Weichzeichnung der DDR

Kritik am Film „Kommunist“: Dokumentarfilm über Egon Krenz stößt auf Widerstand

Burkhard Bley, Landesbeauftragter für die SED-Diktaturaufarbeitung, prangert historische Verzerrungen und eine weichgezeichnete Darstellung der DDR an.

Author - Sebastian Krause
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Nach dem Film „Kommunist“ über Egon Krenz gibt es reichlich Kritik.
Nach dem Film „Kommunist“ über Egon Krenz gibt es reichlich Kritik.Soeren Stache/dpa

Scharfe Kritik an dem Dokumentarfilm „Kommunist“ über den letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz. Nach der Uraufführung am 8. Mai warf der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Burkhard Bley, dem Filmemacher Lutz Pehnert eine Weichzeichnung der DDR und eine Verhöhnung der Opfer der SED-Diktatur vor.

RBB hat den Film über Egon Krenz mitproduziert

Der Film von Autor Lutz Pehnert war vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) produziert und unter anderem von der MV Filmförderung finanziert worden. Lutz Pehnert ist der Sohn des stellvertretenden DDR-Fernsehchefs und späteren Vize-Kulturministers Horst Pehnert.

Produktion hat keinen journalistischen Anspruch

Lutz Pehnert hatte dem NDR gesagt, er habe den letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Krenz in seiner Widersprüchlichkeit porträtieren wollen. Sein Dokumentarfilm sei keine journalistische Produktion, eher ein filmischer Essay. Er habe gar nicht die Absicht gehabt, einen weiteren journalistischen Aufarbeitungsfilm zu machen.

„Und ein Dokumentarfilm leistet sich eine andere Herangehensweise. Und das schließt natürlich ein, dass man nicht alle Aspekte, die man vielleicht von einem solchen Thema erwartet, erfüllen kann.“ Natürlich sei es ihm schon um eine differenzierte Betrachtung gegangen, aber mit einer anderen Intention, sagte Pehnert.

RRB sieht Film vor allem als einen Debattenbeitrag

Der mitproduzierende RBB erklärte auf NDR-Anfrage: „Kommunist“ ist keine klassische TV-Geschichtsdokumentation, sondern ein künstlerischer Kinodokumentarfilm, vor allem ein Debattenbeitrag.“ Der RBB habe den Film redaktionell betreut, teilte ein Sendersprecher mit.

Der Film ist kein differenzierter Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sondern er vermittelt bewusst ein geschöntes Bild von der DDR, unterschlägt historische Fakten und bedient sich manipulativ der Bildsprache der DDR-Propaganda.

Burkhard Bley, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur

„Die filmische Umsetzung, die Bildsprache und Erzählweise legen aus unserer Sicht nahe, dass ‚Kommunist‘ Diskussionen und Kontroversen auslöst. Aus Sicht des RBB gehört die Auseinandersetzung mit solchen Themen zu den Aufgaben des künstlerischen Dokumentarfilms.“

Kritik an Film durch manipulierte Bildsprache

An dieser Beschreibung nahm der Landesbeauftragte für Diktaturaufarbeitung Burkhard Bley indirekt Anstoß. „Der Film ist kein differenzierter Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, sondern er vermittelt bewusst ein geschöntes Bild von der DDR, unterschlägt historische Fakten und bedient sich manipulativ der Bildsprache der DDR-Propaganda“, kritisierte Bley.

Die Macher des Dokumentarfilms verweisen darauf, dass er keinen journalistischen Anspruch haben sollte.
Die Macher des Dokumentarfilms verweisen darauf, dass er keinen journalistischen Anspruch haben sollte.imago

Damit verhöhne der Film und sein Protagonist Egon Krenz Hunderte Todesopfer des unmenschlichen Grenzregimes und ihre Angehörigen und alle, die unter dem SED-Unrecht zu leiden hatten.

So viel Förderung hat der Film über Krenz bekommen

Der vom RBB produzierte Film wurde vom Deutschen Filmförderfonds des Kulturstaatsministers mit knapp 60.000 Euro gefördert. Von der MV Filmförderung kamen 70.000 Euro Produktionsförderung. Während die Bundesförderung nach Angaben der Behörde automatisiert nach klaren Richtlinien vergeben werde, entscheide bei der MV Filmförderung ein unabhängiges Gremium vertraulich über die Förderung.

Zwar hatte es dort nach NDR-Informationen durchaus eine Diskussion über den Filmstoff gegeben, letztlich aber auch eine klare Förderentscheidung. Laut Richtlinie ist das Gremium zum Stillschweigen über seine Entscheidungen verpflichtet.

Förderrichtlinie enthält keine journalistischen Kriterien

Diese Richtlinie enthält keinerlei journalistische Kriterien. Bedingung ist, dass der Film die Würde des Menschen achtet, die Grundrechte respektiert und einen nachhaltigen und ressourcenschonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen erwarten lässt, heißt es darin.

Ob ein Stoff eine Förderung erfährt, obliegt einem staatlich unabhängigen fachkundigen Vergabegremium. Der Aufsichtsrat der MV Filmförderung ist an solchen Förderentscheidungen nicht beteiligt.

Bettina Martin (SPD), Kulturministerin

Ausschlaggebend ist zudem ein Landesbezug. Dem Vergabe-Gremium der MV Filmförderung gehört neben anderen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen auch ein Vertreter des NDR an. Zudem ist der NDR Medienpartner des Filmkunstfestes.

Filmkunstfest widerspricht der Kritik am Film

Das Filmkunstfest widersprach in einer schriftlichen Stellungnahme nach NDR-Anfrage entschieden der Kritik des Landesbeauftragten, das Filmkunstfest sei der Verpflichtung, die Kontroverse um Krenz historisch einzuordnen, nicht gerecht geworden. Vielmehr habe das Festival eine Möglichkeit geschaffen, sich mit dem Film in einer öffentlichen Veranstaltung auseinanderzusetzen.

Der Film über Egon Krenz ist von Macher Lutz Pehnert und dem RBB produziert worden.
Der Film über Egon Krenz ist von Macher Lutz Pehnert und dem RBB produziert worden.imago/Emmanuele Contini

Zudem sei es eine elementare Aufgabe des Festivals, Filmproduktionen aus dem Lande eine Sichtbarkeit im Rahmen des Festivals zu geben und eine Möglichkeit zur öffentlichen Bewertung und Auseinandersetzung mit diesen Arbeiten zu schaffen. „Ob der Film misslungen ist, liegt im Auge des Betrachters“, heißt es von Festivalleiter Volker Kufahl und von der Aufsichtsratsvorsitzenden der Filmland GmbH, Barbara Teewag.

Kritiker will Beschwerde bei Filmförderung einreichen

Bley kündigte unterdessen an, sich mit einer Beschwerde an die Filmförderung des Landes und die Organisatoren des Festivals zu wenden. Ein mit öffentlichen Mitteln geförderter Dokumentarfilm muss bei aller gebotenen Kontroversität in der Bewertung des Handelns historischer Personen dem Zuschauer die Möglichkeit bieten, sich anhand einer relevanten Auswahl von Fakten eine Meinung zu bilden.

„Ob ein Stoff eine Förderung erfährt, obliegt einem staatlich unabhängigen fachkundigen Vergabegremium“, sagte Kulturministerin Bettina Martin (SPD) dem NDR. „Der Aufsichtsrat der MV Filmförderung ist an solchen Förderentscheidungen nicht beteiligt.“ Das Vergabegremium beurteile anhand von konzeptionellen Unterlagen vor allem die künstlerische und kulturwirtschaftliche Qualität eingereichter Projekte. Inhaltliche Vorgaben verbieten sich laut Martin auch für das Vergabegremium.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Film? Haben Sie ihn gesehen? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com