Mit 17 ist Marie Franz (38) überzeugt: Das ist die ganz große Liebe. Konstantin Wecker (79): Ein berühmter Musiker. Ihr Idol seit Kindertagen. Und plötzlich ist er nah. Zu nah. Als sie dem Musiker zum ersten Mal begegnet, scheint ihr großer Traum wahr zu werden. Und dann wird der Mann auf der Bühne zum Mann neben ihr im Bett.
Mit 10 Jahren begann Maries Liebe zu Konstantin Wecker
Ihre Schwärmerei begann harmlos. Als Zehnjährige hört Marie in ihrem Kinderzimmer zum ersten Mal seine Lieder. An die Wände hat sie Poster geklebt. Konstantin Wecker ist immer bei ihr, sieht sie an, wenn sie ihre Hausaufgaben macht oder mit ihren Freunden spielt.

Sie reist ihm hinterher, von Konzert zu Konzert. So auch am 5. Oktober 2005. Es wird der Tag, der Maries Leben für immer verändern soll. Als sich der Teenager nach dem Konzert ein Autogramm holt, lädt Wecker, so erzählt es Marie zumindest, in sein Hotelzimmer ein: „9:00, Hilton, Zi. 4050“, schreibt er ihr auf einen Zettel.
Marie fährt hin, sagt sie, ist pünktlich in der Hotellobby und geht mit ihm aufs Zimmer. Zwei Mal will sie an diesem Morgen mit „K.“, so nennt sie Wecker immer wieder, Sex gehabt haben. Sie sagt: „K. küsst mich auf den Mund. ‚Hast du Angst vor mir?‘, fragt er. Ich verneine. Mit einer plötzlichen Heftigkeit umarmt er mich und küsst mich erneut. Er berührt mich überall. In diesem Moment fühle ich mich wirklich gesehen. Gesehen und auserwählt.“

Heute ist sich Marie sicher: Das war Missbrauch. Auch, wenn sie dem Sex in der verhängnisvollen Nacht zustimmte. In ihrem Buch „Auserwählt“ (Goldblatt Verlag, 22 Euro) erzählt Marie Franz nun ihre Geschichte und erhebt ihre Stimme gegen einen Mann, dem sie vor 21 Jahren ihr Herz schenkte. Aus Schwärmerei wurde Sex. Und aus Sex wurde das Gefühl, missbraucht worden zu sein. Der KURIER hat mit Marie Franz darüber gesprochen.
KURIER: Warum haben Sie sich entschieden, mit diesem Buch an die Öffentlichkeit zu gehen?
Marie Franz: Ein wichtiger Grund für mich ist, dass die Mädchen von heute dadurch einen Kontext haben, wenn ihnen etwas Ähnliches passiert, und dann erkennen, dass sie aufpassen müssen, dass sie nicht ausgenutzt werden, sodass sie sagen: „Ich gehe da jetzt nicht mit aufs Hotelzimmer.“ Ich hoffe, die Mädchen heute sind vorsichtiger.
Warum haben Sie sich jetzt entschieden, Ihre Vergangenheit aufzuarbeiten?
Ich habe erst vor ein paar Monaten mit einer Therapie angefangen, um diese Erlebnisse aufarbeiten zu können, weil mich das so sehr eingeholt hat. Ich dachte, das ist wichtig, dass ich das jetzt endlich professionell begleitet aufarbeite, weil das sehr viel mit mir gemacht hat. Seinen Namen zu hören, triggert mich. Dann kommen Gefühle hoch und ich versuche, sie wegzuschieben. Es fühlt sich an, als würde ich taub werden.
Marie Franz hatte wegen Konstantin Wecker lange Bindungsprobleme
Welche Auswirkungen hatte dieses Erlebnis auf Ihr Leben?
Ich hatte lange Bindungsprobleme und Probleme, mich wirklich auf jemanden einzulassen, wirklich vertrauen zu können. Ich habe sehr, sehr lange eine erfüllte Liebe gesucht, die auf Gegenseitigkeit beruht. Ich bin auch nicht mehr mit dem Papa meiner Kinder zusammen, aber ich habe seit ungefähr einem Jahr einen neuen Freund.

Welche Rolle spielt Ihr neuer Partner dabei?
Ich habe vor einem Jahr angefangen, das Buch zu schreiben, und damit auch meine Vergangenheit aufzuarbeiten. Das war tatsächlich kurz, nachdem wir uns kennengelernt haben. Ich glaube, dass das kein Zufall war. Ich wollte meine Beziehungsmuster der letzten Jahre nicht wieder reproduzieren. Mein Freund hat von Anfang an und auch bis jetzt gesagt, dass er hinter mir steht. Ich weiß nicht, ob ich das ohne ihn geschafft hätte.
Marie Franz sieht sich heute als Missbrauchsopfer
Sie schreiben in Ihrem Buch über Konstantin Wecker: „Du wirst immer meine konkurrenzlose Nr. 1 bleiben. Weil du der Mann meines Lebens bist.“ Ist Konstantin Wecker wirklich Ihre große Liebe?

Du denkst in dem Alter: Ich werde nie wieder jemanden so lieben, wie ich diese Person geliebt habe. Und ich würde für diese Person alles tun, sterben, bis ans Ende der Welt gehen. Aus heutiger Sicht wirkt das absurd. Natürlich war er nicht meine große Liebe. Und natürlich kann ich heute auch reflektieren, dass ich ihn überhaupt nicht kannte. Er war eigentlich eine Phantomliebe.
Sehen Sie Ihr damaliges Ich heute als Opfer?
Mein damaliges Ich war ein Opfer von ihm, definitiv. Und das war, wie wir heute wissen, ein Muster bei ihm. Wäre er mein Lehrer gewesen, dann wäre es rechtlich Missbrauch gewesen. Da wir aber vor dem Gesetz keine Abhängigkeitsbeziehung zueinander hatten, zählt es nicht dazu. Sonst wäre es eine Straftat gewesen. Ich finde, dass es da eine Überarbeitung des Gesetzes braucht.
Und tatsächlich: Nach Angaben der Polizei NRW dürfen Jugendliche ab 14 Jahren grundsätzlich selbst über freiwillige sexuelle Handlungen mit anderen Personen ab 14 Jahren entscheiden. Eine feste Altersgrenze für die andere Person gibt es dabei nicht, sie kann also auch deutlich älter sein – wie Konstantin Wecker. Ausnahmen gibt es aber bei Lehrern, Trainern, Ausbildern oder anderen Personen in einer Erziehungs-, Betreuungs- oder Ausbildungsfunktion.
Konstantin Wecker ließ eine KURIER-Anfrage unbeantwortet.
Wecker hatte Sex mit einem 16-jährigen Mädchen
2025 wurde ein ähnlicher Vorfall bekannt. In der Süddeutschen Zeitung schilderte eine junge Frau, mit 16 Jahren Sex mit Wecker gehabt zu haben.




