Konzertbericht

Take That live in London: Was Berliner von den Briten lernen können

Auf einem Konzert von Take That in London fällt unserer Autorin auf, wie viel mehr Spaß eine Show macht, wenn sich das Publikum nicht zu cool dafür findet.

Author - Jana Hollstein
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Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow bei einem Konzert von Take That.
Mark Owen, Howard Donald und Gary Barlow bei einem Konzert von Take That.i Images/imago

„Die gibt es noch?“ Das ist oft die erste Reaktion, die ich bekomme, wenn ich jemandem erzähle, dass ich am Samstag auf einem Konzert von Take That war. Ja, die ehemalige Boyband aus den 90ern gibt es noch! Seit ihrem Comeback mit „Patience“ 2006 arbeiten die Jungs eigentlich relativ konstant (wenn auch in den letzten Jahren in einer reduzierten Besetzung mit nur Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald), bringen Alben raus und gehen erfolgreich auf Tour. Das würde vielleicht auch einige deutsche Fans erfreuen - doch wer das volle Erlebnis haben möchte, der muss dafür nach Übersee gehen.

Es ist erst zwei Jahre her, dass Take That es nach Deutschland geschafft haben. In Berlin konnte man sie damals in der Zitadelle Spandau sehen, was eine sehr gemütliche Kulisse für einen sehr gemütlichen Abend war. Schlecht war das Konzert auf jeden Fall nicht: Jeder, der Take That live gesehen hat, weiß, dass sie auch in ihren 50ern noch eine gute Show abliefern können. Aber es war etwas lustlos, die Setlist kürzer als man es von anderen Shows gehört hatte.

In Berlin bleibt Take That eher lauwarm als heiß

Ich gebe (auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen) dafür dem Publikum die Schuld. Als Deutsche sind wir sowieso etwas reserviert, als Berliner zu cool. Viele Fans hatten offensichtlich Probleme mit der englischen Sprache und die Publikumsinteraktionen verliefen daher oft im Sand. Auch die vielen Ehemänner und Lebenspartner, die ganz offensichtlich zähneknirschend von ihren Frauen mitgeschleppt wurden, trugen nicht gerade zur Stimmung bei. Mit anderen reden? Fehlanzeige.

Ist also die Zeit für ein gutes Take-That-Konzert vorbei? Das dachte ich zumindest. Bis ich am Samstag eine Show in London besuchen und mich vom Gegenteil überzeugen konnte. Denn in Übersee ist die Boyband-Liebe, wie der Engländer sagt, noch „alive and well“.

„The Circus“ ist eine Neuauflage der gleichnamigen Show, mit der Take That zu dem gleichnamigen Album schon einmal 2009 getourt sind. Das Konzept ist pompös: Auftritte in Stadien, die Kulisse ist ganz auf Zirkuszelt gemacht, echte Artisten führen Zirkusstücke zwischen und begleitend zu den Liedern auf und auch Take That schmieren sich irgendwann die Clown-Schminke drauf.

Aber dass das Konzert zu so einer schönen Erinnerung wurde, lag nur zur Hälfte daran. Der Rest war den Fans zu verdanken. Hier gab es endlich das, was ich mir von dem Auftritt in der Zitadelle erhofft hatte: Männer und Frauen, die oft schon als Teenager Fans der Band waren, inzwischen aber entspannte Erwachsene sind und bei dem einen oder anderen Cocktail einen unbeschwerten Abend miteinander genießen.

Ich war mit meiner Familie da, und als ich mich so umsah, habe ich gemerkt, dass ich definitiv nicht die Einzige war: Da hatte offensichtlich die eine oder andere Mutter ihren Mann und ihre Kinder angefixt, die jetzt im vollen Fan-Outfit begeistert mitgingen. Wir natürlich auch: Zu fünft hatten wir uns den Spaß gemacht und uns T-Shirts drucken lassen, auf deren Rücken wir wie bei Fußball-Trikots die Namen unseres jeweiligen Lieblings geschrieben haben (ich bin natürlich Team Mark!).

Bei der Fan-Kultur in Großbritannien ging mir das Herz auf

Vielleicht lag es an den T-Shirts, aber ich kann mich an kein einziges Konzert erinnern, bei dem es sich so sehr nach einem gemeinschaftlichen Erlebnis angefühlt hat – fast wie eine der Übernachtungspartys, die man damals als Teenager mit Freundinnen hatte. Kein einziges Mal habe ich mitbekommen, wie sich jemand unsozial verhalten hat, stattdessen hagelte es gegenseitige Komplimente und wir hatten unglaublich viele nette Gespräche mit den Frauengruppen, die neben uns standen. Mein Vater wurde von einem netten, älteren britischen Herren „adoptiert“, der zwar den Unterschied zwischen deutsch und niederländisch nicht kannte, dafür aber ganz genau wusste, welches Lied als nächstes gespielt wurde. Selbst der Weg zur Bahn war trotz voller Straßen schön, weil ständig irgendjemand angefangen hat, zu singen, und jeder mit eingestimmt hat.

Ich wünschte, so wäre jedes Take-That-Konzert, aber ich fürchte, dafür muss ich wieder nach Großbritannien fahren. Oder aber: Vielleicht können wir uns ja hierzulande etwas von anderen Ländern abgucken. Liebe Berliner – ich weiß, es gibt Orte und Gelegenheiten, wo es für uns das Beste ist, so zu tun, als würden andere Menschen nicht existieren und einfach nicht ansprechbar zu sein. Aber unter Umständen gehört das nächste Konzert nicht unbedingt dazu.

Was ist Ihre Meinung zu dem Thema? Haben Sie die ähnliche Erfahrungen gemacht – oder ganz andere? Schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com