Lieferdienste am Limit

Zwischen Pollern und Beschimpfungen: So hart kämpft Berlins Gewerbe

Von wegen Lieferheld! Berliner Gewerbe arbeiten am Limit. Lieferfahrer kämpfen täglich gegen Poller, Strafzettel und Anfeindungen.

Author - Sebastian Karkos
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Getränke-Händler haben es mit ihren Transportern schwer in Berlin (Symbolfotos).
Getränke-Händler haben es mit ihren Transportern schwer in Berlin (Symbolfotos).IMAGO (2)

Berlin und seine Gewerbetreibende. Der Ton wird rauer in der Stadt, das Arbeiten immer schwieriger. Klaus Storbeck kann davon ein Lied singen. Über 20 Jahre führte der 56‑Jährige einen Getränke-Lieferdienst. Mittlerweile hat der gebürtige Berliner aufgegeben!

Ständiger Ärger mit dem Ordnungsamt

Er berichtet: „Wir haben den Betrieb komplett eingestellt. Die Straßen waren immer häufiger blockiert, Liefermöglichkeiten gab es kaum noch, ohne dass man Tickets kassiert hat – ständig Ärger mit dem Ordnungsamt. Wir haben im Monat zwischen 300 und 500 Euro an Strafzetteln zahlen müssen. Irgendwann habe ich gesagt: ‚Ich will das nicht mehr.‘“

Neue Parkzonen, Einbahnstraßen oder Poller - die Arbeit für Menschen wie Storbeck hat sich in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert in Berlin. Kantstraße, Gneisenaustraße, aber auch die Kieze im Prenzlauer Berg wie der Kollwitzplatz; oder der Friedrichshain rund ums Ostkreuz: Storbeck kennt alle kritischen Straßen, Plätze und Ecken der Hauptstadt. Er sagt: „Ich habe das Gefühl, dass Gewerbetreibende beim Thema Verkehrsberuhigung völlig vergessen werden.“

Ordnungsamt nimmt oft keine Rücksicht auf Lieferanten

Storbeck konkretisiert: „Die Parkzonen wurden immer weiter ausgebaut. Du hälst kurz, läufst hoch zum Kunden, kommst runter – und hast schon ein Ticket. Dieser Stress mit dem Ordnungsamt, weil du angeblich falsch stehst. Ich habe denen mal gesagt, dass ich die Lasten nicht so weit tragen kann. Da hieß es nur: Dann nehmen Sie eine Karre. Und ich sagte: Ich kann nicht 400 oder 500 Meter damit laufen. Ihre Antwort: ‚Doch, das können Sie.'“

Die Kantstraße in der City West gilt für den Berliner Lieferverkehr als Albtraumstraße.
Die Kantstraße in der City West gilt für den Berliner Lieferverkehr als Albtraumstraße.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Was Storbeck entsetzt hat, ist das Miteinander. Besser: das fehlende Miteinander, wenn er oder seine Kollegen mit ihren Mercedes Sprintern durch die Stadt fuhren: „Ich wurde mehrfach von Radfahrern beschimpft oder sie haben gegen das Auto getreten, weil ich zum Ausladen kurz halten musste. Manche schlagen dir aufs Auto und brüllen dich an. Solche Konflikte hast du inzwischen ständig. Die gleichen Leute, die sich beschweren, lassen sich aber selbst in ihren Wohnungen beliefern. Diese Ignoranz hat mich fassungslos gemacht.“

Ist der Umweltgedanke nur ein Witz?

Die Verkehrsberuhigung in vielen Kiezen der Stadt erschwert den Job der Lieferfahrer immer mehr. Storbeck: „Durch die ganzen Poller kommst du ja teilweise gar nicht mehr durch. Du fährst dauernd ums Karree, weil du nicht in die Straße reinkommst. Nur rechts abbiegen, links verboten – du kommst nicht dahin, wo du hin musst. Das ist Irrsinn. Und der Umweltgedanke dahinter ist ein Witz: Du fährst viel mehr Umwege, verbrauchst mehr Sprit und erzeugst mehr Abgase.“

Poller verhindern in der Eulerstraße im Bellermannkiez in Wedding die Durchfahrt für den motorisierten Verkehr.
Poller verhindern in der Eulerstraße im Bellermannkiez in Wedding die Durchfahrt für den motorisierten Verkehr.Jens Kalaene/DPA

Die Folge, so Storbeck: „Ich höre von vielen Handwerkern, dass sie bestimmte Bezirke nicht mehr anfahren. Irgendwann hatte ich die Nase voll. Viele sagten: Dein Betrieb läuft doch. Stimmt! Aber ich wollte ihn trotzdem runterfahren und bewusst schließen, weil ich keine Lust mehr hatte. Wenn du nicht mehr zu den Kunden kommst, ist Schluss. Wir hatten immer neue Kunden, aber das bringt ja nichts, wenn du sie nicht mehr erreichen kannst.“

Sein Fazit: „Von uns wird erwartet, den Kiez zu versorgen: Supermärkte, Spätis, Pizzerien, Familien. Aber wenn du mit dem Sprinter kaum noch durchkommst, wirst du auch noch angeschrien: ‚Fahren Sie weg! Sie blockieren alles!‘“ Es kommt sogar zu Übergriffen. Und das alles nur, weil man seinen Job macht.“

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Werden Lieferanten und Ihre Fahrzeuge nicht gut behandelt in dieser Stadt? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com