Psychologin erklärt

Ein Hormon macht uns alle zu Wal-Fans – das steckt dahinter

Songs, Schilder, Tränen – Wal Timmy hat Deutschland in seinen Bann gezogen. Eine Psychologin erklärt, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir die Bilder sehen.

Author - Tobias Esters
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Diplom-Psychologin Sandra Jankowski erklärt, warum Wal Timmy so viele Menschen emotional bewegt – und wann Mitgefühl zur Besessenheit wird.
Diplom-Psychologin Sandra Jankowski erklärt, warum Wal Timmy so viele Menschen emotional bewegt – und wann Mitgefühl zur Besessenheit wird.Jens Büttner/dpa; Sandra Jankowski

Seit Anfang März 2026 irrt Buckelwal Timmy durch die Ostsee, strandet immer wieder und kämpft ums Überleben. Heute liegt er noch immer in einer Kuhle vor der Insel Poel. Und ganz Deutschland schaut zu. Auf Livestreams, in sozialen Medien, auf YouTube. Es gibt Songs über Timmy, Schilder, Mahnwachen. Eine Nation im Ausnahmezustand wegen eines Wals. Aber warum eigentlich? Wir haben mit der Diplom-Psychologin Sandra Jankowski gesprochen.

Das steckt hinter dem Mitgefühl für Timmy

Die Antwort liegt laut Jankowski tief in unserer Biologie. „Beim Betrachten von Videos oder Bildern schütten wir Oxytocin aus. Das ist ein Hormon, das unsere Bindung fördert. Es wird nicht nur ausgeschüttet, wenn wir direkt einen Menschen umarmen oder sehen, sondern auch, wenn wir Bilder oder Videos davon sehen.“

Das bedeutet: Unser Gehirn macht keinen Unterschied zwischen einem echten Erlebnis und einem auf dem Bildschirm. „Das stimuliert unser Mitfühlen, unsere Empathie. Wir leiden im Grunde mit dem Wal mit, als würden wir seine Schmerzen selber spüren.“

Dazu kommt, dass Tiere uns besonders ansprechen. „Tiere sind schutzbedürftiger als Menschen, weil sie sich meist nicht selber helfen können“, sagt Jankowski. Das löst in uns einen tiefen Beschützerinstinkt aus.

Ein Helfer bedeckt Wal Timmy mit einem Tuch zum Schutz vor der Sonne – Tausende verfolgen <a href="https://www.berliner-kurier.de/panorama/rettungsaktion-fuer-wal-timmy-ein-spiegel-der-doppelmoral-li.10030759"></a><a href="https://www.berliner-kurier.de/panorama/wal-timmy-an-der-ostsee-wie-mit-seinem-schicksal-geld-verdient-wird-li.10030717"></a><a href="https://www.berliner-kurier.de/panorama/wal-timmy-an-der-ostsee-wie-mit-seinem-schicksal-geld-verdient-wird-li.10030717"></a><a href="https://www.berliner-kurier.de/panorama/wal-timmy-an-der-ostsee-wie-mit-seinem-schicksal-geld-verdient-wird-li.10030717">die Rettungsaktion vor der Insel Poel</a> im Livestream.
Ein Helfer bedeckt Wal Timmy mit einem Tuch zum Schutz vor der Sonne – Tausende verfolgen die Rettungsaktion vor der Insel Poel im Livestream.Jens Büttner/dpa

Das Phänomen Timmy erklärt auch, warum Menschen, die sich sonst über kaum etwas einigen können, plötzlich geschlossen für einen Wal eintreten. „Das ist dem Hormon geschuldet, weil es auch unsere Sozialidentität und den Zusammenhalt fördert. Man könnte es wie eine hormonelle Synchronisation verstehen. Beim gemeinsamen Betrachten von Bildern oder Videos stärkt das unser Gefühl von Verbundenheit.“

Und soziale Medien verstärken diesen Effekt noch einmal massiv. „Soziale Medien sind wie ein Bindungstrigger, der das noch verstärkt. Durch Likes, Kommentare und das Teilen von Inhalten wird Dopamin ausgeschüttet. Wir fühlen uns belohnt dafür, dass wir das getan haben.“

Wenn Mitgefühl zur Besessenheit wird

Doch ab wann wird es zu viel? Jankowski kennt das Phänomen unter dem Begriff Hyperfandom. „Das Tier wird als heilig dargestellt, wie ein Symbol. Man wird als Gemeinschaft misstrauisch gegenüber anderen, die diese Empathie nicht teilen, und manchmal sogar aggressiv, weil man das Gefühl hat, den Wal verteidigen zu müssen.“

Im schlimmsten Fall könne sich sogar eine kollektive Besessenheit ausbilden, bei der das eigene Leben in den Hintergrund trete.

Für Jankowski sagt der Fall Timmy auch etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aus. „Es zeigt, dass viel Einsamkeit und Entfremdung besteht. Dass ein Kontrollverlust da ist, auch wegen der aktuellen globalen Probleme, und ein Verlust von Gemeinschaftssinn und Zugehörigkeit. Das fehlt im Moment.“

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