Schlechte Nachrichten für Hunderttausende Berliner: Der wichtigste S-Bahn-Tunnel durch die Hauptstadt muss für deutlich längere Zeit als bisher geplant komplett gesperrt werden. Statt der ursprünglich angenommenen zwei Jahre soll die Unterbrechung der Nord-Süd-Verbindung nun satte 2,5 Jahre dauern – und das mitten im Herzen Berlins.
Brandenburger Tor wird zur Endstation
Das Bundesverkehrsministerium bestätigte auf Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion: Zwischen den Stationen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor werden für rund zweieinhalb Jahre keine S-Bahnen fahren. Das Brandenburger Tor wird damit zur provisorischen Endstation – zumindest für einen Teil der Nord-Süd-Linien.
Züge aus dem Süden dürften sogar schon am Potsdamer Platz enden, weil es am Brandenburger Tor bislang keine Weiche und damit keine Wendemöglichkeit gibt. Diese soll zwar im Zuge der Bauarbeiten eingebaut werden, doch bis dahin stecken die Pendler fest.

Grund für die Sperrung ist die komplizierte Einfädelung der neuen Tunnelstrecke in das bestehende Netz. Vom Hauptbahnhof kommend sollen die neuen Röhren am sogenannten „Heuboden“ andocken, einem Tunnelstummel aus den 1930er Jahren, der bislang als Abstellanlage dient. Dieser lässt sich jedoch nicht einfach integrieren: Auf einem Teil der Länge muss er durch einen Neubau ersetzt werden.
Riesige Baugrube vor dem Brandenburger Tor
Nicht nur unterirdisch, auch an der Oberfläche wird es eng. Rund zwei Jahre lang soll direkt westlich vor dem Brandenburger Tor eine riesige Baugrube entstehen – wohl bis zum sowjetischen Ehrenmal wird der Bereich für den Autoverkehr gesperrt sein. Das Regierungsviertel verwandelt sich damit auf Jahre hinaus in eine Großbaustelle.

Kein Wunder: Die neue Strecke verläuft in unmittelbarer Nähe zu Kanzleramt, Bundestag, Brandenburger Tor und dem Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas. Dazu liegen im Berliner Untergrund bereits die Röhren der U5 sowie der Fernbahntrasse – ein planerischer Albtraum.
Grüne fordern Einschränkungen so kurz wie möglich
Der Unmut über die Pläne ist groß. „Für Fahrgäste wäre das ein schwerer Schlag“, sagt Bettina Jarasch, Grünen-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, laut Tagesspiegel. „Die Deutsche Bahn muss jetzt alle Möglichkeiten prüfen, die Sperrungen auf wenige wirklich notwendige Wochen zu reduzieren.“ Dafür brauche es entsprechende Auflagen im laufenden Planfeststellungsverfahren.

Auch Matthias Gastel, bahnpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, schlägt Alarm: „Die Planungsteams der Deutschen Bahn schlagen inzwischen standardmäßig Vollsperrungen über die gesamte Bauzeit vor.“ Berlin und Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) seien in der Pflicht, hier Änderungen einzufordern.
S21 soll Berlin entlasten, aber erst in den 2030ern
Das Milliardenprojekt S21 soll der überlasteten Hauptstadt endlich eine zweite Nord-Süd-Strecke bringen und den bestehenden Tunnel entlasten, der dringend sanierungsbedürftig ist. Der erste Abschnitt zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof wurde nach jahrelangen Verzögerungen im Juni 2026 eröffnet. Der zweite Bauabschnitt führt weiter zum Potsdamer Platz, der dritte schließlich über eine neue Station am Gleisdreieck zur Yorckstraße.
Der Abschluss des Planfeststellungsverfahrens für den zweiten Abschnitt wird noch im Jahr 2026 erwartet. Die Inbetriebnahme ist für Mitte bis Ende der 2030er Jahre geplant. Bis dahin müssen Zehntausende Pendler auf dem täglich meistgenutzten S-Bahn-Abschnitt Berlins mit massiven Umwegen leben.
Warum die Sperrung so ein Super-GAU wird
Die Sperrung des Nord‑Süd‑Tunnels wird für Berliner Pendler ein Super‑GAU, weil hier nicht einfach eine Strecke wegfällt, sondern das zentrale Rückgrat des S‑Bahn‑Netzes. Vier stark genutzte Linien (S1, S2, S25, S26) bündeln sich in diesem Nadelöhr, das die Innenstadt direkt durchquert. Fällt es aus, gibt es keine gleichwertige Ausweichstrecke: Weder Ringbahn noch Ost‑West‑Stadtbahn oder U‑Bahn können diese Kapazität übernehmen.

Das führt zwangsläufig zu einer Überlastung des gesamten Netzes – mit volleren Zügen, längeren Fahrzeiten und chaotischeren Umstiegen. Selbst Pendler, die den Tunnel gar nicht direkt nutzen, werden die Auswirkungen spüren, weil sich die Verkehrsströme in ganz Berlin verschieben.



