Forscher warnt

Stirbt ein Stück Heimat? Wer den Dialekt retten will, muss ihn sprechen!

Immer wieder wird behauptet, der Dialekt stirbt aus. Prof. Dr. Beat Siebenhaar von der Universität Leipzig verrät, wie wir unsere Sprache noch retten können.

Author - Florian Thalmann
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Dialekte sind ein Stück Identität und in Deutschland sind sie abwechslungsreich. Hier unterhalten sich ein Sachse und ein Bayer. Der Sachse beklagt sich über die Hitze – und der Bayer versteht ihn nicht.
Dialekte sind ein Stück Identität und in Deutschland sind sie abwechslungsreich. Hier unterhalten sich ein Sachse und ein Bayer. Der Sachse beklagt sich über die Hitze – und der Bayer versteht ihn nicht.Illustration: Berliner KURIER

Sprechen Sie Dialekt? Haben Sie noch ein richtiges Berlinerisch drauf, ein ordentliches Sächsisch – oder hört man raus, dass Ihre Heimat in Norddeutschland liegt? Immer wieder wird gesagt, dass die Dialekte aussterben. Aber: Ist es wirklich so? Prof. Dr. Beat Siebenhaar ist Sprachforscher an der Universität Leipzig, kommt ursprünglich aus der Schweiz und wundert sich, dass Dialekte in Deutschland teilweise einen schlechten Ruf haben. Dem KURIER verriet er, warum das so ist, warum Dialekte wichtig sind – und wie wir sie schützen und erhalten können.

Sprachforscher will in Sachsen mehr Sächsisch hören

Als Prof. Dr. Beat Siebenhaar nach Leipzig kam, muss das für ihn ein Kulturschock gewesen sein – könnte man meinen. Wie schlägt man sich als Schweizer in einem Bundesland, in dem man einen Dialekt spricht, der angeblich der schlimmste in ganz Deutschland ist? Siebenhaar hat damit tatsächlich seine Probleme, aber anders, als viele im ersten Augenblick vermuten würden. „Ich bin als Fremder und als Professor hier. Deshalb geben sich die Leute besonders viel Mühe, mit mir Hochdeutsch zu sprechen“, sagt er. „Ich wünsche mir, dass die Menschen häufiger Sächsisch mit mir reden.“ Alles andere ist für einen Sprachforscher eben auch ziemlich bescheiden.

Siebenhaar ist Professor an der Universität in der Messestadt und hat sich für regionale Sprachen schon immer begeistert. Der Grund: Wenn er selbst spricht, hört man die Herkunft sofort – und auch in der Schweiz selbst werde der Dialekt immer zum Thema gemacht.

„Denn die Schweizer nehmen über die Sprache sogar regionale Unterschiede von oft weniger als 20 Kilometern wahr.“ Siebenhaar beschäftigte sich mit regionalen Sprachen – und vor allem damit, wie sie sich im Laufe der Zeit nach und nach verändern. Wussten Sie etwa, dass es in Deutschland eigentlich kaum noch echte Dialekte gibt?

Prof. Dr. Beat Siebenhaar ist Sprachforscher an der Uni Leipzig. Er kommt selbst aus der Schweiz und findet es schade, dass die Deutschen so ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Dialekt haben.
Prof. Dr. Beat Siebenhaar ist Sprachforscher an der Uni Leipzig. Er kommt selbst aus der Schweiz und findet es schade, dass die Deutschen so ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Dialekt haben.zVg

Mit seiner Äußerung, das Sächsisch sei ausgestorben, habe sich Siebenhaar vor Jahren ziemlich in die Nesseln gesetzt, sagt er. „Aber es ist so: Sprachwissenschaftlich sind die Dialekte die ursprünglichen und über Jahrhunderte historisch gewachsenen Formen. Häufig sind diese nicht mehr weitergegeben und durch andere regional geprägte Formen ersetzt worden, die bezeichnen wir als Regiolekte – es sind Mischungen aus alten dialektalen und standardsprachlichen Elementen, die sich erst in der neuesten Zeit ausgebildet haben.“

Davon gibt es in Deutschland reichlich. Aber: So positiv bewertet wie in der Schweiz sind sie leider nicht, sagt Siebenhaar. „Man versucht in Deutschland an einigen Stellen leider, seine eigene regionale Markierung nicht zu deutlich werden zu lassen.“

Eines der berühmtesten Beispiele für ein besonders ausgeprägtes Sächsisch ist Regina Zindler, die mit ihrem Maschendrahtzaun berühmt wurde. Sie kommt aus Auerbach im Vogtland, starb erst vor Wochen an Krebs.
Eines der berühmtesten Beispiele für ein besonders ausgeprägtes Sächsisch ist Regina Zindler, die mit ihrem Maschendrahtzaun berühmt wurde. Sie kommt aus Auerbach im Vogtland, starb erst vor Wochen an Krebs.Facebook

Das beste Beispiel ist Sächsisch – eine Sprache, mit der sich Siebenhaar besonders ausführlich befasst hat. Wissenschaftlich ist sie sehr komplex. „Typisch dafür ist beispielsweise die Zentralisierung“, erklärt er. Das bezeichnet die Tatsache, dass man im Sachsen statt einem „O“ oft etwas spricht, das wie ein „Ö“ klingt. Oder die sogenannte Monophtongierung: So nennt man es, wenn aus einem „AU“ ein „O“ wird. Dann wird aus dem Tannenbaum der Tannenboom – oder besser noch: Der Dannenboom. Denn das T machen die Sachsen auch gern etwas weicher. Das bezeichnet man als Lenisierung.

Wenn ein Minister sächsisch sprechen würde, würde man ihn gar nicht ernst nehmen. Das ist ein Problem. Weshalb sollte ein Politiker das nicht tun? Das, was er sagt, ist doch das Gleiche, ob mit oder ohne Dialekt.

Sprachforscher Prof. Dr. Beat Siebenhaar, Universität Leipzig

Gerade diese Dinge sind es, die immer wieder für Spott und Häme sorgen. Der sächsische Dialekt ist als „unsexy“ verschrien, immer wieder wird herzlich darüber gelacht. Unverständlich für Siebenhaar. „Wenn beispielsweise ein Minister sächsisch sprechen würde, würde man ihn gar nicht ernst nehmen“, sagt er. „Das ist ein Problem. Weshalb sollte ein Politiker das nicht tun? Das, was er sagt, ist doch das Gleiche, ob mit oder ohne Dialekt. Es ist gar nicht schlimm, wenn man an der Sprache erkennen kann, woher jemand kommt.“ Schade wäre es, wenn dieses Stück der Kultur verloren geht.

Der Dialekt wird im Süden stärker

Dabei haben wir in Deutschland in Sachen Dialekte spannende Voraussetzungen – denn die Vielfalt ist groß. Siebenhaar spricht von einem Nord-Süd-Gefälle. „Im Norden gibt es tendenziell weniger dialektale Formen als im Süden. Man findet sie noch, aber besonders die alten Dialekte wurden ganz stark zurückgedrängt.“

Je weiter man in den Süden kommt, desto stärker regional geprägt ist die Sprache. Man kann es schon in Sachsen sehen. „Je weiter wir nach Süden kommen, desto stärker wird der Dialekt – denken wir an das Erzgebirge oder das Vogtland“, sagt Siebenhaar. Auch alte Dialekt-Formen seien hier teilweise noch erhalten.

Thüringen habe als ostdeutsches Land einen Sonderstatus. „Gewisse Teile südlich der Mittelgebirge sind schon fränkisch geprägt.“ Und in Bayern ist der Umgang mit dem Dialekt sowieso ein ganz anderer. Spannend aber: Warum sind die regionalen Sprachen in manchen Regionen stärker ausgeprägt? „In kleinräumigen Strukturen, etwa in den Gebirgen, sind sie viel besser erhalten. In Städten haben die Menschen schon immer mehr Beziehungen nach außen gehabt, etwa durch den Handel“, sagt Siebenhaar. „Deshalb findet dort eine stärkere Durchmischung statt als in einsamen Bergtälern.“

Dialekte sind für uns ein Stück Identität

Eines haben alle Regionen gemeinsam: Überall ist die regionale Sprache ständiger Veränderung unterworfen. Manchmal breitet sich ein Regiolekt aus, anderswo geht er langsam verloren. Dass der Dialekt in Deutschland irgendwann ganz verschwinden wird, glaubt der Sprachforscher allerdings nicht.

In Bayern hat man ein besonderes Verhältnis zum Brauchtum und zum Dialekt.
In Bayern hat man ein besonderes Verhältnis zum Brauchtum und zum Dialekt.imageBROKER/imago

„Ich denke, dass regionale Formen immer bestehen bleiben werden. Das hat sich etwas mit der Funktion der Dialekte zu tun: Wir verbinden damit ein Stück Identität – und wollen häufig so sprechen wie die anderen Menschen in unserer Umgebung.“ Das hat laut Studien sogar Einfluss auf die Migration: „Es ist schon schwierig, in eine Region zu ziehen, in der die Menschen beim Sprechen viel längere oder kürzere Pausen machen als ich selbst.“

Dialekte sind nicht einfach eine schlechte Sprache. Es sind eigene Sprachen mit eigenen Regeln. Wenn wir die regionalen Sprachen erhalten wollen, müssen wir sie sprechen.

Sprachforscher Prof. Dr. Beat Siebenhaar, Universität Leipzig

Die regionale Sprache bleibt ein wichtiger Teil der Kultur – und spannend für Sprachforscher wie Siebenhaar. Ein Lieblings-Wort im Sächsischen hat er übrigens nicht, weil er sich mehr für sprachliche Regeln interessiert. „Nehmen wir mal das Motschekiebchen als Beispiel. Das Wort für Marienkäfer wird immer wieder als typisches Leipziger Wort genannt. Aber wie häufig sagt man das im Alltag? Spannender finde ich dann die Frage: ,Wolln se noch een Stick Fleesch?“, da sind die lautlichen Formen spannend, die sich in vielen Wörtern finden.

Wer Dialekte retten will, muss sie auch sprechen

Wenn Siebenhaar das auf Sächsisch sagt, muss man unwillkürlich lachen. Schade eigentlich. In Deutschland müsse man ein anderes Bewusstsein für die regionalen Sprachen entwickeln. „Dialekte sind nicht einfach eine schlechte Sprache – so, wie es gegenüber dem Sächsischen gern behauptet wird. Es sind eigene Sprachen mit eigenen Regeln.“ Was wir tun können, um sie zu retten, ist für Siebenhaar ganz klar: Weg mit der falschen Scham, weg mit den Vorurteilen. „Wenn wir die regionalen Sprachen erhalten wollen, müssen wir sie sprechen.“

Sprechen Sie Dialekt – oder versuchen Sie, den regionalen Klang im Alltag eher zu unterdrücken? Schicken Sie uns Ihre Nachricht per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!