Ich habe eine Theorie: Ich glaube, dass jeder, der am Mittwoch vom Tod von Regina Zindler las oder hörte, das Wort „Maschendrahtzaun“ in seinem Kopf hatte. Nicht nur das Wort allein, sondern den Klang: „Moschen-Droht-Tschaun“. Es ist ein Wort, das die Frau aus Auerbach im Vogtland zur Legende machte. Ihr Dialekt, von einem Fernseh-Wessi aufgegriffen, sorgte dafür, dass Regina Zindler zur Witzfigur wurde. Zu einer Frau, über die sich jeder amüsierte. Und die für mich vielleicht gerade deshalb eine Heldin war. Sie war eine aus dem Osten, eine von uns. Und blieb sie selbst, obwohl vor allem der Westen über sie lachte.
Stefan Raab machte Regina Zindler 1999 bekannt
Ich war ein Kind, als Stefan Raab Regina Zindler bekannt machte – und mit neun Jahren gerade so alt, dass ich „TV total“ noch nicht mal gucken durfte. Denn 20.15 Uhr war für mich an den meisten Wochentagen längst Schlafenszeit. Und trotzdem: Damals kam man an Regina Zindler nicht vorbei. „Moschen-Droht-Tschaun“ war das geflügelte Wort, dicht gefolgt von „Knöll-Ärbsen-Strouch“. Jeder machte es nach, auch bei uns in der Schule. Absurderweise, denn: Ich komme aus Sachsen. Hätten wir beleidigt sein müssen?
Auch wir fanden Regina Zindler lustig – aber als böses Veräppeln habe ich es gar nicht in Erinnerung. Ich glaube, dass wir nicht über sie lachten. Wir lachten mit ihr. Auch weil nahezu jeder eine Frau wie Regina Zindler kannte. Für mich war damals erstaunlich, dass eine wie sie aus meiner Heimat quasi über Nacht zum Star werden konnte.
Die Tragweite und das Leid, das der plötzliche Ruhm Regina Zindler brachte, habe ich damals freilich nicht verstanden, dafür war ich noch zu jung. Vielleicht habe ich sie deshalb nie als Witzfigur empfunden. Sondern in gewisser Weise als Heldin.

Ich erinnere mich noch an Fasching im Jahr 2000. Ich war immer ein großer Fan unserer Fastnachten an der Elbe in Sachsen. Habe mich verkleidet und zusammen mit Freunden kleine Faschingswagen gebaut, die wir dann im Umzug durchs Dorf zogen. In diesem Jahr drehte sich unser kleiner Wagen natürlich um den Maschendrahtzaun.
Ich war Regina Zindler.
Ich trug eine riesige, pinkfarbene Fleecejacke, die ordentlich ausgestopft war, dazu eine braune Lockenperücke. Mein bester Freund aus der Kindheit ging als Zindlers Nachbar Gerd Trommer. Bei „Richterin Barbara Salesch“ stritten die beiden 1999 um seinen Knallerbsenstrauch und ihren Maschendrahtzaun. Auf unserem Wagen zogen wir die Szenerie hinter uns her.
Am Knallerbsenstrauch hingen Tischtennisbälle
Kunstrasen, bunte Blümchen und ein zwischen zwei Pfosten gespannter Maschendrahtzaun. Das Highlight war der Knallerbsenstrauch: Mein Vater hatte ein Bündel Zweige an einer Seite des Zauns montiert und als Knallerbsen weiße Tischtennisbälle daran befestigt. Ich wünschte, ich könnte Ihnen Fotos davon zeigen. Aber wie gesagt: Soziale Medien gab es damals nicht, erst recht nicht in der Provinz.
Ich erinnere mich noch, wie wir unseren Wagen zum Versammlungsplatz zogen, an dem der Umzug startete. Dort stand schon ein viel größerer Wagen aus dem Nachbarort – Thema: Maschendrahtzaun. Ich war kurz enttäuscht, dass noch jemand auf die Idee gekommen war, dann bin ich als neunjähriger Knopf zur zweiten Regina Zindler hin. „Ich bin hier Regina Zindler Nummer eins“, habe ich zu ihr gesagt. Weil Regina Zindler für mich ein großer Star war.
Ich mochte sie und habe sie bewundert. Für mich ist mit Regina Zindler deshalb nicht die Witzfigur gestorben, die von Stefan Raab geschaffen wurde und deren Stimme heute viele im Kopf haben, nicht ohne den sächsischen Dialekt zu vergessen, über den man sich so herrlich das Maul zerreißen konnte. Ich trauere um eine Heldin meiner Kindheit.
Es war sicher nicht leicht, das zu ertragen
Es war sicher nicht leicht, all das zu ertragen, was ihr damals widerfuhr. Der plötzliche Ruhm. Leute stürmten ihr Grundstück, schnitten sich sogar Teile ihres Zauns ab. Regina Zindler floh nach Berlin-Lichtenberg, lebte hier ein paar Jahre. Sie wollte die Anonymität, den Rückzug aus der „Maschendrahtzaun“-Karriere. Sie hätte es nach all dem Trubel verdient gehabt, einen ruhigen Lebensabend zu genießen.

Doch nun kam der Krebs. Wie schlecht es ihr ging, sagte ihr Mann der Bild. Lange gab es keine Hoffnung mehr: Regina Zindler lag bereits im Sterben, als die Erkrankung öffentlich wurde. Nun ist sie tot, gestorben in ihrer Wohnung in Zwickau. Sie wurde 78 Jahre alt. Ich hoffe, dass sie nach alledem nun endlich ihre Ruhe findet.
Böse Witze machten Regina Zindler zur Legende
Meinen Respekt wird Regina Zindler immer haben. Weil sie sie selbst blieb, auch wenn ein ganzes Land über sie lästerte. Sie wurde zu einer Witzfigur gemacht, mit ihr auch der Osten verspottet. Sie wurde zum Produkt eines Wessis, der die Ossis mit ihrer witzigen Aussprache mal ordentlich verarschen wollte.
Und damit irgendwie auch zum Inbegriff des Ost-Bashings. Wir lernen von Regina Zindler allerdings auch, dass man aufgrund der Bösartigkeiten, die man von anderen kassiert, auch zu einer Ikone werden kann. Und vielleicht zu einer, die größer ist, als Stefan Raab es jemals sein wird.


