Kommentar

Männer reißen meine Klo-Tür auf: Warum das Konzept der All-Gender-WCs hakt

Genderneutrale Toiletten sollen mehr Inklusion schaffen. Doch was passiert, wenn dabei das Sicherheitsgefühl auf der Strecke bleibt?

Author - Paula Hitzemann
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Auf Club-Toiletten kommt es häufig zu Übergriffen.
Auf Club-Toiletten kommt es häufig zu Übergriffen.KI-generiert.

Genderneutrale Toiletten gelten als wichtiger Schritt zu mehr Inklusion, aber sie werfen auch Fragen nach Sicherheit und Privatsphäre auf. Nachdem eine KURIER-Redakteurin auf der Toilette eines Berliner Clubs eine übergriffige Situation erlebt hat, stellt sie sich die Frage: Reicht ein inklusives Konzept allein aus – oder braucht es mehr, damit sich wirklich alle sicher fühlen?

Schock auf der Club-Toilette

Es ist heiß, aus den Boxen dröhnt der Bass, auf den Toiletten herrscht Gedränge. Vor den Kabinen bilden sich lange Schlangen, drinnen wird geredet, gelacht, es werden Drogen konsumiert. Oft bis zu zehn Personen gemeinsam auf drei Quadratmetern. Wer in einem Berliner Technoclub einfach nur auf die Toilette möchte, braucht oft Geduld.

Auch an diesem Abend war es nicht anders. Es gab nur geschlechtsneutrale Toiletten, ich dachte mir nichts dabei. Meine Freunde konnten an das Pissoir, ich musste auf eine Kabine warten. Nach einiger Wartezeit wurde endlich eine Kabine frei. Aber: Die Türen ließen sich nicht abschließen.

Berliner Techno-Clubs sind weltbekannt und stehen für elektronische Musik und eine offene, vielfältige Clubkultur, in der Freiheit und gegenseitiger Respekt eine große Rolle spielen.
Berliner Techno-Clubs sind weltbekannt und stehen für elektronische Musik und eine offene, vielfältige Clubkultur, in der Freiheit und gegenseitiger Respekt eine große Rolle spielen.Gonzales Photo/Erling Brodersen/IMAGO

Man konnte sie lediglich von innen zuhalten – eine zugegebenermaßen ziemlich schwierige Angelegenheit, wenn man allein in der Kabine sitzt. Wenige Sekunden später rissen Männer die Tür auf, sahen mich, lachten und machten keine Anstalten, sich zu entschuldigen. Auch nachdem ich sie später auf ihr Verhalten ansprach, fanden sie die Situation eher lustig als problematisch. Ich sprach mit Freundinnen und Freunden darüber und mir wurde von ähnlichen Situationen berichtet.

Warum genderneutrale Toiletten wichtig sind

Viele Clubs und öffentliche Einrichtungen verzichten inzwischen vollständig auf getrennte Damen- und Herrentoiletten und setzen ausschließlich auf All-Gender-WCs. Hinter dieser Entwicklung steckt ein bewusstes Konzept, das Diskriminierung abbauen, den Alltag für diverse Personengruppen sicherer gestalten und Inklusion fördern soll.

Hinter dem Konzept der geschlechtsneutralen Toiletten steht der Gedanke, dass alle Menschen sich auf der Toilette, unabhängig von ihrem Geschlecht, wohl fühlen sollen.
Hinter dem Konzept der geschlechtsneutralen Toiletten steht der Gedanke, dass alle Menschen sich auf der Toilette, unabhängig von ihrem Geschlecht, wohl fühlen sollen.Florian Gaertner/IMAGO

Die Berliner Clubcommission versteht Clubs als möglichst diskriminierungsarme Räume. Gemeinsam mit Awareness-Initiativen setzt sie sich für sogenannte Safe Spaces ein, die dafür sorgen sollen, dass sich alle Gäste, insbesondere marginalisierte Gruppen, möglichst sicher fühlen. Positiv zu berichten ist, dass auch dieser Club über ein Awareness-Team verfügt. Nachdem ich den Vorfall schilderte, reagierten die Mitarbeitenden sofort und verwiesen die beiden Männer des Clubs.

All-Gender-WCs sind wichtig, keine Frage. Sie geben Menschen einen Ort, an dem sie nicht aufgrund ihrer Geschlechtsidentität ausgegrenzt werden. Gerade in einer vielfältigen Stadt wie Berlin und in der queeren Clubkultur sind sie ein wichtiger Schritt zu mehr Inklusion. Doch Inklusion darf nicht dazu führen, dass Sicherheit verloren geht.

Wenn das Sicherheitskonzept an Grenzen stößt

Eine Toilettenkabine, deren Tür sich nicht abschließen lässt, ist kein sicherer Ort, wenn sie jederzeit von außen geöffnet werden kann. Zwar verzichten viele Clubs gerade wegen ihrer Sicherheitskonzepte – etwa um bei Drogenkonsum oder medizinischen Notfälle schneller eingreifen zu können – bewusst auf abschließbare Toilettentüre. Gleichzeitig entstehen dadurch jedoch Situationen, in denen die Privatsphäre eingeschränkt wird und Belästigungen oder sogar sexuelle Übergriffe begünstigt werden können.

Auf vielen geschlechtsneutralen Toiletten muss man an Pissoirs vorbei, um zu den Kabinen gelungen. Ein gelungenes Toilettenkonzept sollte die Intimsphäre aller berücksichtigen.(Symbolbild)
Auf vielen geschlechtsneutralen Toiletten muss man an Pissoirs vorbei, um zu den Kabinen gelungen. Ein gelungenes Toilettenkonzept sollte die Intimsphäre aller berücksichtigen.(Symbolbild)Waldmüller/IMAGO

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Um überhaupt zu den Kabinen zu gelangen, müssen Gäste zunächst an den Pissoirs vorbeilaufen. Auch das wirft Fragen auf. Denn Privatsphäre endet nicht bei FLINTA-Personen. Auch viele Männer möchten sich beim Toilettengang nicht unfreiwillig vor vorbeilaufenden Menschen entblößen müssen. Ein gutes Toilettenkonzept sollte deshalb die Intimsphäre aller Gäste berücksichtigen.

Guter Ansatz, problematische Umsetzung

Viele Berliner Clubs verfolgen mit ihren All-Gender-Toiletten einen wichtigen Gedanken. Sie wollen niemanden ausschließen und Räume schaffen, in denen sich Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität willkommen fühlen. Das ist ein Anspruch, den ich ausdrücklich unterstütze. Gerade deshalb sollte jetzt über die Umsetzung gesprochen werden. Denn wenn Menschen sich auf der Toilette unsicher fühlen, läuft etwas schief. Dann reicht ein guter Gedanke allein nicht aus.

Damit Gäste selbst entscheiden können, in welchem Toilettenbereich sie sich am sichersten fühlen, sollten alle Clubs auch weiterhin die klassischen Toiletten oder zusätzliche FLINTA-Toiletten anbieten.
Damit Gäste selbst entscheiden können, in welchem Toilettenbereich sie sich am sichersten fühlen, sollten alle Clubs auch weiterhin die klassischen Toiletten oder zusätzliche FLINTA-Toiletten anbieten.Emmanuele Contini/IMAGO

Meine Forderungen sind deshalb klar: Genderneutrale Toiletten sollten bleiben, aber Toilettenbereiche sollten so geplant sein, dass die Privatsphäre aller Gäste gewahrt bleibt. Wo es räumlich möglich ist, sollten Clubs zusätzlich FLINTA- oder Frauentoiletten anbieten, damit Gäste selbst entscheiden können, in welchem Toilettenbereich sie sich am sichersten fühlen.

Mehrere Berliner Clubs wollten sich auf Anfrage nicht zu ihren Toilettenkonzepten äußern. Das ist schade, denn gerade die Berliner Clubszene versteht sich als Vorreiterin für Vielfalt, Respekt und Sicherheit. Umso wichtiger wäre eine offene Debatte darüber, wie sich Inklusion und Schutz bestmöglich miteinander verbinden lassen.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schicken Sie ihnen den Artikel und uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.