Lennart Karl hat etwas ein wenig ins Wackeln gebracht. Die Spitze der jüngsten deutschen Nationalspieler aller Zeiten nämlich. Als der Münchner am Freitag beim 4:3 in Basel gegen die Schweiz eingewechselt wurde, hatte er seinen 18. Geburtstag gerade 33 Tage hinter sich. Auf Rang 7 der Benjamine hat er sich eingereiht. Sechs Tage nur hinter Jamal Musiala, aber 89 Tage vor Florian Wirtz, der die Top-Ten-Liste nunmehr abschließt. An Willy Baumgärtner und Marius Hiller, die diese Liste anführen, erinnert sich niemand mehr, denn sie haben vor mehr als hundert Jahren gespielt. An Uwe Seeler, den Drittplatzierten, aber schon. „Uns Uwe“, die Hamburger Legende, gab sein Debüt kurz nach dem Wunder von Bern mit 17 Jahren und 345 Tagen.
Junge Union-Stars verlieren den Rhythmus
Junge Spieler sind immer wieder auch ein Thema beim 1. FC Union Berlin. Viele Jahre waren die Eisernen eines jener Teams in der Bundesliga, das mit einem der höchsten Altersdurchschnitte auflief. Unter Urs Fischer war das besonders ausgeprägt. Gleich in ihrem ersten Spieljahr setzten sich die Köpenicker mit 27,4 Jahren an die Spitze dieser speziellen Wertung. Zwei Jahre später waren sie es erneut, dazu zweimal Vize. Auch in dieser Saison ist es mit 26,9 Jahren kaum anders. Nur zwei weitere Teams sind derzeit älter als das von Trainer Steffen Baumgart. St. Pauli, der Gegner am Ostersonntag im Stadion An der Alten Försterei, ist mit 27,0 Jahren dabei, während Mainz mit 27,6 Jahren vorn liegt. Wundern sollte das niemanden, schließlich heißt der Trainer der 05er seit Dezember Urs Fischer.

Obwohl Baumgart ein etwas größeres Faible für Talente zu haben scheint als der Schweizer, entwickelt es sich bei den Rot-Weißen trotzdem nur Schritt für Schritt. Drei Jahre lang war, und zwar seit Herbst 2020, Tim Maciejewski der jüngste jemals eingesetzte Union-Spieler. Im August 2023 jedoch kam Aljoscha Kemlein, löste Maciejewski ab und ist es immer noch. Während für Maciejewski nach einem Sieben-Minuten-Debüt einst gegen Bielefeld gleich wieder Schluss war, gibt Kemlein Anlass dazu, noch lange zu performen.
Kemlein bleibt die große Hoffnung bei Union Berlin
Inzwischen ist der Mittelfeldmann, was vielversprechende junge Spieler angeht, in Köpenick nicht mehr allein. Im Sommer 2024 kam Tom Rothe als damals 19-Jähriger hinzu, im vorigen Sommer Ilyas Ansah als 20-Jähriger. Beide starteten, als wollten sie nicht nur den Berliner Südosten pulverisieren, sondern auch in der Bundesliga durchstarten. Über Rothe sagte Präsident Dirk Zingler gar, er sei auf seiner linken Außenbahn der kommende deutsche Nationalspieler. Über Ansah staunte man aufgrund seiner vier Tore in den ersten vier Punktspielen fast noch mehr.

Die erste Euphorie hat sich gelegt. Rothe hat, in erster Linie aufgrund einer Verletzung, erst 14 Saisonspiele absolviert. Das letzte über 90 Minuten datiert von August. Ebenso muss Ansah weit zurückblicken, um zu seinem letzten Einsatz über die volle Spielzeit zu kommen. Es war noch vor Weihnachten.
Union Berlin sucht die perfekte Balance
Auch anderweitig zeigt sich das Dilemma. Während Kemlein in der deutschen U 21-Auswahl gesetzt ist, hockte Rothe vorigen Freitag beim 3:0 in der EM-Qualifikation gegen Nordirland nur auf der Bank. Ansah war, nachdem er im Herbst zum Kader von Trainer Antonio Di Salvo gehörte, erst gar nicht eingeladen. Ein wenig jünger wird es durch sie beim 1. FC Union aber schon. Doch Christopher Trimmel (39), Frederik Rönnow (33), Rani Khedira (32) und Janik Haberer (31), zusammen sind sie 135 (!), treiben den Schnitt noch immer nach oben. Alt und routiniert macht es allein nicht, jung und talentiert auch nicht. Der Mix ist entscheidend.



