Eine neue Studie deckt auf, wie brutal es in vielen Beziehungen zugeht und warum so viele Frauen schweigen. Eine Expertin packt im KURIER aus und erklärt, was sich dringend ändern muss.
Erschreckende Dunkelfeldstudie zu Gewalt
Eine neue Dunkelfeldstudie zeigt ein deutlich höheres Ausmaß von sexueller und körperlicher Gewalt, als offizielle Polizeizahlen vermuten lassen. Frauen werden viel häufiger Opfer sexueller Übergriffe, zeigen diese aber extrem selten an. Nur drei Prozent der Taten landen bei der Polizei. Männer erstatten zwar häufiger Anzeige, sind aber insgesamt seltener betroffen. Ein Drittel der sexuellen Übergriffe gegen Männer wird ebenfalls von Männern verübt.

In Partnerschaften ist Gewalt besonders verbreitet. Rund 90 Prozent der körperlichen Übergriffe passieren in laufenden Beziehungen, und selbst nach Trennungen berichten viele Betroffene weiter von Gewalt. Die Studie zeigt außerdem: Fast jede zweite Person in Deutschland erlebte als Kind körperliche Gewalt, deutlich mehr Mädchen als Jungen wurden Opfer sexueller Übergriffe.
Auffällig ist auch die höhere Belastung bestimmter Gruppen. Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger von Partnergewalt betroffen. Zudem berichten viele Frauen und Männer von sexueller Belästigung in Alltagssituationen, Schulen und am Arbeitsplatz. Als politische Reaktion sollen gewalttätige Ex‑Partner künftig elektronische Fußfesseln bekommen können, um gefährdete Frauen besser zu schützen.
Warum viele Frauen Gewalt nicht anzeigen
Der KURIER hat dazu mit Angélique Yumusak gesprochen, sie ist die Bundesfrauenbeauftragte der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Wie erklärt sie sich die extrem niedrige Quote von drei Prozent der Frauen, die Gewalt zur Anzeige bringen? Yumusak sagt, dass viele Betroffene aus Angst, Scham oder Resignation keine Anzeige erstatten, weil das gesellschaftlich verbreitet sei: „Das bringt ja eh nichts, das wird ja eh alles eingestellt.“

Aus ihrer Sicht werde die Verantwortung oft fälschlicherweise der Polizei zugeschoben, obwohl die Entscheidungen über Verfahrenseinstellungen bei Amts- und Staatsanwaltschaften liegen. Eine Anzeige sei in solchen Fällen zwar wichtig, aber nicht zwingend notwendig. Zuerst müssten Betroffene überhaupt erkennen, in welcher Lage sie sich befinden, und beginnen, Beweise zu sichern – etwa über Gewaltambulanzen, Apps oder eigene Dokumentationen.
Frauenbeauftragte rät Opfern, Beweise zu sammeln
Problematisch sei, so Yumusak, dass viele Menschen die Polizei erst dann aufsuchen, wenn der Leidensdruck unerträglich geworden ist und sie nur noch hoffen, dass „es aufhört“. In diesen emotionalen Ausnahmesituationen fehle oft jede Form der Dokumentation, weshalb viele Verfahren scheitern.

Sie rät dringend dazu, frühzeitig Vertrauenspersonen einzubeziehen und Beweise zu sammeln – Protokolle, Fotos, App‑Dokumentationen oder Aussagen von Zeugen. Nur wenn „die Beweislast so schwer ist“, könne der Täter überhaupt verurteilt werden. Besonders bei Stalking seien solche kontinuierlichen Aufzeichnungen entscheidend, damit die Polizei später genug Material habe, um ein belastbares Verfahren aufzubauen.
Auffällig viel Partnergewalt in Berlin
Angélique Yumusak bestätigt im KURIER-Interview, dass häusliche und partnerschaftliche Gewalt in Berlin zum täglichen Polizeialltag gehört. Sie betont, wie entscheidend eine bessere Ausbildung sei: Inhalte wie Gewaltspiralen oder Gewaltformen müssten „viel, viel intensiver“ in Lehrpläne integriert werden. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass es nicht allein Aufgabe der Polizei sei, Gewalt zu stoppen: „Die Gewalt ist männlich“, sagt sie, und verweist darauf, dass schwere körperliche und psychische Gewalt besonders oft Frauen trifft.

Die Polizei könne nur im Rahmen von Recht und Gesetz handeln – entscheidend sei ein „Gesamtkonzept“, ein ganzheitlicher Ansatz wie in Italien oder Spanien, und eine stärkere gesamtgesellschaftliche Haltung gegen Antifeminismus und fehlende Zivilcourage.
Das muss sich in Berlin ändern
Sie hebt hervor, dass die Polizei nur das umsetzen könne, „was uns zur Verfügung gestellt wird“, und dass den Einsatzkräften oft die Hände gebunden seien. Positiv bewertet sie die Novelle des Gewaltschutzgesetzes und die erweiterten rechtlichen Möglichkeiten im Berliner ASOG.
Aus ihrer Sicht müsse das Ziel sein, Betroffene umfassend zu stärken und aufzuklären – denn die Polizei sei am Einsatzort „Ersthelfer“, aber ohne ein funktionierendes Netzwerk aus Unterstützung, Prävention und politischen Rahmenbedingungen könne sie Gewalt im häuslichen Umfeld nicht wirksam beenden. Entscheidend sei daher ein System, in dem Opfer wissen, wo sie Hilfe finden und wie sie geschützt werden können.



