gestapelt.

Bis Ende diesen, Anfang nächsten Jahres entstehen hier 1548 Wohnungen. 1316 davon sind mietpreis- und belegungsgebunden.
Bis Ende diesen, Anfang nächsten Jahres entstehen hier 1548 Wohnungen. 1316 davon sind mietpreis- und belegungsgebunden.Marcus Fehse/Gewobag

Vier Gebäuderiegel, sieben bis acht Geschosse hoch. Die Elemente werden wie Bausteine gestapelt. Das spart Zeit. Rund 50 Prozent schneller als herkömmlich. Ein Hauch DDR-Plattenbau – nur moderner. WBS 70 lässt grüßen.

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