Skandal-Gold

Applaus statt Pfiffe: Plötzlich wird Russland in Europa gefeiert

Zum ersten Mal seit Sotschi wird Russlands Hymne wieder gespielt – Worontschichinas Sieg löst Jubel und Empörung aus.

Author - Sebastian Schmitt
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Die Russin Warwara Worontschichina (23) gewinnt bei den Paraloympics den Super-G der stehenden Klasse. Die Siegerehrung spaltet die Sportwelt.
Die Russin Warwara Worontschichina (23) gewinnt bei den Paraloympics den Super-G der stehenden Klasse. Die Siegerehrung spaltet die Sportwelt.IMAGO/Mikhail Tereshchenko

Jahrelang war Russlands Sport international isoliert – wegen des Dopingskandals von Sotschi 2014 und des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Flaggen verschwanden, Hymnen verstummten. Nun kehren russische Athleten zurück. Und das sorgt im internationalen Sport für neue Spannungen.

Erstes russisches Paralympics‑Gold seit Sotschi

Der Moment passt für viele Beobachter nicht ins Bild. Erstmals seit 12 Jahren wird bei Olympia wieder die russische Fahne gehisst und auch die Hymne gespielt. Der Grund: Warwara Worontschichina (23) ist die erste russische Athletin, die bei den Paralympics in Italien Gold holt. Sie gewann den Super‑G der stehenden Klasse in Cortina d’Ampezzo.

Erstmals seit den Winterspielen in Sotschi 2014 wurde bei Olympia wieder Russlands Hymne gespielt und die Fahne gehisst.
Erstmals seit den Winterspielen in Sotschi 2014 wurde bei Olympia wieder Russlands Hymne gespielt und die Fahne gehisst.IMAGO/Mauro Ujetto / ipa-agency.net

Einige Zuschauer klatschen, andere filmen den Moment mit ihren Handys. Ein ungewöhnlicher Moment, der sofort eine Debatte auslöst.

Hymne und Flagge zurück – ein Moment, der Europa spaltet

Denn Russlands Sport war lange isoliert. Nach dem staatlich organisierten Dopingsystem rund um die Olympischen Spiele von Sotschi 2014 und dem Angriffskrieg gegen die Ukraine verhängten internationale Verbände harte Strafen. Russische Athleten durften bei Olympischen Spielen nur noch unter neutraler Flagge starten.

Die Russin Warwara Worontschichina (23) gwinnt bei den Paralympics im Super-G der stehenden Klasse Gold in Cortina d’Ampezzo.
Die Russin Warwara Worontschichina (23) gwinnt bei den Paralympics im Super-G der stehenden Klasse Gold in Cortina d’Ampezzo.IMAGO/Mauro Ujetto / ipa-agency.net

Seitdem fehlte Russland bei vielen internationalen Wettbewerben, Flagge und Hymne verschwanden. Doch jetzt bröckelt diese Front.

Verbände warnen: „Falsches Signal in Kriegszeiten“

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) unter Präsident Andrew Parsons hob die Sperre russischer Athletinnen und Athleten bereits im vergangenen September auf. Die Entscheidung sorgte sofort für Widerstand. Vier Weltverbände – Ski und Snowboard, Biathlon, Curling sowie Para‑Eishockey – stellten sich zunächst gegen die Rückkehr.

Nach einem russischen Einspruch landete der Fall vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS. Die Richter entschieden schließlich, dass ein pauschaler Ausschluss nicht zulässig sei. Damit wurde der Weg frei für eine Rückkehr russischer Athleten – und für Szenen wie bei den Spielen in Italien.

Sport zwischen Politik, Emotionen und einem alten Konflikt

Nicht überall stößt das auf Zustimmung. Der Deutsche Behindertensportverband reagierte deutlich und boykottierte unter anderem die Eröffnungsfeier in Verona. Verbandsvertreter warnten davor, dass die Rückkehr mit Flagge und Hymne falsche Signale sende – gerade in einer Zeit, in der der Krieg in der Ukraine weiter andauert.

Gleichzeitig zeigt sich im Sport ein Dilemma. Viele Zuschauer wollen Athleten sehen, Leistungen bewerten, Medaillen feiern. Andere halten es für unmöglich, Politik und Sport in diesem Konflikt zu trennen.

Fakt ist: Der internationale Sport ringt weiter um Antworten. Und während Verbände über Regeln und Sanktionen streiten, zeigt sich auf den Tribünen bereits, wie kompliziert diese Frage geworden ist.