Deutschland schaut auf Timmy

Tierschützer schlägt Alarm bei Wal‑Drama

Buckelwal Timmy kämpft ums Überleben. Ein bekannter Tierschützer kritisiert den Trubel an der Ostsee und warnt vor falschem Mitgefühl.

Author - Sebastian Karkos
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Der Wal wird vor der Insel Poel gerettet. Er wird rund um die Uhr von Helfern und der Polizei bewacht.
Der Wal wird vor der Insel Poel gerettet. Er wird rund um die Uhr von Helfern und der Polizei bewacht.IMAGO

Seit Wochen beschäftigt Wal Timmy Deutschland. Der Meeressäuger ist in der Ostsee gestrandet und kämpft an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns ums Überleben. Stefan Klippstein (41) gehört zu den bekanntesten Tierschützern der Bundesrepublik und verfolgt den Fall mit großem Interesse – und den Hype mit viel Stirnrunzeln.

Wal-Gucken ist wie Unfallopfer-Gucken

Er sagt: „Ich habe überlegt, ob ich da hin soll, wo der Wal gestrandet ist. Aber ich habe es dann sein lassen. Ich kann die Leute verstehen, so einen Wal zu sehen, ist supertoll. Doch im Grunde ist es ja wie Unfallopfer-Gucken. Da ist so ein schwerverletztes, sterbendes Tier. Und wir alle wollen jetzt den Wal sehen.“

Klippstein, der in Hamburg lebt, wird deutlich: „Mich stört diese riesengroße Doppelmoral. Ich bin überzeugt, dass der Großteil dieser Leute alle gemütlich in ihr Fischbrötchen beißt und ihren Krabbencocktail genießt und beim Einkaufen Berge an Plastik verursacht. Und das ist ja das eigentliche Problem: Hunderttausende Wale und Delfine sterben jedes Jahr an Plastikmüll, an den Fischereinetzen.“

Klippstein legt nach: „Ich wette, dass 90 Prozent der Leute, die da zu diesen Wal-Demos fahren, danach zu McDonald's gehen, bei Aldi einkaufen und sich ihre verpackten Tomaten holen, anstatt in den Biomarkt zu gehen und Dinge ohne Plastik zu kaufen. Das ist halt diese Doppelmoral, weil völlig in Vergessenheit gerät, wie viele Wale klanglos sterben durch diese ganze Plastikvermüllung.“

Stefan Klippstein setzt sich auch für Tierrettung an der Nord- und Ostsee ein.
Stefan Klippstein setzt sich auch für Tierrettung an der Nord- und Ostsee ein.Sabine Gudath

Die Verschmutzung der Ozeane ist Klippstein ein Dorn im Auge. Auch Wale leiden unter Plastik. Sie verschlucken Plastiktüten, Verpackungen und Seile. Im Magen angestautes Plastik blockiert das Verdauungssystem, was zu inneren Verletzungen und zum Tod durch Verhungern oder Verdursten führt.

Klippstein ärgert sich über die Fischereinetze

Hinzu kommen Fischereinetze, die für das Verfangen der Meeressäuger sorgen. Klippstein stört, dass darüber zu wenig gesprochen wird: „Es ist schon scheinheilig, dass man nur über diesen Wal berichtet. Die ganze Ostsee und Nordsee ist voll von diesen ganzen Geisternetzen. Und dort verrecken wahnsinnig viele Seehunde, Robben, ganze Schweinswale. Das passiert regelmäßig, dass die in den Netzen regelrecht ertrinken und dann zum Teil zerstückelt wieder ins Meer geworfen werden. Das wird gerne verschleiert.“

Klippstein ergänzt: „Es gibt schon sehr viele Missstände. Und dann wird nur um diesen Wal ein Riesenkult gemacht. Der Bundespräsident schaltet sich ein, Hape Kerkeling gibt den Namen für dieses Tier. Völlig verrückt, was das mittlerweile auslöst: Menschen brechen durch Absperrungen, wegen eines sehr bedauernswerten Wals.“

Der Wal gibt es Lebenszeichen, rund um ihn wurde eine Sperrzone von 500 Meter eingerichtet.
Der Wal gibt es Lebenszeichen, rund um ihn wurde eine Sperrzone von 500 Meter eingerichtet.Stinger/IMAGO

Trotz allem drückt Klippstein dem Buckelwal die Daumen: „Der Überlebenswille des Tieres ist schon irre. Wenn die Tiere nicht mehr wollen, dann sterben sie auch.“

In den Niederlanden gibt es sogar eine SOS-Hotline

Allerdings tun sich die Behörden in Deutschland bei dem Thema schwer, wie Klippstein festgestellt hat: „In anderen Ländern wird das ganz anders gehandhabt. Es gibt in Neuseeland, Amerika oder selbst in Holland zum Beispiel für Schweinswale ein Schweinswal-Krankenhaus bei Amsterdam. Das sind Rettungsteams mit Ausrüstung, Transportern. Da ruft man einfach bei einer SOS-Hotline an. In Deutschland ruft man die Polizei, die sich des Ganzen annehmen muss. Das dauert dann alles ewig. Wir in Deutschland sind ja gar nicht darauf eingestellt.“

Schaulustige und Demonstranten stehen hinter einer Polizeiabsperrung, in der Nähe des gestrandeten Buckelwals.
Schaulustige und Demonstranten stehen hinter einer Polizeiabsperrung, in der Nähe des gestrandeten Buckelwals.Bernd Wüstneck/DPA

Was tun mit Timmy, dem Wal? Klippstein sagt: „Natürlich fragt man sich: Wäre es aus Tierschutzsicht nicht besser, das Tier zu töten? Aber so einfach ist das nicht. Man kann ihn nicht einfach einschläfern oder erschießen, wie man das mit dem Reh macht, bei einem Jagdunfall, dass der Jäger kommt oder ein verletztes Wildtier einschläfert. Das ist bei Walen nicht möglich.“ 

Aber Kippstein meint auch: „Ich fand den Weg ganz gut, dass man sagt, man beträufelt ihn mit Wasser, man macht so ein bisschen, wie beim Menschen, ein bisschen wie im Hospiz. Man schaut, dass es dem Tier gut geht, und dann stirbt es.“

Eine Meinung, die nicht jedem Wal-Freund gefällt. Klippstein bleibt entspannt: „Die Menschen, die Absperrungen durchtrennen oder die Mahnwachen abhalten, sind halt alles keine Experten, sondern sehr emotionalisierte Menschen, die keine professionelle Tierschutzarbeit machen oder Tierärzte oder Tierpfleger sind. Ich bin mit Sicherheit ein sehr leidenschaftlicher Tierschützer, aber wenn man einem Tier helfen kann und es eingeschläfert wird, dann setze ich mich auch nicht in die Ecke und heule.“

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Teilen Sie die Meinung des Tierschützers? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com