Experten klären auf

Hitzewelle: In diesen Badeseen könnte es lebensgefährlich werden

Experten liefern im Kurier-Interview wichtige Antworten für alle Berliner, die in diesen heißen Tagen ans Wasser wollen – und erklären, worauf man jetzt unbedingt achten sollte.

Author - Sharone Treskow
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Der Schlachtensee in Steglitz-Zehlendorf. Warum das Abkühlen in dem flachen Gewässer aktuell nur bedingt von Experten empfohlen wird.
Der Schlachtensee in Steglitz-Zehlendorf. Warum das Abkühlen in dem flachen Gewässer aktuell nur bedingt von Experten empfohlen wird.Jürgen Held/imago

Die Temperaturen klettern, die Freibäder sind überfüllt und der Sprung in einen kühlen Berliner See klingt verlockend wie nie. Doch was macht die anhaltende Hitze eigentlich mit der Wasserqualität? Kippen die Badeseen – und wenn ja, welche? Der Berliner Kurier hat nachgefragt: bei Stephanie Reisinger vom Lageso, dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, und bei Dr. Tom Shatwell vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie.

Badeseen kippen nicht dauerhaft – aber kurzfristige Probleme drohen

Die gute Nachricht zuerst: „Badeseen werden durch die aktuelle Hitzeperiode nicht im Sinne einer langfristigen Verschlechterung der Wasserqualität kippen“, sagt Dr. Tom Shatwell. Entwarnung also – aber nur auf den ersten Blick. Denn der Wissenschaftler schränkt sofort ein: „Es kann aber kurzfristig zu Problemen kommen, vor allem zu Algenblüten und Sauerstoffmangel im Tiefenwasser.“

Der Mechanismus dahinter ist simpel: Hohe Lufttemperaturen erwärmen das Oberflächenwasser schneller als die tieferen Schichten. Der See schichtet sich: warmes Wasser oben, kühles unten. „Diese Schichtung vermindert die Durchmischung“, erklärt Shatwell. „In manchen Seen begünstigt das Algenblüten; zugleich gelangt weniger Sauerstoff in tiefere Wasserschichten.“ Im Extremfall – wenn der Sauerstoff in den frühen Morgenstunden vollständig aufgebraucht wird – kann es sogar zu Fischsterben kommen. Ein seltenes, aber reales Szenario.

Die Krumme Lanke im Süden Berlins. Ein beliebtes Badeziel. Aktuell ist das Gewässer noch nicht „gekippt“.
Die Krumme Lanke im Süden Berlins. Ein beliebtes Badeziel. Aktuell ist das Gewässer noch nicht „gekippt“.Stefan Zeitz/imago

Für Berlin bedeutet das konkret: „Für viele Seen im Berliner Raum erwarten wir in den kommenden Tagen Oberflächenwassertemperaturen von über 25 Grad“, so Shatwell. Die Messstation am Müggelsee zeige aktuell eine Schichtung, niedrige Sauerstoffkonzentrationen in den tiefsten Bereichen und eine mäßige Algenmenge. „Das ist aktuell kein Grund zur Sorge. Die Bedingungen können sich jedoch schnell ändern.“

In diesen Berliner Seen lauern aktuell Zerkarien

Auch beim Lageso beobachtet man die Lage aufmerksam. „Mit der Erwärmung der Gewässer nimmt bei gutem Licht- und Nährstoffangebot das Algenwachstum zu. Algenmassenentwicklungen können zu starken Sauerstoffschwankungen führen“, sagt Stephanie Reisinger – betont aber ebenfalls: „Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Gewässer kippen.“

Aktuell sei der Anteil von Blaualgen noch gering, die gemessenen Toxine lägen weit unter dem Leitwert des Umweltbundesamtes. Dennoch gibt es erste Warnsignale. „In sehr nährstoffreichen Gewässern können sich im Hochsommer massenhaft Blaualgen entwickeln“, so Reisinger. Eingeschränkte Sichttiefen von weniger als einem Meter – was auch Rettungsmaßnahmen behindern kann – verzeichnet das Lageso derzeit an der Oberhavel und an der Badestelle Schmöckwitz/Dahme.

Blaualgen führen zu Badeverbot.
Blaualgen führen zu Badeverbot.Scholle/imago

Ein weiteres Problem, das mit dem warmen Wasser zusammenhängt: Zerkarien. Das sind winzige Parasiten, die Hautirritationen auslösen können.

Aktuell liegen dem Lageso Meldungen zu folgenden Gewässern vor:
  • Schlachtensee
  • Teufelssee
  • Jungfernheide
  • Tegeler See (Saatwinkel und Reiswerder)
  • Flughafensee
  • Weißer See

„Das Ausschwärmen von Zerkarien ist nicht vorhersehbar und nur vorübergehend“, erklärt Reisinger. Die Empfehlung: Pflanzenreiche Gewässerabschnitte beim Baden meiden, sich danach gut abtrocknen, duschen und die Badekleidung wechseln. Bei Beschwerden nach dem Baden sei ärztlicher Rat sinnvoll.

Was Badegäste jetzt wissen müssen – und wie man die Wasserqualität selbst einschätzt

Wer dieser Tage an Berlins Seen geht, sollte ein paar einfache Regeln kennen. Dr. Shatwell gibt eine praktische Faustregel mit: „Wenn man im knietiefen Wasser die eigenen Füße nicht mehr sehen kann, sollte man besser nicht baden.“ Grüne Schlieren oder Aufrahmungen an der Wasseroberfläche, die oft durch den Wind ans Ufer getrieben werden, seien ein eindeutiges Warnsignal – „sie können insbesondere für Kinder und Haustiere ein Gesundheitsrisiko darstellen“.

Flache, kleine Seen sind dabei anfälliger als tiefe. „Durch die erwartete Hitze werden viele flache Seen, die normalerweise bis zum Grund durchmischt sind, in den kommenden Tagen voraussichtlich zeitweise geschichtet sein“, warnt der Wissenschaftler. Welche Seen konkret betroffen sein werden, lasse sich aber nicht pauschal vorhersagen – „einzelne Seen können sehr unterschiedlich reagieren“.

Der Teufelssee im Forst Grunewald könnte möglicherweise „kippen“.
Der Teufelssee im Forst Grunewald könnte möglicherweise „kippen“.Stefan Zeitz Photography/imago

Berliner Seen, die Shratwells Risikoprofil – flach, klein, nährstoffreich – erfüllen, sind etwa der Weiße See in Pankow, der Teufelssee im Grunewald oder der Flughafensee in Reinickendorf. Kein Zufall: Alle drei stehen bereits auf der aktuellen Zerkarien-Warnung des Lageso.

Unsicher? Hier kann man die Messwerte zu den Berliner Badeseen prüfen

Das Lageso untersucht alle 39 Berliner Badegewässer grundsätzlich im 14-tägigen Rhythmus auf mikrobiologische Belastungen, Temperatur, Sichttiefe und Algenwachstum. Alle aktuellen Messwerte sind auf der Webseite des Lageso abrufbar. Für die Badestellen an der Unterhavel, die nach Starkregen durch Mischwasserüberläufe besonders gefährdet sind, gibt es zudem ein Frühwarnsystem mit tagesaktuellen Prognosen.

Eines sollte man beim Badespaß in der Hitze ohnehin nicht vergessen: Auch an Land lauern Risiken. Das Lageso empfiehlt, sich ausreichend vor Sonne und UV zu schützen, viel Wasser zu trinken und leichte Kost zu sich zu nehmen. Weitere wertvolle Hitzetipps für Berliner gibt es hier.

Sind Sie eher Team Badesee oder doch Freibad? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.